Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Volume
- XIV (1938)
- Issue
- 6 (15.3.1938)
- Date
- 1938-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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DÜNSCHES GEMEIHDEBIÄIT ORGAN DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN * MITTEILUNGSBLATT DES „SACHS. ISRAEL. GEMEINDEVERBANDES" Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministert für Volksaufklärung und Propaganda betr. Überwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebietes XIV. Jahrgang Dresden, den 15. März 1938 Nr. 6 Zum Purimf est Wer für Erzählkunst Verständnis hat, dem muß die Lektüre des Estherbuchs eine ästhetisch genußreiche Stunde bereiten. Mit vollendeter Kunst ist das Milieu geschildert, hier in breiter, voller Ausführung, dort mit wenigen Strichen anschaulich und lebensvoll skizziert. Die handelnden Hauptpersonen sind plastisch herausgearbeitet, klar und scharf ihre Charakteristik gegeben, selbst die Nebenpersonen wie in jedem echten Kunstwerk deutlich gekennzeichnet. Der Aufbau der Erzählung ist in aller Einfachheit mit vollendeter Erzählkunst gegeben, dje Verwicklung bis zum Höhepunkt und zur Losung geführt. Die psychologischen Momente sind nicht breit ausgeführt, das Seelenleben der handelnden Personen nicht zergliedert, aber in der knapp und straff gehaltenen Erzählung für jeden aufmerksamen Leser klar erkennbar. Es ist eine Novelle, die sich den besten dieser Liteiaturgattung an die Seite stellen kann Aber uns ist das Buch ja mehr als nur ein literarisches Kunstwerk, die Vorlesung im Gotteshaus mehr als eine Stunde ästhetischen Genusses, wenngleich gerade in unserer Zeit die Erkenntnis des künstlerisch Wertvollen in unserem Schrifttum, der Schönheit der Bibel bedeutsam genug sein würde. Uns sagt das Buch so viel, weil es das Walten Gottes in der Geschichte und Aufgabe und Wirken der Menschen zur Darstellung bringt. Dabei ist der Gottesname in dem Buche überhaupt nicht genannt, kein Wunder geschieht — wenigstens nichts, was die meisten Menschen allein als Wunder ansehen, eine Durchbrechung des Naturlauts durch Gottes allmächtige Fügung. Alles verwickelt und löst sich durch das Tun und Treiben der Menschen und — durch den Zufall, in dem freilich der religiöse Mensch das Walten Goties erkennt. Aber dies Walten Gottes bedeutet nicht, daß die Menschen die Hände in den Schoß legen und dann in falschem Gottvertrauen auf seine Hilfe hoffen oder aber verzagen und verzweifeln. Nur wer seine ganze Kraft einsetzt, darf auf die Hilfe Gottes hoffen. Der Untergang der Juden im Perserreiche schien unabwendbar zu sein, nirgend war ein Ausweg zu entdecken. Ueberau verstörte, klagende und jammernde, verzweifelte Menschen, unfähig, sich zu irgend einer Tat aufzuraffen, ja auch nur ihren täglichen Geschäften nachzugehen. Nur einer ist unter ihnen, der wohl in tiefster Seele ersc üttert, aber nicht einen Augenblick aus der Bahn geworfen, auch in der höchsten Not sich der Pflicht bewußt bleibt, alle Kräfte anzuspannen, um für die Gemeinschaft einzutreten. Allem verzweifelten Klagen und Jammern der anderen setzt Mordechai seinen unerschütterlichen Optimismus entgegen, der in seinem echten, verantwortungsbewußten Gottvertrauen wurzelt. Auch er sieht keinen Ausweg. Wenn er von Esther verlangt, daß sie vom König die Zurücknahme des Blutbefehls erbitte, so täuscht er sich über die sehr geringen Aussichten des Erfolgs durchaus nicht Aber er will nichts unversucht lassen, und er weiß aus der Geschichte, daß oft die Bedrängten und verloren Geglaubten errettet woiden sind. Sein Wort an Esther, daß, wenn sie sich der Aufgabe entziehen sollte, von anderer Seite her Rettung kommen wird, ist der Ausdruck