Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Volume
- XIV (1938)
- Issue
- 1 (1.1.1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEIN DEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN Nr I /1. 1. 38 II. Theater-Abend des Kulturbundes Amcha („Dein Volk") oder Das große Los L'nter den zahlreichen Gestaltern ostjüdischen Lebens, mögen sie Dramatiker oder Epiker sein, ragt Scholem Alejchem hervor. Oberflächlich gesehen, wird er als Humorist gewertet Schon der von ihm angenommene Name (eigentlich heißt er S. Rahinowicz) beweist, daß ihm Humor nie Selbstzweck ist. Zu den Werken, die zeigen, worum es Scholem Alejchem geht, zählt die Komödie „Amcha". Er schildert darin ostjüdisches Handwerkertum. Typen aus der Sphäre des Ghettos, Menschen, deren Gedankenwelt, den engen Lebensraum zu sprengen weiß, denen die Kraft gegeben ist, an Wunder zu glauben. Für den Schneider Schimele Ssoroker, die Hauptfigur in „Amcha", ist der Glaube an ein Wunder, an ein Zeichen des Moschiach, gleichbedeutend mit der Erfüllung seiner in Traum und Wirklichkeit gehegten Wünsche. Ihm träumte; daß auf sein Los, nachdem er 18 mal kein Gluck hatte, beim 19. Male ein großer Gewinn gefallen sei. Folglich hat er nicht danach zu fragen, ob, sondern nur, wieviel er „gewann". Das Geld braucht er zu keinem anderen Zweck, als damit Gutes zu tun. Fr will Häuser kaufen, recht viele Häuser, wo keiner herausgeworfen wird, wenn er, wie es ihm selbst erging, die Miete nicht bezahlen kann. Seine Frau soll es schon deshalb gut haben, (und das will etwas heißen), um „weniger Löcher in die Wände" zu schimpfen. Allen will er Helfer. Wohltäter, ein üomel chasadim tovim sein. *. '.*, Zu allererst geht es Schimele um das Glück seiner Tochter. Ihr zuliebe läßt er sich von den Schadchanim tyrannisieren, für sie zieht er einen Parvenühaushalt auf, ihrelwegen wird er sogar einen -feinen" misen Schwiegersohn mit entsprechendem Familienzubehör in Kauf nehmen. Die Tochter hat indes längst ihren Motel, einen liebenswerten GeSeilen ihres Vaters, dem sie selbst dann treu geblieben wäre, wenn Schimele das große Los wirklich gewonnen hätte. Denn mit dem Gewinn war es, da dem Los eine Null fehlte nichts. Das Prachtleben auf Pump ist nach kurzer Zeit z.u Ende. Schimele und die Seinen kehren dorthin zurück, wo sie als einfache .Menschen wieder ehrlich Arbeiten und glücklich sein werden Das Hamburger Kulturbund-Theater b t uns die mehrfach neuübersetzte und bearbeitete Komödie, die im diesmal beinahe vollbesetzten „Trianon" viel Beifall fand, unter der flotten, fachtüchtüchtigen Regie Hans Buxbaums. Die Inszenierug von Heinz Condeil, den technisch Harry Blumenthal unterstützte, ist so gestaltet, als handle es sich bei den einzelnen Bühnenbildern um die Seiten eines Buches. Kate Friedheims Kostümkunst steigert die Wirkung der Inszenierung. ■ »f Die Darstellung der Hauptrolle obliegt Max Koninski, der in die Tiefen edlen ostjüdischen Menschentums einzudringen weiß. Seinen oft überschäumenden, lauten Lebensäußerungen stellt Koninski, ein Künstler von Habimah-Format, in gegensätzlich feiner, innerlich verhaltenerGestaltungdieVerbundenheit mit Gott gegenüber. Edith Hersslik spielt die Frau des Schneiders mit dem nötigen Aufwand' von Derbheit, ohne mütterliche Gefühlsäußerungen zu übergehen. Hans Heinz Friedeberg versteht als Schneidergeselle Motel alle Eigenschaften glaubhaft zu machen, wie sie ein richtiger Jüdischer Kulturbund Dresden t Mitgl d. Reichsverb. d. Jüd. Kulturl., i Deutscht. Büro: Dresd. Ruf 1841» Sonnabend, den I. J a n u a r 1938, 20,15 Uhr, Henriette-Schie-Saal (nicht Trianon) KIPNIS singt Arien v. Verdi (Don Carlos), Offenbach (Hoffmanns Erzählung.), Puccini (Boheme), Smetana (Verkaufte Braut), Lieder v. Schubert u. Rubinstein. Russische Volkslieder 6. Abonnement-Veranstaltung: Einzelstarten KM 4.—. 3.26, 2.60, 1.65, Jugend. 1.