Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 11 (1.6.1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gemeindeblaff -er Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Amtliches Organ des Gemeindevorstandes Mitteilungsblatt -es Sächsischen Israelitischen Gemein-everban-es 9~9 ,n5iv„ , XIII. Zahrq. / Dresden, den 1. Luni 1937 Nummer 11 Besuch unseres alten Dresdner Judenfriedhofs an der Pulsnitzer Straße » Am vergangenen Maifonntag-Dormittog besuchte ein größerer Kreis von Gemeindemitgliedern jene weihevolle alte Stätte, wo vor fast 200 Jahren - im Zähre 7757 - unseren in Dresden schon ansässigen jüdischen Borfahren ein „Beth Olam" (— Haus der Ewiakeit oder „Beth Ehajim" — Haus des Gebens sind die gebräuchlichen frommen jüdischen Bezeichnungen für den Begräbnisplatz) eingeräumt wurde. Bevor wir den unter strahlendem Frühlingshimmel in stimmungsvoller Stillt schlummernden Gottesacker in der Neustadt aussuchten, hatte uns der Syndikus der Gemeinde, Herr Dr. Eaalheimer, im Saale des Lehrhauses (Heinrich-Arnhold-Bau) durch einen auf allen zugänglichen Quellen beruhenden, tief schürfenden Bortrag in die Geschichte unseres alten Dresdner Zudensiiedhofes eingeführt und auch die geschichtlichen Zusammenhänge beleuchtet, unter denen wir seine Entstehung und seinen Wert zu betrachten hätten. D>e Geschichte der Juden in Sachsen ist ja nicht wie die in den rheinischen Städten - etwa in Mainz, Worms, Speyer - von bis heute erhaltenen Grabdenkmälem seit dem Jahre 1000 begleitet; vielmehr erfahren wir nur durch Erwähnungen in alte., sächsischen Urkunden laus denen uns der Dortragende in dankenswerter Weise manches zur Kenntnis brachte), daß schon um das Jahr 7000 in der Mark Meißen Juden lebten, 726.5 eine Zudei.ordnuisg in Dresden erlassen wurde, wo es bereits eine jüdische Gemeinde mit Synagoge am „Züdenhof" gab. Oie Zudenverfolgungen im 74. Zahrhundert rotteten auch die Dresdner Gemeinde gänzlich aus; aus einer alten Dresdner Ehronik las der. Bortragende erschütternde Worte vor: „in dem 40. Zahre worden die Juden gebrant zu Basnacht". Zn den späteren Zahrhunderten zur Darstellung der Epoche „Kursachsen und die Zuden in der Zeit Brühls"' benutzte der Bortragende die gleichnamige Dissertation von Költzsch und trug Interessantes aus der Geschichte der damals in Dresden zugelassenen Zuden, des „Residenten und Hoffaktor" Berend Lehmann und seines Schwagers Zonas Meyer vor. August der Starke hatte zu seiner polnischen Königskrönung und für einen Kriegszug, als der schwedische König Karl XII in Sachsen einfiel, sich von diesem „Schuhjuden"' die nötige Anleihe beschaffen lassen, aber noch immer durften trotz der anerkannten geleisteten Dienste diese Schuhjuden nicht einmal ihre Toten in Dresden begraben. Auf eine Befürwortung des Kurfürsten hin lehnte der Bat einen Zudenbegräbnisplah mit der Begründung ab, daß die Folge die Errichtung einer Synagoge sein würde mit der öffentlichen Ausübung ihrer Beligion und, wenn man den Zuden solche Bergünstigungen einräume, dann die Bömisch-Katholischen und die Deformierten, denen die öffentliche Ausübung ihrer Beligion gleichfalls verboten war, ähnliche Ansprüche erheben würden. Auch als schließlich Berend Lehmann „als besondere Gnade"' auf der pirnaischen Gaffe (der jetzigen Landhausstraße) ein Haus käuflich überlassen erhielt, mußten sie ihre