Herzl-Bund-Blätter
- Journal
- Herzl-Bund-Blätter
- Volume
- 1914
- Issue
- 22/23 ( November/Dezember 1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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158 Werner Sombart sagt u. a. in seinem „Judenbuche", in dem Kapitel, wo er die Grundlinien der jüdischen Religion mit denen des modernen Kapitalismus vergleicht: „Mohammed hat die Juden das Volk des Buches genannt. Und das mit Recht. Kaum ein Volk, das so ganz nach dem Buche gelebt hat, wie die Juden." Sumbart leitet geradezu die ganze jüdische Geistesverfassung, unsere „überragende Ge s'.igkeit" neben unserer ganz eigenartigen Geschichte aus eben dieser ständigen Beschäftigung mit der Schrift ab. - , Mit dem Eindringen moderner europäischer Bildung ist die Bedeutung des „Buches" für den Juden immer mehr zurückgegangen und es herrscht ohne jeden Zweifel die Tendenz, daß wir uns immer weiter von dem, was unseren Vätern alles war, entfernen. Unsere Eigenarten bleiben natürlich das Produkt aus dem, was diese unsere Väter getrieben haben. Aber: „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!" Wir müssen versuchen, das historische Werden unseres Seins zu verstehen. Nun ist vor einiger Zeit ein Werk erschienen, das uns dieses „Erwerben" erleichtern kann und ganz dazu angetan ist, den Mangel in unserer jüdischen Bildung, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, abzuhelfen. Ich meine: Micha Josef bin Gorions, „Die Sagen der Juden." •) Dieses Werk stellt sich die große Aufgabe, von der Schrift ausgehend und sie vielfach erweiternd, die Sagen und Mythen der Juden zu enthalten, die sich durch das ganze nachbibiische Schrifttum hinziehen. Das Buch umfaßt aber nicht nur Sagen und Mythen, sondern auch Legenden, Märchen und Gleichnisse. Das, was das Werk von jeder Talmudübersetzung unterscheidet und so besonders wertvoll macht, ist, daß der Stil eine feine Verbindung von sehr gutem Deutsch mit dem Stile des jeweiligen hebräischen Textes ist. Man ist also in der Lage, in ausgezeichnetem Deutsch immer die Eigenart und Persönlichkeit des betreffenden Gelehrten, an den Gorion anknüpft, zu erkennen. Gorion sagt in seiner Einleitung, daß der Zweck der jüdi sehen Sage weniger sei, zu berichten und zu erzählen, als die menschlichen Geschicke und die der Welt auszulegen und zu deuten. Hieraus ergeben sich für den Leser wohl Längen, die Gelehrten behandeln eine Sage, jeder nach seiner Art, und es kann bei einer Sammlung nicht vermieden werden, daß das Thema uns immer von neuem, wenn auch in verschiedenster Beleuchtung, vorgesetzt wird. Dafür haben wir eben Gelegenheit, den ganzen Komplex jüdischer Denkart kennen zu lernen. *) Mich« Josef bin Gorion: Die Sagen der Juden: Jüdische Sagen und Mythen. Hullen & Loening, Frankfurt a. M 1913.