Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 10 (15.5.1937)
- Date
- 1937-05-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Genleindeblalt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Amtliches Organ des Gemeindevorstandes «MWblM dllSöWilieii" " " Verantwortliche Echrlftleitung: Leo Anfchel, Dresden / Verlag: Israelitische Neligionsgemeinde Dresden-A. 1, ZeughauSstraß« 3 / Ruf 14031 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Eternlicht, Dresden-Ll. 24, Altenzester Straße 34 / Fernruf Nr. 48029 / Annahmestelle für Inserate ebenda / Oie 4mat gespaltene 4d-mm.Zeile kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhncrt, DreSden-A. l, Ammonstr. 61 1 Dresden, den 15. Mai 1937 Rümmer io | XIII Iahrq 1 Gedanken zum Offenbarungsfeste Von Lehrer i. R. M. Steinhardt, Dresden Don den mannigfachen Rainen des Schowuausfestes ist für die Iudenheit in" der Gola nur der eine von Bedeutung geblieben: DaS Offenbarungsfest (S'man mattan tauroffenu, d. h. das Fest, an dem unsere Thora gegeben wurde). Die beiden Feste pessach und Echowuaus stehen in innerem Zusammenhang, den man landläufig etwa alö Anfang und Ende oder besser noch als Mittel und Ziel bezeichnen könnte. Denn die Befreiung Israels auS der Knechtschaft geschah nicht um ihrer selbst willen, lediglich um einem Volk von Sklaven die Freiheit zu verschaffen, sondern um dieses Volk, daS durch eine lange Knechtschaft geläutert war, zum Gottesvolke, zum Volke der Religion, zu erheben. Schon die Knechtschaft in Ägypten diente nach dem plane der göttlichen Vorsehung diesem Zweck. Deutlich wird dieses in der Thora (5. B. M. 4, 20) mit den Worten zum Ausdruck gebracht: „Euch nahm der Ewige und führte Euch aus dem eisernen Schmelzofen (Mikkur habarsel), aus Ägypten, um ihm zum Volke deS Eigentums zu werden, wie. es an diesem Tage ist/ Tatsächlich war bei den Israeliten eine höhere Gotteserkenntnis gereift. Eine sonst nicht genügend beachtete Stelle der Thora zeigt dies mit aller Deutlichkeit. Mose war von den ägyptischen Tyrannen mit den gebieterischen Worten hingetreten: Enilasse mein Volk, spn'cht Gott zu Dir, damit es mir diene! Aber zunächst sah es nicht danach aus, als ob er Israels Befreiung erreichen werde. Denn der Despot ließ das von ihm so schwer geknechtete Volk nicht ziehen, er bedrückte es nut noch härter, und auS deS Volkes Munde erklangen die vorwurssvollen Worte an Moses Ohr: Warum bist Du zu Pharao gegangen? Geholfen hast Du uns nichts damit, ja, es geht unS nur noch schlimmer als zuvor! Da entrang sich aus des getreuen Hirten Seele der gequälte Aufschrei zu Gott: Lamah hareotah la am hasch? Warum, o Gott, läßt Du es diesem Volke so schlimm'ergehen? Lamah hareotah. Warum, o Gott, läßt Du mich, läßt Du uns also leiden? Dieser Ausruf, er ist so alt, wie die Menschheit überhaupt. Roch stets, wenn ein Mensch oder eine Gemeinschaft vom Geschick schwer heimgesucht worden ist, hat man die Frage, die an sich ja gar nicht einmal unberechtigt erscheint, an die göttliche Vorsehung gerichtet: Lamah hareotah. warum, o Gott, läßt Du mich, läßt Du uns also leiden? Wir sind berechtigt, von der Religion, die unsere Lebensbegleiterin sein will, die von uns verlangt, daß wir sie als Lebensbegleiterin wählen sollen, eine Antwort auf diese Frage zu verlangen. Hören wir, welche Antwort dem Mose aus göttlichem Munde zuteil geworden ist. Es sprach Gott zu ihm: „Ani haschem (JHWH) Ich bin der Ewiges Ich erschien dem Abraham, Isaak und Iaköb als El schadaj als Gott der 'Allmächtige, aber mit meinem Ramen: (JHWH) - der Ewigseiende, bin ich von ihnen nicht erkannt worden/ Im Reiche menschlicher Erkenntnis wechseln gsr oft die Anschauungen und Begriffe. Was dem einen Geschlechte als unantastbar gilt, was ihm für die Ewigkeit gebaut erscheint, die nächste Generation wirst es über Bord und kann kaum fassen, wie man einmal an solchen Anschauungen gehangen und festgehalten hat. Auch religiöse Erkenntnis ist wandelbar. Es hat sich unser Stammvater Abraham, von der Anbetung lebloser Dinge, von der Anbetung der Ratur und ihrer Kräfte, befreit, er hat erkannt, daß hinter der Schöpfung ein al mächtiger Schöpfer sieht. Es haben fiin Sohn, sein Enkel und seine späteren Rachkommen an dieser Anschauung festgehalten und sie weiter verkündet. Oie erste Stufe menschlicher Erkenntnis, daß über uns ein göttliches Wesen waltet, welches mit menschlichen Begriffen und Anschauungen nicht gedacht werden kann, das unendlich über uns erb-^rn ist, endete aber mit der Vorstellung: Dieses Wesen verkörpert in sich die höchste Macht. Gott ist EI schadaj - der allmächtige Gott! Go himmelhoch sich diese Erkenntnis auch über heidnisches Götzentum erhebt, so hat sie doch ihre Schwäche. Wenn es den Menschen schlecht ergeht, wenn sie nach ihrer Meinung zu Unrecht leiden müssen, so zweifeln nicht wenige an Gottes Gerechtigkeit, ja, an dem Dasein Gottes überhaupt. „Er ist der Allmächtige, warum hilft er uns nicht? Warum läßt er uns also zu Unrecht leiden?"" Es ist die sich ewig gleich bleibende Frage, die Menschen mit dieser Anschauung über das Wesen der Gottheit an die göttliche Vorsehung richten. Es gibt jedoch eine höhere Gotteserkenntnis, einen höheren Gottesbegriff, als den der göttlichen Allmacht allein: Es"ist die Erkenntnis von Gottes Ewigkeit! Zur ihr hatten die Stammväter, die schlichten Romaden, sich noch nicht durchzuringen vermocht, sie blieb dem Mose Vorbehalten. Worin besteht der Unterschied zwischen den beiden Anschauungen? Gottes Ewigkeit lehrt uns, daß wir Menschen sein Walten und Wirken nicht mit dem Maßstabe unseres engbegrenzten Seins und unserer egoistischen Wünsche bemessen dürfen. Richt das Einzelwesen allein ist daS Objekt der göttlichen Weltregierung; diese ragt weiter über alle Zeiten und Welten hinaus. Was uns leidvoll erscheint, vermag sehr wohl dem Ruhen der gesamten Menschheit zu dienen und gereicht vielleicht dem nächsten Geschlechte schon zum Heil und Segen. „Oer Unwissende vermag es nicht zu erkennen, und der Tor begreift es nicht", heißt es hierüber so. zutreffend in dem bekannten Sabbatpsalm (ps. 02). Aber prophetische Erkenntnis und prophetische Weisheit ragt darüber hinaus, und wozu selbst ein Mose sich erst durch göttliche Eingebung durchgerungen hat, das spricht ein späterer Prophet (Zes. 55,8) mit den selbstverständlichen, klaren und herrlichen Worten auö: „Denn meine Gedanken sind nicht Eure Gedanken und Eure Wege nicht meine Wege"!