Toten nach wie vor nach anderen Orten, zumeist nach Teplitz und Goborten in Böhmen, zur Bestattung überführen. Erst 7757, nachdem eine israelitische Krankenverpflegungsgesellschaft in der Dresdner Zudengemeinde sowie eine jüdische Beerdigungsbrüderschast organisiert war, hatte ein Bittgesuch an den Kurfürsten um Überlassung eines Begräbnisplahes Erfolg. „Qnweit des Prießnih-Bach aus dem Sande vor Neustadt den Dresden" lder heutigen pulsnitzer Straße) wurde ihnen am 5. Zuli 7757 gegen ein Angeld von 7000 Talern und Bezahlung für jede Bestattung von 75 Talern unter allerhand Bedingungen feierliche Konzession „zu immerwährenden Zeiten" übergeben. Biel später brachte den Dresdner Zuden, die in Oberrabbiner Zacharias Frankl einen tiefreligiösen aber auch zielbewußten Führer in Fragen des äußeren Lebens erhalten hatten, das Gesetz vom 13. Mai 7537 endlich die Möglichkeit, sich in öffentlicher Beligionsgemeinde zu vereinigen und gemeinsame Bet- und Gchulhäuser zu errichten. So wurde damals nach den Plänen Gottfried Sempers der Bau unserer heutigen Synagoge begonnen. Aber erst das Zahr 7560 brachte die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Bis zu diesem einschneidenden Zahre blieb der alte Friedhof von 7757 die. Buhestätte für alle in Dresden verstorbenen Zuden. Dann, seit 7860, fanden dort nur noch die Beerdigungen statt, bei denen bereits erworbene Grabstellen belegt wurden, und die Schließung jenes alten Friedhofs konnte man wohl damals als eine symbolische Handlung ansehen: Der erste Tote, der auf dem neuen jüdischen, Friedhof auf der Trinitatisstraße bestattet wurde, kam - so empfand man - in freierer Erde zu ruhen. Bach dem dankbar ausgenommenen Bortrage Dr. Saalheimers, der noch mit schönen Sähen aus einer heimatkundlichen Studie über den alten Zudenfriedhof von Schriftsteller Hahnewald in stimmungsvoller Weise beschlossen wurde, begaben sich die Zuhörer fast alle hinaus in jenen stillen Winkel der Dresdner Neustadt, wo im grünen Schatten seiner Bäume der Friedhof liegt, Unter Führung von Herrn Babbiner Dr. Wolf und an Hand von Plänen wandelten wir zwischen den unzähligen alten Grabmälern, die fast durchweg in den schönen Formen des Barock und der dem Barock folgenden Stilarjen gehalten sind. Oie eigenartigen Ornamente: die segnenden Priesterhände der Kohanim, die Waschkrüge der Lewiten, Kränze, Herzen, Sterne, dazu die edele Monumentalität der hebräischen Aufschriften, die nur zu einem kleinen Teil schon verwittert sind, — alles das zusammen mit dem großen Interesse für die alten uns noch wohlbekannten Namen der jüdischen Geschlechter, z. B. Eibeschüh, Meyer, Schie, Bondi, Eger, Salomon, Lehmann, Landau, Elb u. 0., fesselten lange das Interesse des Kreises, aus dem gewiß mancher bald einmal den Besuch wiederholen wird. Denn auch die Naturschönheit dieses von der Zeit mit einem üppigen Gras- und Moosteppich überdeckten Platzes voll der verschiedensten Baumgruppen ist so eigenartig anziehend, daß man wohl verstehen kann, wenn der große jüdische Maler Ma? Liebermann, der vor Zähren diesen alten Dresdner Zudenfriedhof besucht hatte, sich in sehr anerkennenden Worten über den Eindruck geäußert haben soll. Eva Büttner JIDDISCHES LEHRHAUS Nächste Termine: Jüdische Liturgie (Büttner) Donnerstag, den 3. und >0. Juni 1937 Photokurs (Neumann) Bontag, den 7. und 14. Juni 1937