Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt Dresden · 1938-08-15 · 15 (15.8.1938) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
Volume
XIV (1938)
Issue
15 (15.8.1938)
Date
1938-08-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492329-5739447-5770424--176-4895381
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN Nr. 15 / 15.8.38 \<>n Städten ist das Jewish Community Center ein Ort. von dem viele Anregungen .ausgehen und wo' der jüdische Einwanderer besondere'Fürsorge und \\ arme findet. Selbstverständlich ist es. dali der Einwanderer Zeitung lesen muß: .iiier auch das Lesen einer Zeitschritt ist sehr nützlich Ks gibt ausgezeichnete Zeitschritten mit allgemein kulturellem Programm in Vmerika. z. B. I.larper's Magazine und Atlantic Moiitlrtv. I Es ist tast unnötig' zu sagen? daß der Einwanderer nicht alle diese- Wege gleichzeitig gehen kann:.er muH sich heraussuchen, was iifr ihn palit. Ebenso selbstverständlich ist. dali alle Wege ein energisches Betreiben von Sprachstudien voraussetzen. Englischleriien kann, wie oft hervorgehoben worden ist. gar nicht' ernst genug betrieben werden. Radio und Sprechiihn sind wertvolle Hilfsmittel, aber sogar zusammen mit der night school sind sie'swjir hantig unzureichend. In Universitätsstädten kann mau meist einen Studenten oder eine Studentin gegen sehr bescheidenes Honorar nir Konversationsstunden, Korrektur von Brieten und Manuskripten bekommen (jede Universität hat ein studentisches Arbeitsamt). Das ist nicht nur für die sprachliche Vervollkommnung wertvoll, sondern besonders auch deshalb, weil ein intelligenter Student einem sehr viel über die Gepflogenheiten des Landes sagen kann. -. 5. Wie soll der. Neuankömmling den Amerikanern gegenubertreten? Die Wahrung der gesellschaftlichen Können, die in Amerika anders sind als in Europa, ist natürlich auf die Dauer erstrebenswert. (Am wichtigsten ist vielleicht für den Anfänger, dali die •jicuzugezogene Familie von den eingesessenen, mit denen sie beruflich oder sonst in Fühlung kommt, besucht wird, und zwar-meist abends.oder Sonntags: nicht der Zugezogene. Mindern der Eingesessene ergreift also die Initiative zum Verkehr. Doch kann man in geeigneten Fällen diese ganze Frage durch eine formlose Einladung zum Tee o/ier dergl. beiseite schieben, und hinterher vollzieht sich dann in der Kegel alles weitere in angenehm ungezwungener Weise vielleicht mit \usnaJmi« von Neu-Eugland. wo Formiragen überhaupt viel wichtiger sind.» \ber weit wichtiger als die Wahrung der Formen ist allgemein menschlicher Takt. Auch sonst sehr taktvolle Menschen benehmen sich oft nicht richtig, wenn sie von (Gefühlen der Verlassenheit der Fremdheit, der Bitterkeit überwältigt sind. Hier liegt die größte Gefahr, und erhebliches Unheil ist schon dadurch angerichtet worden, dali Einwanderer auch wohlwollende amerikanische Kreise ..verprellt" haben. Es ist durchaus nicht notig. alles Amerikanische zu loben: aber.es ist notwendig zu vermeiden, daß detti Amerikaner die Frage aut" die Lippen kommt: Wenn u*ir zu Hause alles besser gefiel als liier, warum bist du dann eigentlich herüber gekommen? , Um ihn nicht aui diese Frage kommen zu lassen. muH man eben das (.efühl de* Mutianierikaners unbedingt toswerden: siehe oben, (.erade wenn der Amerikaner Europa preist und amerikanische ..stiortcoinitrgs" (Unzulänglichkeiten) unterstreicht, erwartet er. etwas Freundliches libej sein eigenes Land zu hören..aber er hat ein iebies Gefühl dafür, ob so etwas nur aus oberflächlicher Liebenswürdigkeit oder mit Uberzeugung gesagt wird. (>. Schon im allgemeinen Verkehr ist es wichtig, den Eindruck zu vermeiden, als wisse man nichts Gutes über Amerika z\i sagen: es ist noch viel wichtiger im Verkehr mit amerikanischen Berufskollegen. Besonders die Ärz.te. die ja durch das jetzt fast uberall vorgeschriebene ..Praktische Jahr" in einem amerikanischen Krankenhaus sofort in engste Berührung