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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1937-07-15 · 14 (15.7.1937) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
13 (1937)
Issue
14 (15.7.1937)
Date
1937-07-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 GEMFINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSCEMEINDE DRESDEN Seite 1 Jüdische Profile eines Jahrhunderts Fortsetzung aus Ilr. 12 u. 13 Von MeTr Gertner (Hamburg) Das Bildnis. Widerspruchsvoll und vielfältig, energiebeladen und voller überschwänglicher Bewegtheit wie seine Zeit war das Wesen Joseph Süß Oppenheimers. Sr war eine ausgeprägte Barocknalur: maßlos, schrankenlos, macht- und geldgierig, genußsüchtig, derb sinnensroh, ousschweiftnd in allem, alle Grenzen übersteigend. Starke seelische Gegensätze vereinigte er in sich: aufgeklärtungläubig und märtyrerhaft-gläubig, kaufmännisch-rechnerisch und märchenhast.verschwenberisch,denkscharfunbphantasiere!ch,analytischer Kopf und schwärmerisches Gemüt, herrisch und demütig, grausamhartherzig und mklbe-wohltätig, liebenswürdig-galant und brutal-grob, vorsichtig und rücksichtslos, geliebt und gehaßt, bezaubernd und grauenerregend, ein Wunder und ein Gespenst. Er verläßt das Judentum und bleibt Jude. »Süß, der Mosen schlecht gelesen und doch auch kein Ehrist gewesen" reimten die Feinde. »Ich bin," sagte er einmal, »Volontär aller Religionen und halte die Speisegesohe nicht." Angesichts des Todes aber äußerte er: »Ich bin ein Iud und bleib' ein Iud." »Ich will als Märtyrer für meine Religion sterben," sagte er den drängenden ptlestern. Der Weg. Heidelberg, seineGeburtssiabt, Stuttgart, »seine" Residenzstadt; Frankfurt, Heimatstadt seiner Vorfahren; Mannheim, die modern-fortschrittliche, kurpfälzische, freie Handelsstadt, wo Hugenotten, Wledertäufer, Juden und Emigranten aller Art frei lebten,- Wien, die Stadt seiner berühmten Verwandten, der kaiserlichen Hofjuden;. bas sind die Hauptsioiionen seines Weges. Er hotte wie alle Juden damals eine jüdische Erziehung genossen, konnte hebräisch, eignete sich ober auch europäische Bildung an, reiste viel als Großkausmann, wurde Vankier, Münzjube/Hoffaktor, Finanzienrat und Hofjude am herzoglich württembergischen, absolutistisch regierten -Hof. Er wurde reich, mächtig, Europäer, emanzipierter und assimilierter Jude. Steil in schwindelnde Höhe führte sein Weg zum Ausstieg, der den Sturz um so erschütternder machte. Ganz Württemberg, Ehristen wie Juden, haßten ihn und wünschten ihm bas Echllmmfle. »Oes Landes Gift, der Vürger Pest, ist alles ln Jub Süß zu finden,- er ist vor Feuer,. Galgen, Rad, vor Schwert, Strick, Pferd und Zangen schab" lautet ein Spottlied. Entsprechend der an Zauber, Magie und Geheimkräfte glaubenden Zeit hielt man ihn für einen kabbalistischen Hexer, der den Herzog gefangen sielt. Wie die Umwelt über ihn dachte und fühlte, zeigen allein chon die Rrmrn der Schriften, die über ihn erschienen: »Dollkommene Historie und Lebensbeschreibung des fameusen und berüchtigten würstembergischen Avanturiers Joseph Süß" oder »Oer jüdische schelmische Heilige und Schandmärtyrer Iud Süß" (2738). Oie angestammten Tyrannen der Länder waren nur Bedrücker er aber war der jüdische Bedrücker,- bas Los traf ihit daher doppelt schwer. Genau zweihundert Jahre sind eS her» daß er nach dem Tode des Herzogs verhaftet wurde si737). Sr endete 2738 am Galgen. Vorbilder. Wie seine beiden Vorgänger, die »Hofjuden" Joseph ben Iaarob in Ägypten und Joseph ben Matitjahu (Jofephus Flavkus) in Rom ist auch Joseph Süß in Stuttgart eine beliebte Romanfigur geworden. Denn nicht nur ist der äußere Hergang der Fabel sehr ähnlich: Verlassen der Heimat, Wanderung kn die Fremde, Dienst an Fürstenhöfen, Aufstieg zur Macht, Reichtum und Ansehen - sondern, was viel wesentlicher ist.