Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Volume
- XIV (1938)
- Issue
- 15 (15.8.1938)
- Date
- 1938-08-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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SEIDISCHES GEMEINDEBLATT ORGAN DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN $ MITTEILUNGSBLATT DES „SACHS. ISRAEL. GEMEINDEVERBANDES" Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda betr. Überwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet.^ XIV. Jahrgang Dresden, den 15. August 193S \r 15 Wege zur geistigen Einordnung. c rikaüischcr t•cscliichtc so vjel von 'ciieu Energien ver/dirt. daß heute Amerika seinen Weg zu machen und durch mattchc | Probleme erst iiiideii itiuli. ijiit denen Europa Schon seit Jahr-. zehnten ringt. Mit uildereu Worten. Amerika wird die Schwelle | vom l'>. zum 2tt Jahrhundert überschreiten müssen. Aber seine gtoße Aufgäbe ist es. dabei die Sackgassen .tri vermeiden, in , die der europäische (ieist im >n. Jahrhundert geraten ist. Dali der Einwanderer etwas von dieser Aufgabe begreifen" soll, heißt natürlich nicht, dal) er sich zunächst kuiturphilosnphischeii Studien zu widmen habe. Aber er soll die Haltung des Mußainerikaners loswerden, (iewiß. er wird in vielen Fallen, einfach deshalb nach Amerika kommen, weil seine \ trw andten | in Chicago und nicht in Johannishurg leben, oder weil er kein Zertifikat für Palästina bekonmieii konnte. Darüber braucht er weder sich noch anderen etwas vorzumachen. Nur sehr wenige [ von den Vorfahren der 130 Millionen Amerikaner haben Amerika : gewählt, weil sie glaubten, dall es das einzige Land sei. das ihren innersten Wünschen < ienuge tun könne. Warum der Einwanderer nach Amerika kam. (st unwichtig: aber unendlich wichtig ist für ihn. seinem Dasein m Amerika einen Sinn Zu' «eben, der nicht nur darin beruht, daß er hier sein Leben verdienen kann. Dazu braucht er nicht dicke Bücher zu lesen, obwohl etwas amerikanische (umschichte sehr nützlich ist. Vberver soll vor allem. seine Augen aufmachen, in jedem Sinn. Kein Mensch verdenkt ihm die Sehnsucht zurück, jeder oder doch fast jeder Amerikaner versteht sie. viele haben sie '.selbst erlebt. Aber trenn Sehnsucht zur Bitterkeit wird, lind das Herz nicht mehr frei ncmtu ist. um das Neue Tu sicjji aufzunehmen, dann w ird sie zur tödlichen Gefahr. Dann lernt nämlich der Einwanderer niemals amerikanische Menschen behandeln, und dann ist er hier verloren. Um in Amerika zu leben. muH mau si.ch an Amerika freuen können: um sich daran freuen zu können.' muH man Amerika studiereu. . - . 4. Wie macht man das. wenn man frisch hereinkommt?' Es gibt hundert Wege. -Man rede mit Menschen, so viel als nur irgend möglich. Wenn man es sich leisten kann, gehe man in ein s u m in e r camp (Sommerlager): die billigsten sind nicht nur wegen der (leldersparnis die besten. Wenn mau Kinder hat. suche man viel ■ Kontakt mit der Schule. Die meisten Volksschulen, wenigstens in Westamerika. haben es gern, wenn Eltern in die Klasse kommen, um zuzuhören. Jede Schule hat eine parentteachers assneiation i Vereinigung von Lehrern und Hitern).' die Teilnahme ist sehr empfehlenswert. Kür Frauen ist die Teilnahme an einem Klub sehr in Erwägung zu ziehen: das geistige Niveau ist natürlich sehr verschieden, die Lebendigkeit des Interesses aber fast immer groli. (Mäiiiierklubs bieten weniger.) Nachstehende Ausführungen entnehmen wjr dem Korben er schienenen neuen Hell ..Judische Auswanderung" des Hilfst eins der Juden in beutschlanJ. Dss neu« Heft behandelt m erster keihe die Vereinigten Staaten von Amerika so* ie J b /ur amerikanischen Einflußsphäre gehnrcnJcn Gebicto Cuba ua i die Philippinen. Di« Anlage