Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1915
- Issue
- 31/32 (Dezember 1915)
- Date
- 1915-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Zu Chanukah. Von Heinrich Marguli«. Von der großen Veränderung, die der Krieg in uns allen hervorgerufen hat, wissen wir immer nocht nicht viel mehr, als daß sie besteht. Ob wir bessere Menschen wurden oder schlechtere, weiß keiner zu sagen — wer aber verkennt, daß wir anders, von Grund auf anders wurden? Alles, was in uns an verborgenen Kräften war, ist zum Vorschein gekommen; alles, was nur irgendwie in uns sich zu verbergen wußte, weil es in der von der Zeit gebilligten Form des Lebens keinen Raum hatte, nutzte die Hemmungslosigkeit des Krieges, sich den heimlich ersehnten Weg ins Freie zu bahnen. Nun brach es hervor, wühlte und überflutete, zersprengte Gesetze, die bestanden, verschüttete Wege, die wir gingen und grub uns neue Bahnen. Mit der Kraft zurückgedämmter Triebe überwältigte es alles, was nicht in tiefster Seele wurzelte, und alles, was nur aus äußerem Zwang, aus l'Übereinkunft, Sitte und Erziehung in uns Platz gefunden hatte. So wurden wir durch den Krieg, wenn nicht besser, so doch in jedem Fall echter, naturhafter, unverfälschter. Unsere Triebe drängten herzhaft, mit früher nicht gekanntem Mut, zu Dingen, die noch vor kurzem als verworfen, veraltet — als unzeitgemäß verurteilt wurden. Unser Inneres ward zum Kampfplatz und nicht allzuviel von dem, was bestand, erwies sich als stark genug, um auch weiter zu bestehen. Nichts, was noch gestern als ehern galt, schien es heute. Mühsam Geformtes ward formlos, künstlich Gebautes zerbrach. Und nicht ein Stein blieb in dem Hause unserer Seele auf dem anderen.' So wurden wir wegelos und verloren die Klarheit des Blickes. Wo er auch hinfällt, nichts Festes erreicht er und an dem Dunkel des wirbelnden Chaos gleitet er ab. Und breitet einer die Arme aus, so greifen sie in die Luft. Jeder verlor > sich und noch fand sich keiner wieder. Mitten in dieser Zeit, die alles durcheinanderwarf, mitten in diesem Zerbersten einstmals eherner Dinge, in diesem Sichneu-gestalten noch unbekannter Formen türmt sich vor uns ein Erinnern auf, an dessen Unbeirrbarkeit das Toben der Zeit abgleitet wie Schaum vom Meere: Chanukah. das Makkabäerfest. Es wirft sich der Zeit entgegen, mächtig wie Gotteskraft, dämmt sie zurück und hält sie auf: brausend, doch machtlos teilen sich die Fluten, umspülen den Fels und fließen vorbei. Seht, so steht es vor uns als Unentwegtes, das Jahrtausende überstand t Seht, so bietet es sich dar, als das Stärkste, was die Welt ge-