- die ewige Problematik des Juden in der Fremde, die fragwürdige Position, zwei verschiedenen Welten anzugehören, die lrag'che 5. MATTERSDORFF GEGRÜNDET PRIVATBANKHAUS 1849 SEESTRASSE 14 RUF 25955 Hoffnung auf Gleichwerdung des schicksalhaft Ungleichen, das Wissen um das Anderssein und der Wille zum Gleichsein: dies alles ist in der Wanderung des ersten Joseph von den primitiv beduinischen, aber durch Gottes^ Offenbarungen erhellten Zelten Eichems in die kulturreichen, hochzivilisierten, aber heidnischen Paläste Pharaos vorgeblldet. Oer zweite Joseph, der »verräterische" Verteidiger des dem Untergang geweihte,. Jerusalem, läßt sich von der Weite Roms, seiner reichen Kultur, seiner Weltmacht, überwältigen und verläßt die heimatliche Enge, um als ein zwar angesehener römischer Hofhistoriker, aber dafür recht fragwürdiger Patriot weiterzuleben. Auch der dritte Wanderer vom Ghetto nach Europa, von Frankfurt- Heidelberg nach Stuttgart, tut das Gleiche. Vom ersten Joseph heißt es: »Und es stand auf ein neuer König, der den Joseph nicht mehr kennen wollte". Dies war der Sturz. Ebenso erging es Iud Süß. Rach seinen Leistungen fragte man nicht mehr: »seine Mitarbeiter, denen er zu Stellung und Ansehen verholfen, entlasteten sich, indem sie. ihn beschuldigten; seine jüdischen Freunde, die durch ihn zu Reichtum gelangt waren, zogen sich zurück oder sagten belastend gegen ihn aus." Er dachte aber sicherlich nicht an seine historisch-symbolhaft geworbenen Schicksalsgenossen, vielmehr ist seine Familie ihm Vorbild und viele andere: die zahlreichen Hofjuden, Bankiers und Finanzmänner seinerzeit; denn sie waren die ersten Pilger in die Emanzipation. Daß aber er als einziger berühmt-berüchtigt wurde, ist nur seinem einzigartigen Naturell zuzuschreiben, das ihn als die Verkörperung einer historischen Situation erscheinen läßt. Spiegelbild. In ihm spiegelt sich die Zeit wider; die politische, soziale, geistige und psychologische Lage einer Epoche zeichnet sich in dieser strahlend-schillernden Figur ab. Er ist wie ein Prisma, bas die historisch-analytische Zerlegung der bunten Farben des Zeitgeistes ermöglicht. Wir betrachten ihn wie ein Spektrum der Zeit und sehen Geschichte. Fortsetzung in nächster Nummer. Gebetzeiten für die Zeit vom 23. loli bl» 7. Ang. » 2 « 3 c . if «I t* 3 tt X < 1 1 <Ss Synagoge L 8 -8 £f a e o 2 « n 2 -o es« Wochentage: Synagoge morgens 7», abends 7 Uhr Schacharis > J.-Gott.-O. Jj? Mlncbo 2 Maariw » Fr. 23 16 Sa: 24 I« 730 630 9 8(5 9 Woea’cbanon(Schab. Nacbmu)Hafi 830 4jO 8 9 Fr. 30 21 Sa. 31 23 730 630 9 8 *m;. Jes 40»-26 Schrifterkl. Spr. d. V 4 Ekew Halt Jes. 49“. 51* Schrifterkl. Neumondverk. Spr d. V. 5 730 N30 430 745 845 Aa|. Fr 6 2# Sa 7 8) 73C 6 TO 9 78083 5 Ansprache in der Synagoge R’eh (Schab. Rausch Chaudes.h) Haft ies.be*-* Schrifterkl. Spr. d V 6 730 8J0 430 735 835 SflflO B *1 ,n Dresden befinden sich ca.5000 luden ■ aber nur 1 Schreibmaschinengeschäft von Sally Mayer» Ulalpurgisftr. 9 «Ruf 12045 Erika, Conti, Ideal und apdere Systeme Rechenmaschinen - Farbbänder- Kohlepapiere Kleine Anzeigen — im Gemeindeblatt veröffentlicht — haben großen Erfolg! 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