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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1937-07-15 · 14 (15.7.1937) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
13 (1937)
Issue
14 (15.7.1937)
Date
1937-07-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN AMTLICHES ORGAN DES GEMEINDEVORSTANDES MITTEILUNGSBLATT DES SÄCHSISCHEN ISRAELITISCHEN GEMEINDEVERBANDES XIII. Jahrg. DRESDEN/15* JULI Ion Nr. 14 Der Tag des Zerbrechens Zum neunten Aw 5697* Von Sch. Ben-Chorin, Jerusalem Nachdiucfc veiboten ■ -J. Das Zerbrechen Die Idee Israels ist eine Dreiheit: Volk, Land, Gesetz. Ueberall wo diese gottgewollte Dreiheit zerbrochen ist (also in der ganzen Galutgeschichte, in allen ihren Stadien), ist statt der Konkretisierung der Idee Israels eine Pathologie Israels sichtbar geworden. Dies erkennen heißt den metaphysischen Ursinn des-neunten Aw erfassen. Denn dieser Tag ist nicht ein Tag der „Erinnerung an die Zerstörung des Tempels'', kein „nationaler“ oder „religiöser“ (beides Termini, die auf Israel bezogen ihre Gültigkeit verlieren) Gedenktag, sondern eine heute, jetzt und hier allerrealste Wirklichkeit, deren Vorhandensein nicht in Frage gestellt werden kann, da unsere (von der Idee Israels her gesehen) pathologische Existenzform täglich, stündlich und minütlich die absolute Jetztigkeit dieses Tischa Beaw unter Beweis stellt. Tischa Beaw heißt also nichts anderes, als das geschichtliche Evidentwerden des Zerbrechens der Dreiheit Israels und damit der jetzt wirksamen und real vorhandenen Pathologie Israels. Also nicht das Erinnern (an die Zerstörung Jerusalems und des Heiligtums) ist das Wesenhafte, sondern das Erkennen der grundsätzlichen Unheilbarkeit des an diesem Tage angehobenen Zerbrechens: der grundsätzlichen Unheilbarkeit allein aus unserer Kraft, ohne das Hinzukommen der verzeihenden Gnade Gottes- Wie also ist der Tatbestand? Israel ist sündig geworden und deshalb aus seinem Lande vertrieben. Was aber ist das „sündig werden“? Das heißt: Israel ist vertragsbrüchig geworden. Es hat sein am Sinai gegebenes Wort gebrochen und damit (gewarnt durch den Mund der Propheten) das Strafgericht Gottes über sich heraufbeschworen. Das Ui4eil, das über Israel gefällt wurde, ist ein Urteil auf Weltzeit. Seine Annullierung bedeutet das Ende der Geschichte. Aber das Reich der Versöhnung mit Gott, auf das alles jüdische Denken bezogen ist, kommt nicht wie das Himmelreich der Evangelien „wie der Dieb in der Nacht“ (heimlich, plötzlich, unvor.iergesehenerweise), sondern es ist ein Reich der Vollendung, das Reich des sich vollendenden Israels. Es ist also in unsere Hand gegeben, mitzuarbeiten an der Heilung des pathologischen Zustandes, in welchem wir uns befinden. Allerdings ist es uns nur gegeben, das Werk zu beginnen, die Vollendung aber ist Gottes. Dieses erkannten die Geschlechter vor uns und zogen aus dieser Erkenntnis im wesentlichen zwei Konsequenzen: die Konsequenz der indirekten Zurückführung Israels oder der Rabbinismus und die Konsequenz des direkten Weges oder die Mystik. Rabbinismus: das ist die letztmögliche Verwirklichung des Gesetzes, um durch dfe Einheit des Gesetzes die Homogenität des jüdischen Volkes zu gewährleisten und die Einswerdung von Volk *) Der Fasttag wird in dietem Jahre am Sonntag, den 18. Juli begangen. und Gesetz zu ermöglichen. Volk und Gesetz zu einer unlösbaren übernatürlichen Einheit verschmelzen zu lassen, das ist Sache des Menschen. Was bleibt dann noch über, um die Pathologie Israels aufzuheben? Die Rückführung des Gesetzesvolkes in das Land des Gesetzesvolkes. Und dieses ist Gottes Sache. So etwa tut sich das „System“ des Rabbinismus, gesehen unter dem Aspekt des neunten Aw, dar. Mystik: das ist der Versuch, die Grenzen, die zwischen Gott und seiner Schöpfung (also auch zwischen Ihm und Seinem Volk Israel) bestehen, zu durchbrechen, einzugreifen in den Weltplan Gottes und die Erlösung mit der Macht des Gebetes und der Kraft der entflammten Seele und der Gewalt des heiligen Wortes (Schern, Jichud, Tikkun usw.) herabzuzwingen. Beide Wege: Rabbinismus und Mystik sind gegangen worden, und beide Wege waren gut, weil sie aus dem Bewußtsein der immerwährenden Konfrontation mit Gott und des Gebundenseins an Ihn gegangen wurden. Auf diesen zwei Wegen marschierte Israel bis zum Einbruch der Emanzipation. II. Emanzipation oder die Atomisierung des Zerbrochenen Die-jüdische Geschichte kennt zwei Ereignisse, welche als Erreger des pathologischen -Zustandes, in welchem wir uns befinden, anzusprechen sind. Das eine Ereignis ist die Ausemanderreißung von Volk und Land'als Folge des zerbrochenen Gesetzes (9. Aw 70 n. Lhr.) Auf den beiden oben angegebenen .Wegen ist nun eine Zusammenfügung des Zerbrochenen angestrebt und weitgehendst verwirklicht worden: die Einheit von Volk und Gesetz war im jüdischen Mittelalter (dieses reicht bis zur Emanzipation) Wirklic keit. (Auch diejenigen Kreise, die den Weg der Mystik gingen, nahmen das Joch des Gesetzes im vollen Umfang auf sich). Das zweite Ereignis ist die Emanzipation und die verschiedenen Formen der Assimilation, welche sie im Gefolge hatte. Emanzipation bedeutet die Ausemanderreißung des wieder geheilten Bruchstückes, der Einheit von Volk und Gesetz in eine unübersehbare Menge von Einzelindividuen, die durch nichts mehr aneinandergekettet -sind, als durch das Band des Blutes und — wenn man es so formulieren will — den offenen oder versteckten Haß der Umwelt. Emanzipation ist also die Atomisierung der zwei im Heilungsprozeß befindlichen Teile der Dreiheit Israels. In diesem Zustande also befindet sich das jüdische Volk gegenwärtig. Aber es ist nicht so, daß die gewollte Dreiheit auf die Dauer zerbrochen werden kann Zwei Teile zu fügen ist immer des Menschen Sache, kommt die Gnade Gottes aber dem Sichbemühenden entgegen, dann wird auch das notwendige Dritte hinzugefügt und die Eihheit wieder errichtet. Die das Mittelalter

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