mit amerikanischen Kollegen kommen^, müssen sich des Eindrucks bewußt sein, den ihre Äußerungen machen. Ähnliches gilt von Universitätslehrerj. Die Behauptung, man dürie überhaupt nichts kritisieren, wird zwar manchmal aufgestellt, aber sie ist vollkommen lalsch. Wenn jemand sagt: ..Das haben wir anders gemacht: ich bin mir noch nicht ganz klar darüber, welche Methode eigentlich die größeren Vorteile hat", so leitet er eine sachliche,Diskussion ein. aut die sich der .Amerikaner in der Regel gerne einl.iht: wenn er aber zu verstehen gibt, daß ihm die amerikanische Methode als der verkörperte Unsinn vorkomme, sö ist er für den Amerikaner erledigt. 7. Die beste und wirksamste Form, das zur Geltung zu bringen, was man besser kann als die Amerikaner, ist natürlich, das Bessermachen. Statt den Leuten über die Öde der amerikanischen Geselligkeil zu erzählen obwohl eine scherzhafte, in den Grenzen des Takts sich haltende, gelegentliche Bemerkung gar nicht übelgenommen wird . lade man Leute ein, die gut zusammen passen, und gebe sich Mühe, ein vernünftiges Gespräch in Gang-zu bringen: man vvird über den Erfolg überrascht sein. W er beruflich Dinge gelernt hat. die man in Amerika nicht so lernt, sehe zu. w ie er diese Dinge mit dem kombinieren kann, was man in Amerika tut: er wird mehr neidlose Anerkennung finden als in Europa." Wer versucht ist. sich darnber auizuregen. daß der Durch- -ehnittsamerikaner nicht allzu v iel von europäischer Geschichte und Geographie weiß, suche erst einmal seine eigene Fähigkeit zu enzyklopädischem Wissen durch Kenntnis der amerikanischen Geschichte und Geographie zu beweisen. (Hand aufs Herz, lieber Einwanderer, weißt du. in welchem Staat Richmoud liegt? Es ist geschichtlich und geographisch für Amerika heinahe so bedeutend wie Stuttgart für Deutschland. Oder könntest du erklären, inw iefern Texas in der amerikanischen Geschichte eine teilweise ähnliche Rolle spielte wie Schleswig-Holstein in der deutschen?) ~x. Lieber Einwanderer: Angenommen, du hast Glück und kommst herüber, so kannst du sicher sein, daß dir schon im ersten lahr ein halbes Dutzend Bekannter schreiben, du möchtest ihnen doch mitteilen, welche Möglichkeiten es für sie gibt. Dann bitte gehöre nicht zu jenen., die die Frager mit ein paar unverbindlichen Redensarten abspeisen. Aber sei auch vorsichtig mit den Auskünften: verallgemeinere weder dein Glück, noch dein Pech. Schreibe den Fragern nicht, daß „in Amerika jeder, der hart arbeiten will, seinen Platz findet", nur weil du einen Platz gefunden hast, sei es auf Grund deiner Spezialkenntnisse oder freundlicher Fürsprache. Wenn dein Stipendium oder dein „appointment" nicht erneuert wurde, schreibe nicht, daß die* Amerikaner „mit einer in Europa nicht gekannten Rücksichtslosigkeit" Leute auf die Straße setzen und daß mau deshalb lieber nicht herüberkommen solle: auch in Europa soll es schon einmal vorgekommen sein, daß jemand entlassen wurde. Schreibe deinen Freunden wahrheitsgemäß, daß die Berufschancen des einzelnen im voraus überaus schwer abzuschätzen sind, und daß niemand dem Einwanderer die Mühe, die Kosten und das Risiko des Suchens abnehmen kann:' daß die Übergangszeit immer schwer ist. und daß heute für niemand, allenfalls mit Ausnahme von sehr haushalteriahrenen und körperlich kräftigen jüngeren Frauen. Stellungen bereit stehen: daß aber begabte, tüchtige, energische und sprachlich vorgeschulte Menschen, wenn sie nicht ausgesprochene Pechvögel sind, Aussicht haben, nach kürzerer oder längerer Zeit etwas zu finden, wenn vielleicht auch für ein sehr bescheidenes Gehalt und, was noch wichtiger ist. ohne Garantie der Beständigkeit. Daß es auch besser gehen kann, versteht sich am Rande. Modische Damen-Kleidung Stoffe . Strumpfe Wäsche Handschuhe finden Sie bei uns in sehr vorteilhafter Auswahl WOLLWARENHAUS SAXONIA Dresden-Löbtau, Kesselsdorfer Str. 9

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.