Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Volume
- XIV (1938)
- Issue
- 9 (1.5.1938)
- Date
- 1938-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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[JÜDISCHES GEMEINDEBLATT ORGAN DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN $ MITTEILUNGSBLATT DES „SACHS. ISRAEL. GEMEINDEVERBANDES" Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reidisministers für Volksaufklärung und Propaganda —betr. Überwachung der geistig und kulturell tötigen Juden im deutschen R e i ch s g e b i e t.= XIV. Jahrgang Dresden, den I. Mai 1938 Nr 9 „Aus der Welt der Gebete" (Jüdische Liturgie.) Der unerschöpfliche Besitz an Gebeten - umwittert vom Hauch der Jahrtausende — ist für uns Juden ein so einzigartig hoher Wert, daß es selbstverständlich war, ihn auch im I. c h r hause '/.n behandeln. Die mit Unterbrechungen ein Jahr dauernde Arbeitsgemeinschaft hatte sich die Aufnahe gestellt, die Liturgie unseres jüdischen Gottesdienstes in ihrem großartigen inneren Aufbau urrd die tiefe Bedeutung der Hauptgebete zu größerem Verständnis zu bringen. Alle Gebetstücke des öffentlichen Abend- und Morgengottesdienstes für Sabhath und alle Festtage sind besprochen worden. Besonders da- KaddUch-Gebet, die Schemone-essrc mit der Kcdnschah.da.- Sch'ma mit seinen Segenssjirüchen. das Halle), die Liturgie beim Hin- und Ausheben der Thora, Mußaf. Prie-tcrscgcn. das Olenu und andere wurden in ihrer historischen Eilt: wicklung und in ihrem Inhalt dargelegt, wobei das wissenschaftlich tiefgründige Werk von Professor Ismar Etbogen „Der jüdische Gottesdienst in Seiner geschichtlichen Entwick- ' hing" der Leiterin der Abende als unerschöpfliche Stoffquelle j diente. X Obwohl die Teilnehmer teils aus orthodoxen, teils aus übe-' ralen Kreisen stammten^ manche gut hebräisch verstanden, ntanche fast nichts, so zeigte pich doch an dem allseitigen Interesse gerade die tief verbindende Kraft dieses einzigartiger!, die jüdische Gemeinschaft umspannenden Stoffes: der Gebets- Liturgie. Hoffentlich wurde Deim Eindringen in die Linzel-. heiten wie beim Gesät:ltüberblick über die Architektur der meisten Gebete allen überzeugend klar, welche religiösen Genies, wahre „Meister des Gebetes", manche Verfasser gewesen sind! Wir hätten bei der Behandlung der herrlichen gewaltigen „Tefillah" und ihrer Erweiterung zu den Hohen Feiertagen gewiß Anregungen für nionatelangc religiös-erziehende Beuna als eine vortreffliche Ergänzung zu Prof. Elbogens Auf trachtungen gehabt. D.'^s Werk von Rabbiner Dr. Elie Münk (der jetzt in I'aris wirkt) „Die Welt der (lebete" erwies sieh fassungen, um bei Wortlaut und. Anordnung der tiebete neben dem selbstverständlichen auch manchem geheimen Sinn nachzuspüren. Es bot sich oft in den Abenden Gelegenheit. Auslegungen von Münk zu zitieren, der den Nachweis bringt für den (iehalt an mysti.sch-kabbalistischem Vorstellung*- und Gcfühlsgut in unseren liturgischen Gebeten: aus dem Bereich jener mittelalterlichen blühenden Frömmigkeit, deren Verwurzelung in geistigen Sphären sie gegen die grausamsten äußeren Verfolgungen fast unberührbar machte. Die hochheilige Keduschah und das lichtstrahlende Jozer mit ihre-n visionären Ursprüngen aus Jesaja und .Ezechiel (Jeschajahu und Jecheskel) wurden, in diesem Zusammenhang ebenso wie unsere schöpferische Hciligungs- und Huldigungs-Hymne: das Kaddisch, verlebendigt) diese Kronjuwelen im Gcbctssehatze