Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Volume
- XIV (1938)
- Issue
- 16 (8.9.1938)
- Date
- 1938-09-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite.2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN Nr. 16/8. 9.38 das ist die Struktur des Judentums. Und wie bei einer gesunden Vrchijpktur Kassade und Inhalt zueinander passen müssen, vi, müssen* .Hielt die Formen religiöser Entfaltung harmonisch ■ dem Geiste zu einer Einheit werden. Nicht der kalte Nationalismus, sondern die seelische Warme ist die w i 1: r'e I ■■ g e r-i n d e s lud e n t u in s. sein eigentliches l.ibeiiseleiliein. L ud da hei nffs Juden \ olk und Glauben eine unzertrennliche I innen bilden, sehen wir dasselbe Hild im indischen Leben immer wieder. Die luden gingen in alle Welt, blieben aber Inden. He sprachen alle Sprachen, aber ihre Seelensprache blieb indisch. Sie bereicherten sich an allen Geistesschätzen und bereicherten die anderen, behielten aber ihre Eigenart Wo sie von dieser tieiruhenden und dälier nicht immer sichtbaren Linie abwichen, da entstand etwas Ungesundes.' ohne Kraft und Dauer. Und aus allen Irrtümern fand Israel immer wieder den Weg zu seinem Urwesen zurück. Wo es seine Lebenslehre vergessen hat mahnte das Schicksal sanft oder herb zur'Besinnimg. Das ist d e r S i u n der I. e h e n s e r n e u e r u n g in der j ü d i,h c Ii e u G e s c h i c b t e. Krauchen wir nicht heute mehr als jemals die Lehetiserneueluug? Wir sind hedaus^erissen wurden aus alten Verhältnissen und wollen und müssen doch leben. Das ist nur möglich, wenn wir uns juf den Hoden der Tatsachen stellen, ohne unser^Wesen zu verleugnen; d. Ii. wenn wir ab bewußte Juden und moderne Meiixcheii innerhalb des Möglichen ein Würdiges Leben führen, venu wir wie unsere Vater eine Weite in der Enge suchen. Wir sinj aus den Träumen erwacht. Das alte Leben liegt in Irinnuieni hinter uns. wir wollen die Lebensrealitäten anerinen. mögen sie noch so hart sein, wir wollen die Moglichkeil einer Forcen tu ickhmg auf neuen Pfaden suchen* W ir suchen d..s_ ifeue i-ebcti mit dem Herzen, mit der Vernunft, und wir rsteti esfinden, alt im G eiste, neu in der Form. D.-.s ifHinel wir nur in der Gemeinschaft und mit .der Gemenin.-Und unsere < •eiueiuschafi isi mein nur eine (icmcilifsStutes, sondern auch des (Glaubens, des Denkens. - r.'ücii können ohne Kultur nicht leben, wir bedürfen des l tw'id allgemeinen Kulturgutes nicht als Luxus, sondern ii imlercr Erhaltung, lernen und lehren, ist für uns der Inhe- 1 i Jes |csch:ch*.hsiicn Zusammenhanges und des Daseinsei es. Jpir haben gar zu lange von Nachahmungen gelebt '.HüV; ist voh! die Sehnsucht nach einer eigenen Kultur :.:;|äcn3 Vher mit der SehnsiiclU allem ist es nicht getan. . -teilet w '- ehrlich: v ou _einen echten indischen Kultur, von mer Kuttuf. .he den modernen iüdrsfchen Menschen ganz auses.tze:i vir mir Anfänge. Bruchstücke. Hausteine sind cii vorhanden, aber noch fehlt der geniale Vrchrtckt. der »roBejI dafeius schaffen konnte. Die Verschmelzung des Judiei mit"4cm Modernen "der richtiger die Verwandlung lies der in vhn Ui \ EMrso p ä i s c Ii e ii i n"s Jüdische ist ein Prozeß. Westeuropa nur langsam Mir sich geht und nicht frei rerbTechmue'i ist. Und auch in Palästina ,st nicht alles weil es hebräisch .iiisgedruckt wird. Viich da fehlt :r »bendite Strom, der aus der indischen Seele flieht, t in der jüdischen Weh Palästina auf Huropa' und Eu- : Pal.ispna eingestellt. Mle Kräfte kulturell und mtira- \ crem i gern >! il! sie einander befruchten, ist eine Vufe unser harrt. li'-C.h mehr vielleicht gebricht es uns auf religiösem Ge- \ei!sc!i"|iHnigen. die wir als Lebeuseriieueriingen aiidjjrrtcn. Die ecligiose Genialität war jahrhundertelang geiitl ehes schöpferisches Gebiet, unser Stolz und unsere Von den Propheten' bis zum ('hassidisimis zieht sich iue Kette herrlicher Hinten, die das religiöse Gebiet nhe« und il.is ganze VOlk beglücken. Wie arm aber w.:r in den letzten Jahrzehnten gerade auf diesem Felde. bitter not tut es hier, eine Lebenserneuerung zu schallte grollte (iefahr ist die Kluft zwischen Leben und Glauben und Leopold Zu uz hat gewiß recht:' ..Nicht der Glaube; sondern das Lehen bedarf einer Reform." ■. Sprechet