—. Nur noch wenige Platze verfügbar Amcha-Schwiegersohn braucht. Seinen Freund ohne Massel stellt überzeugend Rolf W. Feldheim dar. Kurt Schindler gibt meisterhaft das reiche Ekel, das es auf die Schneiderstochter abgesehen hat. Daß sich um diese eigentlich das ganze Stück dreht, ließ das Spiel der fraglos befähigten Elisabeth Springer, von einzelnen Szenen abgesehen, im wesentlichen nur ahnen. Durchweg wirksam, .eindrucksvolle ostjüdische Kleinleutetypen waren Erna Cohn (Lorenz) als Mehlhändlerin, Max Wächter als verschlamperter Türhüter und Fritz Benscher in einer Rolle, in der er Hausverwalter und Schadehen in einer Person zu sein hat. Wenn Julius Kobler die Bühne betritt, wird man bald gewahr, daß ein richtiger Schadehen nur einen Beruf haben kann. Er hat, will er wirklich ein More Nebuchim sein, keine andere Aufgabe, als „zur rechten Zeit die rechten Menschen" zusammenzuführen Unzweifelhaft eine „extraordinäre Kombinatie". Sie wäre, bar jeder Ethik, eine Kombanatie ohne Geist, nichts als eine gleichbleibende spaßige Angelegenheit, wenn Julius Kobler es nicht verstünde, eine Gestalt auf die Bühne zu stellen, die er im Sinne des Dichters zum Inbegriff einer frohen, volksbewußt gesunden, gottgläubigen Weltbetrachtung werden läßt Aus ihr kommt dem Amcha der Mut, inmitten aller Not nicht zu verzagen. Das so in ihm erstarkte Zusammengehörigkeitsbewußtsein gibt ihm Zuversicht, erfüllt ihn immer von neuem mit der Sehnsucht nach Frieden Scholem Alejchem. i Georg Joachimsthal. Rezitations-Abend Lotte Schwarz-Rosenbaum, die jetzt in Breslau wohnhafte bekannte jüdische Vortragsmeisterin und Sprechpädagogin, hatte für ihr erstes Dresdner Auftreten ein Programm mit jüdischen Inhalten, wenn auch nicht nur von jüdischen Autoren, zusammengestellt. Sie wurde jedoch den sehr verschiedenen Stilarten mit Überlegenheit gerecht, umsomehr als sie alle die Dichtungen frei aus dem Gedächtnis gestaltete. Besonders stark gelang ihr im zweiten Teil des Abends die wundervolle Vision des Stefan Zweig: „Raheis Fürsprache", worin die alte jüdische Gedanken- und Ge_ mütswelt der Midraschim in dem formvollendeten Sprachausdruck des modernen Dichters blüht. Ebenfalls eine hervorragende Leistung der Redekünstlerin war eine Hymne von Jehuda Halevy, gesprochen in der Rosenzweig'schen metrisch genauen Übersetzung und dann im originalen sephardischen Iwrith. Zwei Psalmen, von Manfred Sturmann nachgedichtet, erfüllten nicht ganz die hochgeschraubten Erwartungen, da nach den vorliegenden meisterhaften Übertragunge der letzten Jahre jeder neue Versuch etwas noch Vollendeteres darstellen müßte. — Mit viel Sinn für Innigkeit und Idylle trug Frau Schwarz eine Dichtung „Ruth" von Otto Erich Hartleben vor, in der allerdings gewisse biblische Zentralgedanken einer individuellen Erotik aufgeopfert waren. Schließlich sei die plastische Wiedergabe eines Kapitels aus dem Roman „Saul" des tiroler Schriftstellers Josef Wenter erwähnt: der Kampf zwischen David und Goliath wurde da in einem herteren Lichte anschaulich-farbig geschildert. E. B. Tee«Abend der Wizo Der Frauenbund für Aufbauarbeit in Palästina iWizo eröffnete die Abendveranstaltungen des Winters mit einem stark besuchten Abend im -"Heinrich Arnhold-Saal. Der Schwerpunkt war der Bericht von der Wizo-Arbeits-Tagung in Berlin, den Frau Grete Ansehet in erschöpfender Weise gab und a^f die Referate von Benno Cohn (die gegenwärtige Lage im Zionismus!, Dr. Wera Mahler („Uber die Vorbereitungslager"), Frau Großberger und Frau Irene Tugendreich (Über die Aufgaben der Wizo in Patäs ina und hier) einging. — Vorher hatte die Dresdner Vorsitzende Frau Dr. Handzel. die zahlreich Erschienenen begrüßt und Frl Ruth Heilbrunn mit. Rezitationen und Frl. Spalter mit Klaviervorträgen angenehme ünterhaltung geboten. Zwei in Dresden anwesende Funktionäre zionistischer Einrichtungen, Dr. Behrend vom Keren Hajessod und Herr Kapydlowsky als Propagandaleiter, sprachen noch in fesselnder Weise Uber die aktuellen Probleme. E. B.