des Heftes weicht von der der vorigen ab insofern, als es bei der Behandlung der Vereinigten Staaten nicht ab achv Ht.. darauf ankommen konnte, über ein bisher unbekanntes Gebiet Neues mitzuteilen, ala vielmehr daurauf. irrige Vorstellungen, die vor allem durch die Verallgemeinerung der New Yorker Verhältnisse entstanden sind, zu korrigieren und die wirkliehe Weite unj , Maonig altiekeit des Landes nnJ seiner Verhältnisse in ihrer Bedeutung für den Einwanderer aufzuzeigen Vergl. auch die 'Anzeige über die Bezugsbedingungen in der vorliegenden Ausgabe unseres Blattes 1. Ceistige Einordnung ist etwas völlig anderes als krampfhafte Aüierikanisierung. GewiB ist es ein ungeheurer Vorteil für den Einwanderer, daß die amerikanische Kultur ihm nicht als etwas so Festgefügtes, eindeutig Gegebenes gegenübertritt wie etwa die französische, englische oder italienische. Aber trotzdem kann zum mindesten der im reiferen Alter Auswandernde nie im gleichen Sinn Aiuerikajier werden wie es der im'Land geborene ist. Dabei hängt wenig davon ab. ob mau mehr von deutschen oder mehr von jüdischen Voraussetzungen an das Problem herangeht. Der Einwanderer kann in Amerika engste Beziehungen zum nationalen Leben gewinnen und Millionen von Einwanderern haben sie gewonnen, viele hunderte sind zu Führern geworden. Das ist möglich, weil die Stellung des Einwanderers in diesem Land der Immigration nichts Anormales ist, - - die Vereinigten Staaten sind eben eine gemeinsame Unternehmung der europäischen Völker. Aber wie der erwachsene Einwanderer niemals das Englische ohne Akzent sprechen lernt. ►obwohl er nicht selten einen reicheren Wortschatz und einen besseren (nicht nur korrekteren) Stil besitzt als der geborene Amerikaner, so wird für ihn aniiiierikaiüsche Sitte und, amerikanische Lebensauffassung niemals das Selbstverständliche, unbewußt Angenommene und Geübte sein. Ks liegt an ihm. dieses scheinbare Defizit in Reichtum zu,verwandeln, in Reichtum iür sich vyie für die anderen: das amerikanische Leben wäre ohne den Zustrom von Menschen und Ideen viel ärmer. Auch staatspolitisch ist das bewußte Bekenntnis des von Amerika überzeugten Immigranten zum amerikanischen Staatsgedanken eine wertvolle Ergänzung der oft uudurchdaclrteu Hinnahme amerikanischer EiiiriclHtmgen durch den geborenen Amerikaner. 2. Richtig begriffene geistige Einordnung ist für den Efnwanderer absolut unerläßlich: selbst für die materielle Lxistenzgründung ist sie wichtiger." als viele Einwanderer denken. Geistige Einordnung in Amerika bedeutet vor allem das Hegreifen, daß hier eine ganz große Menschheitsaufgahe zu vollenden ist. Der Kontinent ist erschlossen: die äußeren Bedingungen der Zivilisation sind in überreichem Maß vorhanden: aber diese Nation, in die Volkskräfte aus allen anderen Nationen eingeströmt sind, hat geistige und seelische Energien, die viel mehr als materiellen Reichtum schaffen können und auch nach viel mehr als materiellem Reichtum streben. Nicht nur die Besiegung der äußeren Schwierigkeiten, sondern noch viel mehr die inneren Reibungen zwischen den ursprünglich fremdartigen Volkseleinenten haben in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten ame- Ein anderer Weg ist Teilnahme an den Veranstaltungen des sehr umfassenden Volksbildtiugswcsens: in vielen Teilen Amerika* gibt es ..Forums'" mit ausgezeichneten Rednern und Interessanten Diskussionen.' Die ..night school". die. meist einer öffentlichen höheren Schule angegliedert. Klassen speziell für Neueiuwanderer enthält (Englisch und Bürgerkunde), kann auch tut auf dem Weg über die Lehrerin oder den Lehrer zu wertvollen Berührungen mit amerikanischem Leben führen. In e.iner Reihe