Israels werden auch bei allen „Wiederholungen" der frommen Andacht derer sicher sein. die die darin liegende haben. positive jüdische Aufgabe verstanden I laß eheim Sagen und Singen der jüdischen Liturgie vor illem.anf die Andacht ankommt, auf Bifochaun und Kav.otioh A'erlrauen und Inbrunst), daß „ein Gebet ohne Andacht, einem Körper ohne Seele gleicht»', .daß unüberwindliche \iifbaukrät"tc aus dem echten Gebe) komineu. - - das wurde aus zahlreichen Zeugnissen über unsere Jüdische Liturgie in unseren Abenden zur Kenntnis genommen, auch aus nicht-jüdischen Federn wie von Else SchuD*rt-Chnstat!eV („Der Gottesdiensten der Synagoge"), von Prof. Rud. Otto (in ..Das Heilige"), Pater Greif („Das Gebet im. Alten Testament") und besonders begeistert von Aime Falliere („Das unbekannte Heiligtum"). Alle heben die ergreifende Schönheit unscrcr^Liturgie hervor, das erschütternde Gegenüberstehen von Mensch zu Gott ohne Mittler, die strenge Einheil Gottes, die llerzensglut manches mystischen hebräischen Wörtstrouics. Sinn und Krafudes idealen Gcmcinschaftsgebetes. < l'allicrc-l'aris klagt allerdings zugleich. ..daß «las heutige 'französische Judentum oft ein trauriger Anblick sei, da edem gesegneten Einfluß der Religion der Väter gegenüber su gleichgültig geworden sei...") Alle die angeführten christlichen Beurteiler kennen natürlich die Gebete.in der l r spräche; deshalb hat auch uns.die Präge der Übcrsetzbarkeit unserer Liturgie lebhaft beschäftigt. In dem Kursus war es immerhin möglich, an Hand \on Siddur und Machsor die wichtigsten Texte hebräisch mit deutscher (Jbtrsetxnng durchzunehmen. (Dabei zeigte sich, daß ein Teilnehmer im Besitz einekostbaren alten Siddursist. auf Pergament wunderschön handgeschrieben mit künstlerisch wertvollen Vignetten.) Bei diesem t»hersetzen gerieten wir so- ■ Kar an rcligions-philo-.iplii-chc I 'rohleme*). dii'. sich an „Jigdal" ■ md „die dreizehn Ikarini des Mainioitides". und au ..Ad.iuu auloin" anschlössen. - Natürlich bindet! da- Ringen mjt dem hebräischen Text der Liturgie die wirkliche Erbauung und da ist beim Beten dann gewiß ein stilles Sich-hingeben an den jeweiligen Gesaintinhalt des Liturgiestückes (den der Beter freilich kennen muß durch häusliches ttjuditfin oder solche Lehrhau*-Abende) vorzuziehen, wobei eine ähnliche seelische Entlastung, Erhebung und Erhöruug wohl möglich ist. (iar manche l.iturgiestelle ist auch in schöner deutscher Fb.cr- -etzung vorbanden, wie wir in un-crem Kursus mit dankbarer Freude feststellten. Schließlich haben wir auch wertvolle gelegentliche Äußerungen neutc lebender religiöser jüdischer Mannet über unsere Liturgie als Anregung und Bestätigung begrüßt, >o von' Martin Buber. .von Jos: Carlebach („Stil und Form dejüd. Gebetes"), von Max Dienemann („Die jüd Gebetsmystik"). Dr. Leo Baeck („Das Gebet im Judentum" i. Dr. Salomonski („Wie sotten wir beten""', abgedruckt in unserem Gemeindeblatt Mai 103$) und vor allem von dem Maler und Dichter Ludwig Mcidncr einen tiefen unvergeßlichen Aufruf „Vom richtigen Beten" (in der, O-V.-Zeitung v. 7. 1. .17). der -ehr ernsthaft durchgesprochen *) In seiner Fredigt zu Sch'mini-azereth-l'essach brachte unser Herr Rabb. Dr. Wolf in der Anlehnung an eine Stelle aus dein Sabbathgruß L'cho daudi: .-.Sauf maa-c. bcuiaehaschow o t'chiltö . -. Des Werkes Schluß. im Gedankenplan das Erste" einen Molchen religiös eingeschmolzenen philosophiScneri "Lehrsatz zum Bewußtsein. t