Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Volume
- XIII (1937)
- Issue
- 25 (13.12.1937)
- Date
- 1937-12-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492329-5739441-5770379--063-4895284- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 D D ISCH ES ORGAN DER ISRAELITISCHEN 1 RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN £ MITTEILUNGSBLATT DES „SACHS. ISRAEL. GEMEINDEVERBANDES" Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reidisministers für Volksaufklärung und Propaganda =betr. Überwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen R e i ch s g e b i e r.= XIII. Jahrgang ( Dresden, den 22. Dezember 1937 Nr. 25 . Krankenbesuche Zu den heiligsten Verpflichtungen, welche die Thora uns auferlegt, zählen: Krankenpflege und Toten-Ehrung. Ein gewichtiger Teil der zur Krankenbetreuung gehörenden Aufgaben sind Krankenbesuche. Kranke zu besuchen erscheint an und für sich eine so einfache Sache und bietet doch, wenn man es genau betrachtet, für viele Menschen ungeahnte Schwierigkeiten. Keine unüberwindlichen, aber sie können nur behoben werden, wenn der Besucher guten Willens ist und nicht gedankenlos glaubt, seine Verpflichtung damit erfüllt zu haben, daß er den Kranken besucht hat. Nicht auf den Besuch an und für sich kommt es an, sondern ob er seinen Zweck erfüllt hat. Zweck des Besuches aber ist, den Kranken zu erfreuen, ihn seine Schmerzen vergessen zu machen, ihm Trost und Aufrichtung ins Krankenzimmer zu bringen. Von dem vielen, was sich hierzu sagen ließe, wollen wir nur einiges wenige herausgreifen. Wie oft kann man Ohrenzeuge folgenden Gesprächs sein: „Halsen Sie schon gehört, Herr X ist erkrankt?" „|a, ich habe mir vorgenommen, ihn zu besuchen." „Das muß ich wahrhaftig auch, wann gehen Sie zu ihm? Vielleicht können wir zusammengehen?" „Ich bin gerne bereit. Wann paßt es Ihnen, vielleicht morgen um 11 Uhr?" „Recht, ich hole Sie ab." Nein mein Herr, möchte ich mich da einmischen, Sie holen Herrn X nicht ab, er geht allein, und Sie gehen allein. Warum wollen Sie denn den Kranken besuchen? Um ihm die Zeit zu vertreiben, oder um sich selbst zu unterhalten? Denn das ist das traurige Ergebnis solcher gemeinsamen Krankenbesuche, daß die Besucher meist ein sie interessierendes, dem Kranken ganz gleichgültiges Gespräch führen, sich also selbst gut unterhalten, während der Kranke seine Schmerzen unterdrückt, sich vielleicht, um seinen Besuch in der Unterhaltung nicht zu stören, stillschweigend Entbehrungen auferlegt, und nur den einen Wunsch hat, baldige Entfernung des Besuches. Wäre jedoch jeder der Hen cn für sich allein gekommen, wie hätte sich der Kranke zweimal gefreut, anstatt sich einmal opfern zu musssen. Solche Krankenbesuche gehören zu jenen Wohltaten, von denen der Dichter sagt: Wohltat kann zur Plage werden. Zu Krankenbesuchen gehört ungeheuer viel Takt. Jeder Kranke muß individuell behandelt werden. Jeder Kranke ist auch, das muß bedacht werkte?., roetw »der «träger Egttfst.'Tir "spricht dann g«V. Von S'C" selbst, erzählt immer wieder seine Leidensgeschichte, will bemitleidet oder, je nachdem, auch bewundert werden, daß er soviel standhaft ertragen hat. Da darf der Besucher nie ungeduldig werden, er muß auf die Gedankengänge des Kranken eingehen, soll ihn nicht durch Widersprüche reizen. Wenn der Besucher sich dann entfernt, wird der Kranke das Empfinden haben, das war eine angenehme halbe Stunde, und seine Bitte, kommen Sie doch bald wieder, wird von Herzen kommen. Das ist auch für den Besucher der schönste Dank für das gebrachte Zeitopfer. Dem Wunsche des Kranken, bald wieder zu kommen, sollte dann aber auch nach Möglichkeit Rechnung getragen werden. „Gewiß, gerne", denkt