Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Volume
- XIII (1937)
- Issue
- 21 (15.10.1937)
- Date
- 1937-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492329-5739441-5770370--033-4895258- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JÜDISCHES GEMEINDEBLATT ORGAN DER ISRAELITISCHEN DRESDEN MITTEILUNGSBLATT DES „SACHS. RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN -iL- ISRAEL. GEMEINDEVERBANDES" Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reidisministers für Volksaufklärung und Propaganda betr. Überwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen R e i ch s g e b i e t.= XIII. Jahrgang Dresden, den 1. November 1937 * Nr. 21 Tränen des Volkes von Manfred Sturmänn Allen Gießbächen der Erde gleich. Rannen die Tränen der Väter. Sie flössen zurück in die Hände des Herrn. Aus diesem Tränenstrom. reich Wie die Regen aller Jahrhunderte. Blühte empor die Besessenheit Da zu sein. Wir aber haben die Tränen der Väter Nochmals zu weinen, laßt uns durchwaten Den ewigen Tränenstrom. Niemand kann sich der Geißel entwinden. Nur wem das Weinen der Väter Die Brust geöffnet, der ist begnadet. Die eigenen Tränen zu mischen In die Tränen des Volkes. Am Sonnabend, den 13. November, liest Manfred Sturmann, MUnchen, auf Einladung des Jüdischen Kulturbundes im Heinrich- Arnhold-Saal aus eigenen Werken. Der Dichter ist dem literarisch interessierten Publikum Dresdens aus früheren öffentlichen Abenden und aus seinen weitverbreiteten Werken kein Fremder. Es wird von starkem aktuellen Interesse sein, zu vernehmen, wie ein Dichter vonden Graden Sturmanns den seelischen Problemen der Juden unserer Tage Ausdruck verleiht. Der.- Künstler — jüdisch-politisch ein Vorkämpfer der zionistischen Bewegung — liest u. a. aus seinem „Palästinensischen Tagebuch". (Vergleiche auch die Ankündigung!). Zu Beginn des Abends spiicht Stuimann Worte des Gedenkens für Anns1 Joachimsthal-Scbwabe, Dresden. Eindrü&e aus U.S.A. (1937) Von Hermann Schocken Da ich von so vielen jüdischen Mitbürgern aufgefordert werde, über meine Erfahrungen während meines langen Aufenthaltes in Amerika zu berichten und meine Meinung über Aussichten und Einwanderungsmöglichkeiten bekanntzugeben, will ich versuchen, es zu tun, soweit es in einem kurzen Zeitungsbericht möglich ist. Ich habe in den Monaten meines Aufenthaltes drüben fast alle führenden Persönlichkeiten des öffentlichen jüdischen Lebens der Großstädte gesprochen und habe mit den jüdischen Organisationen aller Art, die sich mit Einwanderung und mit Eingewanderten befassen, verhandelt. Ich habe mit vielen Hunderten — vielleicht mit über tausend — der aus Deutschland neu Eingewanderten gesprochen und habe mir ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse schildern lassen. Jede dieser menschlichen Einzelerfahrungen im neuen Lande ist ein interessantes Kapitel, und zusammengefaßt von einem wirklich begabten Schriftsteller wäre es ein spannendes Und besonders lehrreiches Buch für diese und kommende Lenerationen unseres alten Volkes. Wir haben solche Perioden des gezwungenen Auszuges und des Umzuges so oft in unserer langen Geschichte durchgemacht, aber außer den wundervollen von Gott inspirierten Erzählungen unserer Thora fehlen uns immer die Schilderungen der menschlichen persönlichen Erfahrungen dieser Auszüge und Umzüge. Das kann natürlich nicht Aufgabe und Zweck dieses kurzen Zeitungsberichtes sein. Ich weiß, wie wichtig es für uns hier ist, gerade diese Erfahrungen unserer ausgewanderten Brüder zu hören, besonders wichtig für die zurückgebliebenen Verwandten und Freunde. Wichtiger für die Allgemeinheit ist es aber wohl, ein zusammenfassendes Urteil über die Gesamtlage der Eingewanderten zu hören und über die Einstellung der jüdischen Führer und der schon lange im Lande Ansässigen zur Einwanderung. Im allgemeinen kann man wohl sagen, daß die deutsch-jüdischen Einwanderer der letzten Jahre sich schnell und gut in die neue Lage hineingefunden haben. Von der ersten Stunde ihrer Ankunft an steht ihnen das ganze Land, jeder Beruf, jedes Geschäft, jede Arbeitsmöglichkeit offen. Einzige Ausnahmen sind einige der akademischen Berufe; aber auch dazu gehört nur eine nicht all zu lange Vorbereitungs- und Wartezeit. Fast alle, die in den letzten Jahren eingewandert sind, haben alteingesessene Verwandte, die meistens in guten Verhältnissen leben. Wenn nun auch einige über traurige Enttäuschungen mit ihren Verwandten berichten, so kann man doch saget}, daß in den meisten Fällen diese Verwandten alles mögliche getan haben und tun, um zu helfen. Ich kenne die Entwicklung der letzten zwei Generationen hüben - und drüben und verstehe deshalb gut die Gründe, die hin und wieder — und gar nicht so oft zu Enttäuschungen zwischen Verwandten geführt haben. Das große Ideal in Amerika unter allen Schichten der Bevölkerung ist „Selbständigkeit", d. h. ohne Inanspruchnahme auch seiner AI ernächsten vorwärtszukommen. Außerdem hat sich der Lebensstandard der Juden Deutschlands in de» letzten zwei Generationen sehr stark nach oben hin entwickelt und ist ganz bedeutend höher als der unserer Menschen in anderen Ländern, und dieser erhöhte Lebensstandard erschwert das Leben unserer Auswanderer. Natürlich wird Zeit — kurze Zeit — diesel Übel, wenn man es so nennen darf, beseitigen. Jedenfalls ist dieser höhere Lebensstandard auch ein Grund, weshalb drüben die Not unserer Menschen nicht voll erkannt wird. Unsere Einwanderer kommen viel besser bekleidet an wie der Durchschnitts-Amerikaner. Sie bringen ihre guten Möbel aus Deutschland mit, und sie ziehen nicht in die Slums (Armenquartiere) wie die früheren Einwanderer. Man kann kein großes Mitleid haben und keine große Hilfsbereitschaft aufbringen für Menschen, die nicht wie trostlose Bettler aussehen. Dieser höhere Lebensstandard ist auch einer der oft angegebenen Gründe; obg\eich" es meiner Ansicht nach nicht der wirkliebe Hauptgrund des Versagens der Kinderadoption ist, von der man sich so viel versprochen hatte. Die meisten Einwanderer haben es aber verstanden, sich den veränderten Verhältnissen anzupassen. Sie haben es gar nicht leicht. Sie sind bereit, jede auch noch so schlecht bezahlte, untergeordnete schwere Arbeit anzunehmen. Ich bin überzeugt, daß gerade diese Menschen am schnellsten vorwärtskommen und das sie gar