Mannheim
Compact Memory

Herzl-Bund-Blätter · 1917-07-01 · 36 (Juli 1917) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Herzl-Bund-Blätter
Volume
1917
Issue
36 (Juli 1917)
Date
1917-07-01
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/4895413-5934809-5934916--476-4895860
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

445 gebaut war! Unter den Erwachsenen sieht es allerdings heute ganz anders aus, eine arelegiösc und teilweise sogar feindliche Stimmung gegen Religion ist heute bei einem grollen Teil der Ostjuden vorhanden. Obwohl das Lossagen von der Religion an und für sich ein absoluter Verlust für jeden Menschen ist, so ist gerade in diesem Falle der Verlust der alten Formen kein allzu großer Schaden für diese Menschen, denn sie bleiben trot/dem noch ganze Juden. Ihr ganzer Gedankenkreis ist ein nur jüdischer, ihre Sprache ist die jüdische. Ihre Lieder, ihre Feste, ihre Kultur, ihre Freuden sind jüdische. Ich habe dabei einen Teil der nationalen, jüdischen Arbeiterschaft im Auge, die mit mehr Mut und Energie ihr Judentum vertreten, als so manche unserer großen westlichen Zionismen. Heute, wo die ganze Menschheit ihren Blick nach dem Osten gewandt hat, wo die weltpolitische Entscheidung im Osten fallen muß, ist es für uns nicht auch an der Zeit, einmal genauer über die Grenzen Deutschlands nach dem Osten zu sehen? Was früher von hier aus für die Ostjuden getan wurde, war Wohltätigkeit, Mitgefühl, Fürsorge, kurzum Dinge, die von uns diesen Aennstcn der Armen gegeben wurden. Ich würde Euch einmal vorschlagen, auf andere Art zu den Ostjuden zu gehen, nicht mit Mitgefühl im Herzen, auch dann nicht, wenn es von den edelsten Motiven getragen wird, sondern ganz und gar als die Nehmenden, nicht als die Gebenden! Diese Leute werden sich schon allein zu lielfen wissen, wenn sie etwas nötig haben. Können wir nicht im Gegenteil von ihnen sehr viel nehmen; ich behaupte es, und zwar in nicht zu unterschätzendem Maße. Habt Ihr Euch schon einmal in einem größeren Kreise von Ostjuden aufgehalten, die nichts .tnderes sein wollten, als Ostjuden und die sogar sehr stolz darauf w.'iren? Habt Ihr schon einmal versucht, mit ihnen in nähere Fühlung zu treten und sich mit ihnen zu verständigen? Ich glaub«.', daß kaum einer von Euch überhaupt den Versuch gemacht hat, in nähere Berührun|g mit ihnen zu treten, auch Ihr Bundesbrüder, die Ihr heute als Soldaten im Osten steht, auch ihr seid mit ganz; wenigen Ausnahmen an diesen Menschen vorübergegangen. Ich kenne ganz jrenau die Klagen, die Ihr gegen sie vorzubringen habt: Unlauterkeit des Charakters, Schmutz, Bestechlichkeit usw. usw., ich kenne ganz genau diese aus dem Lexikon des Antisemitismus herausgesuchten Schlagworte und oft habe ich darüber Schmerz empfunden, daß diese Vorwürfe auch von Nationaljuden gemacht werden. Können wir uns denn ein Urteil über unsere Brüder erlauben? Ich behaupte sogar, daß kein national denkender Mensch so wenig sein eigenes Volk kennt, wie der Nationaljude. - Vergeht doch einmal, daß Ihr diese Kulturmenschen par »■xccllence seid, laßt Euch doch einmal von dem evtl. vorkommenden Schmutz nicht abstoßen und denkt nicht daran, wie sie unter diesen überaus, nicht selbst verschuldeten, unglückseligen Verhältnissen leben! Zerreist nicht noch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.