wir nicht: ..Wir haben heute andere Sorgen." Die jüdische-Seele ist heute noch mehr gefährdet als die äußere Existenz. Es gilt, ihr Nahrung und Sicherheit zu geben. Wir durettg w a reu unJ w i fall Juden verdanken den Zeiten der Not die größten geistigen Errungenschaften. Wenn der svnagogale Dichter singt: ..Und nichts ist uns geblieben als diese Thora", so trifft er die Wah-- heit. Thora b e d e u t e t.' t i e f e r erfaßt: Kultur, Ethik. Le be n s u u e II im Ii ö here n S i n n e. Auch uns muß die Thora im weiteren Sinne am höchsten stehen, mit unserem Wesen verschmelzen, mit dem Modernen zur tiefsten Harmonie .werden. | ' Rosch-Iiaschaiiah ist der „'l ag des Gedenkens". Gedenken jäher setzt ein Denken voraus, jede Versenkung in die Vergangenheit niuli der Schlüssel zur Zukunft sein, jede Rückschau muß den Weg ins neue Leben zeigen. W o stehen wir? VVOhiii wollen wir? Diese Fragen müssen uns stets lebendig sein. Wir leben in ernster Zeit, aber wir leben, weil w ir nach göttlicher Bestimmung ein Eu igkeitselcment sind.!>ie Not lehrt nicht nur beten, sondern auch denken, vergleichen, einen Ausweg suchen. Wir wollen uns und unsere Gesamtheit erhalten, erhalten heißt aberzieht, den Augenblick retten, erhalten heißt noch weniger, das Außere auf Kosten des' Inneren retten, ohne Ausblick in eine bessere Zukunft gibt es keine I e b e n s w e r t e Gegenwart, ohne seelisches Leben keine menschliche Existenz. Wir sind erwacht zum Denken und Schauen. Wir wollen Juden, ganze, überzeugte Juden sein. nicht. weil-'wir müssen, sondern weil wir wollen, aus Erkenntnis und in cht aus/Zwang. Wir wollen nicht damit Scheidewände errichten; soiidern den Weg gehen, den Vorsehung und Geschichte vorgezeichnet haben. W ir. wollen dem Worte Jude einen neuen KlangT einen ' reichen Inhalt geben, wollen der Welt zeigen, daß der Jude auch in schwerer Zeit groß und würdig sein kann. Jüdische Hrtider sind w ir. innerhalb des grollen Kreises der Menschheit, das ist unsere Hestimmung. Wenn wir an'diesem Tage ..Gedenke unser zum Leben!" liefen.: so denken w ir nicht nur an unser Leben, sondern an nu.seregaifze schwer leidende t iemeinschaft. und wir denken nicht an ein Vegetieren, sondern an ein Leben voll i n il e r e r VV ii r d e-. Menschlichkeit u II d G e r e C h - t i g k c i f.. Oer Reichsverband. Der Reichs\crband der Juden in Deutschland ist jn der Sitzung des Rats.hei der Reiehsvertretung der Juden in Deutschland-am 21. Juli IW.N in Berlin geschaffen worden. •Vußeret Anlaß zu dieser Umformung der Reichsvertretung war die Notwendigkeit, die Reiehsvertretung. den durch das Gesetz vom 28. Marz 1938 geschaffenen neuen Rechtsgrundlagen iür die indische Gemeinschaftsarbeit anzupassen. Er bedeutet die seit langem erstrebte einheitliche Zusammenfassung aller orgaui. sierten indischen Arbeit in Deutschland. Der neue Reichsverband baut sich noch stärker als bisher die Reiehsvertretung auf den jüdischen Gemeinden (Kultusver- 'einigungenj auf. Die jüdischen Gemeinden werden Glieder des Reichsverhandes dadurch, daß sie eine entsprechende Hestimmung in ihre Satzung aufnehmen. Die im Deutschen Reich wohnhaften jüdischen Personen' jüdischen Glaubens werden Mitglieder des Reichsverhandes durch die Gemeinde, der sie angehören. Die Gemeinde nimmt die Rechte der Ehizchiiitglieder gegenüber dem Reichsverband wahr, ebenso übt der Reichsverband die Rechte, die ihm gegenüber den Mitgliedern zustehen, durch die Gemeinde aus. Die bisherigen Landesverbände der jüdischen Gemeinden fallen als solche fort. Die Aufgaben des Preußischen Landesverbandes indischer Gemeinden werden auf den Reichsverband übergehen. Von den süddeutschen Landesverbänden werden der Bayerische, der Wurttembergisehe und der Hadische Landesverband die Aufgaben einer Bezirksorganisation als ausführender Stelle des R.V. übernehmen und diese Stellung,auch in ihrem Namen zum Ausdruck bringen. Sovteit erforderlich, können auch andere Bezirksorganisationeii bestehen bleiben oder geschaffen erden. Der Reichsverband wird alle Kräüe konzentrieren und die einheitliche Planung und Leitung der Arbeit auf a 11 e n Ge- ] bieten, auch auf solchen, bei denen die Reichsvertretung bisher nicht in erster Linie zuständig war. Gewähr leisten.