mancher, „aber woher die Zeit nehmen?" ■Wir schneiden damit ein trauriges Kapitel an. Nicht aus Gleichgültigkeit, aus Mangel an Zeit, unterbleiben manche Krankenbesuche. Alexander Kipnis singt in Dresden Alexander Kipnis, der gefeierte jüdische Sänger, wird nach seiner erfolgreichen Amerika-Tournie auch in Dresden singen, Das außergewöhnliche Konzert findet am Sonnabend, den I. Januar, 20,15 Uhr, im Henriette-Schie-Saal statt. Der Künstler bringt ein ausgewähltes Programm zu Gehör, u. a. Arie aus dem „Requiem" von Verdi, welches er in Salzburg unter Toscanini mit großem Erfolg gesungen hat, sowie Arien aus „Hoffmanns Erzählungen", „Boheme", „Verkaufte Braut" und Lieder von Schubert, Rubinstein, und russische Volkslieder. (Als Zugabe ist, wie wir hören, ua. die berühmte „Don Carlos"-Arie von Verdi vorgesehen). Gewiß, die Zeitumstände bringen es mit sich, daß jeder mit seiner Zeit geizen muß. Männer und Frauen sind mit Arbeit überlastet, sorgenvolle Gedanken bedrücken fast jeden, es ist ein ständiges Hasten und Jagen, wo soll man da die Zeit zum Besuchemachen hernehmen? „Ich habe viel an Sie gedacht, ich hätte Sie gerne besucht, aber es ging mit dem besten Willen nicht, ich hatte keine Zeit." Ist es wirklich wahr, du hattest keine Zeit? Ueberblicke einmal dein Tageswerk im Laufe einer Woche. Hast du nicht an dem-einen oder dem anderen Tag ein halbes Stündchen verschwätzt oder sonst vergeudet? Fehlte es dir nicht vielmehr an der Lust zu dem Krankenbesuche als an der Zeit? Du hattest Wichtigeres zu tun! Mag sein! Es mag dir-wichtiger erschienen sein, aber ich sage dir, es gibt gar nichts Wichtigeres als einen' Krankenbesuch! Denke dir, da liegt ein armer Mensch in Schmerzen, er wünscht Aussprache mit seinen Freunden, nicht zu häufig, er ist nicht anspruchsvoll. Aber es kommt keiner der alten Bekannten, sie haben keine Zeit. „Vergessen, ehe ich gestorben bin", denkt sich der Vereinsamte. Und jetzt frage ich dich noch einmal, gibt es etwas Wie tigeres alseinen Krankenbesuch? Du weißt doch, Krankenbesuch^ ist Mizwah — und du bist der letzte, der es versäumen will, eine Mizwah zu erfüllen. Besonders zu beklagen ist es, wenn versprochene Besuche unterbleiben. Auf etwas warten, ist für Gesunde schon lästig, wie erregend ist es erst für Kranket denen solche Enttäuschungen bitter wehtun körinen. Eine besonders schwierige Frage ist es, welche Gesptäche führe ich mit Kranken? Dazu kann man wohl allgemein gültige Ratschläge gebfen, aber bestimmte Vorschriften lassen sich nicht aufstellen. Jeder Kranke muß individuell behandelt werden. Da muß man sich auf den gesunden Menschenverstand und den Herzenstakt des Besuchers verlassen können. In Jedem Falle aber empfiehlt es sich, sich vorher zu überlegen, welche Unterhaltung TÄiVmit detn Kranken führen will. Durch Gedankenlosigkeit wird in dieser fcllenun8 v'e' Unheil angerichtet. Unser Thema kann an dieser Stelle nicht e.St,,.öPfend behandelt werden. Nicht eine kurze Abhandlung, ein ganzesiwC!; Iieße sich darüber schreiben. Den Arzt, den Psychologen müßte man i>3«2; Krankenpflegerinnen, vor allem dem Kranken selbst das Wort geben. Wir aber wollen nun noch auf eine andere Alt von Besuchen hinweisen, die man auch unter die Kategorie von Krankenbesuchen zählen dürfte. Besuche bei Einsamen, Vereinsamten. Ist unfreiwillige Einsamkeit, ist Verlassensein nicht auch eine Krankheit? Sicher ist, daß davon betroffene Menschen leiden und unserer Hilfe bedürfen. Die Zeitverhältnisse bringen es mit sich, daß in dieser Hinsicht Hilfe in vielen Fällen dringend geboten ist. Durch die Auswanderung sind viele Eltern ihrer einzigen Freude beraubt, durch Umzug entbehren viele Menschen ihren bisherigen Bekannten-