dieser Gesinnung. Es ist die Gesinnung, die im Talmud einmal in die Worte gekleidet ist: Die Welt wird ■iiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiim Jüdisches Lehr haus Nächste Termine: Rabb Dr. Och» (Leipzig) Thema wird noch bekanntgegeben (im April) Jugendlehrhaus Rabbiner Dr. Wolf (IDd. Kniwicklung»ge«cbichte) 19. Marz (Sbd) 2. Abend de« Zyklns Dr. Alle« Apt (Einführung in die Weltliteratur) 28. Min (Sbd) Arno RelaUr, Kurt Aronade (JIM Emukklungsgeachichie) S Abend de« Zyklus 3. April (Sbd) Dr. Alle« Apt (EinlOhrnng In die Weltliteratur) 8. April (Sbd) Sämtliche Vorlraungen beginnen ptaxlee 20,15 Uhr und linden im Helnrlch- Arnhold-Saal atatt aufgerichtet und aufrecht erhalten nur durch diejenigen, die in selbstloser Hingebung handeln, als wären sie selbst gar nicht. Wer in der Not der Gesamtheit nur an sich denkt und an die eigene Rettung und das eigene Wohl, der leidet doppelt unter der Not der Gesamtheit, und der wird niemals etwas zu ihrer Beseitigung leisten. Wer bereit ist, seine ganze Persönlichkeit einzusetzen, der gibt sich nicht auf, sondern bringt sein eigenes Ich, seine Persönlichkeit erst zur Vollendung. Das gibt die Beständigkeit der Gesinnung, die allein den Menscnen dauerhaft macht, während die anderen wie ein schwankendes Rohr, abhängig von jeder Veränderung der äußeren Bedingungen zwischen Furcht und Hoffnung hin und her geworfen, heute anders sind, als sie gestern waren, und als sie morgen sein werden — oder vielmehr stets dieselben ewig gestrigen kleinen Leute bleiben, die im entscheidenden Augenblick immer wieder versagen. Geschichtliche Ereignisse sind etwas Einmaliges, sich nicht Wiederholendes und haben doch etwas Typisches. Das talmudische Wort, daß die Schicksale der Väter für die späteren Generationen symbolisch sind, finden wir in der jüdischen Geschichte vielfach bewahrheitet Eine Situation, wie das Estherbuch sie schildert, ist in der jüdischen Geschichte nicht wiedergekehrt, wohl aber kennt die jüdische Geschichte Gefahrzeiten, in denen für einen Teil der Gemeinschaft jeder Ausweg verrammelt zu sein schiert'. Immer wieder hat das Vertrauen sich bewährt, immer wieder ist die Rettung erfolgt. Die Zertrümmerung des alten Israel, später die Zerstörung des selbständigen jüdischen Staates, selbst die Zerstörung des Tempels hat das Judentum nicht vernichtet, so wenig wie die zahlreichen Verfolgungen des Mittelalters. Zahlreich sind die Opfer, die gefallen sind. .Die Juden, neben Griechen und Römern cie dritte große Erziehernation des Altertums, haben die weltgeschichtliche Leistung vollbracht, das gesamte Leben vorbildhaft mit dem. Geist e nes" göttlich sanktionierten Gebotes so zu durchtränken, daß in ihm in der Tat das Moralische selbstverständlich wurde". Dieses Wort eines zeitgenössischen Forschers spricht die Aufgabe, die Sendung des Judentums aus, und diese Sendung ist der Schlüssel zur Lösung des Rätsels der.. Erhaltung und immer erneuten Errettung. Auch wenn wir keinen Ausweg sehen, darf das Vertrauen nicht schwinden, „'.laubt ihr nicht, SO bleibt ihr nicht!" Rabb Or Hern .VoKcIstein, Hreilau Purimcjottesdiemt Am Mittwoch, den 16. Marz, findet In der Synagoge ein feierlicher Purimgottesdienst statt. (6,15 Uhr abends). Montag, den 28. März 1938 — 20.15 Uhr Henriette-Schie-Saal # Gemeinde-Vortrog Frau Minni Rosena k (Bremen) spricht Ober Frauenauswanderung Schlußwort: Dr. Wachtel (Leipzig) Der lim ritt ist frei! Die Jüdische Wlnterhif e bittet herzlich und dringend, die Ihr zugedachten Beträge In den allernächsten Tagen zu fiberweisen | auf das Postscheckkonto Dresden Nr. 10288 Israel. Religionsgemeinde Abt Winterhilfe Die Betreuung von mehr als 800 Hilfsbedürftigen erfordert! große Mittel.