Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 7 (1.4.1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 Olcmtlulcllflit le» Israelitische», Relißio»Dßemei«de Dreßde» Seite 3 Verständige Selbstkritik Zu Pessach Von Rabbiner Gustav Cohn, Leipzig Nicht wenige Juden leben unter uns, die, por wenigen fahren noch allem Jüdischen unbeteiligt gegenüberstehend, heute in unseren Kreis einbezogen, eine Stellungnahme zu jüdischem Denken und Leben suchen. Eie tun es, je nach ihrer persönlichen Art, in sehr verschiedener Form. Man könnte auch sie mit jenen vier Typen vergleichen, von denen die Peffach-Haggada spricht. Oie Verständigen unter ihnen fragen: was bedeuten die Zeugnisse„die Satzungen, die Vorschriften, die der Ewige, unser Sott, geboten hat. Sie gehen von der Einsicht aus, daß unsere Lehre und unser Brauchtum auch sie angeht, da dies alles, bedauerlicherweise ihnen fremd geblieben oöer fremd geworden, ihnen teuer und wert sein kann, wenn ihnen Sinn und Bedeutung aufgegongen sein wird. Andere haben noch keinerlei inneres Verhältnis dazu gewonnen, sind noch nicht erschlossen genug und fragen nur, als beträfe es Belanglosigkeiten: „Was ist das". Eine butte Gruppe rafft sich noch nicht einmal zur Frage auf: sie blicken wohl hin, lauschen wohl, aber es verdichtet sich nicht zu einer wißbegierigen Anteilnahme. Oie Wissenden erachten es als ihre jüdische Pflicht, ihnen je nach ihrer Haltung Aufklärung zu vermitteln, so wie die Haggada für die Beantwortung der gestellten Fragen entsprechende Formen nahelegt. SS gibt aber eine vierte Gruppe, die einem in der Haggada charakterisierten vierten Typus entsprechend fragt: „Was soll euch dieser Dienst?". Sie wissen, daß es jüdisches Lebensgut ist: aber sie sprechen davon mit überlegenem Spott, mit verachtendem Achselzucken. Und sie betonen das „Such", als ginge es sie nichts an, als müssten, ja, als könnten sie die innere Gemeinschaft mit Menschen ablehnen, die solche Denk- und Lebensformen ernst nehmen. Oie Haggada nennt den zu dieser Gruppe zu Zählenden „Nascha", bösartig und findet harte Worte für ihn. Bösartig ist das höhnischabfällige Urteil, das in der Form der Frage liegt, und das nicht nur dem Fragenden den Weg einer besseren Erkenntnis verlegt, sondem auch Juden und Judentum herabfeht und so geeignet ist, ihm schweren Schaden zuzufügen. Oie Verurteilung einer solchen Haltung soll nicht als eine Ablehnung jeder jüdischen Selbstkritik aufgefaßt werden; das würde im Widerspruch zu sehr alter Übung im Judentum stehen. Von Mosche über die Propheten bis zur predigt der neuesten Zeit ist an Fehlern und Mängeln und Mißstcknden, die im jüdischen Leben feflzustellen waren, von Juden oft geizzig Kritik geübt worden. Mosche hat ganz scharfe Worte gefunden, wenn es galt, dem Volke den tiefen Abstand von der Haltung klarzumachen, die es zu zeigen hätte, wenn es seine Aufgabe erfüllen wollte. Mit unerbittlicher Offenheit haben die Propheten, die Künder göttlicher Wahrheit, den Juden den Spiegel vorgehalten, die, entgegen dem göttlichen Worte, den Armen unterdrückten, den Untergebenen ausbeuteten, Witwen und Waisen übervorteilten, haben den Fürsten und den Nichter gebrandmarkt, der seine Macht mißbrauchte, statt daS Necht aufzurichten. Jm jüdischen Schrifttum gibt es eine umfangreiche Gattung von Büchern, die Mußar-Literatur, in denen rückhaltslos das Abweichen von den in der Gotteslehre'vorgezeichneten Wegen gegeißelt wirb: etwa das Ssefer chassidim des Jehuba HaShaßid, der in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts lebte und wirkte, ober das Meßilat jescharim des Mosche Shajim Luzzatto aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Aber diese jüdische Selbstkritik war weit entfernt von jedem Hohn und Spott: sie hatte vielmehr ihren festen Untergrund in „ Ich suche laufend Gelder für Beteiligung In Industrie und Handel; zum Teil gegen hypothekarisch« Sidterheifen bei günstiger Verzinsung und angemessenem Gewinnanteil. Zuschriften an Wirtschaftsberater Dr. Hans-Dietrich Pohly Dresden A 24, Semperstra&e 4 — Fernsprecher 18 693 der heißen Liebe zum jüdischen Volk und zu seinem Leben; war weit entfernt von jedem Gedanken an zersetzende Zerstörung, wollte nichts anderes, als was einst dem Jirmejahu als seine Aufgabe auferlegt wurde, da er zum Künder des göttlichen Wortes berufen wurde: liwnoth w'lintoa, aufzubauen und zu pflanzen. Aus Liebe zu seinem Volke hat Mosche zu bitteren Worten und harten Strafen gegriffen; in brennendem Schmerze haben die Propheten vernichtende Urteile aus ihrer Seele herausgeschrien, wenn sie die Entarteten in ihrem Volte an den Pranger stellten. Und dies alles nur, und mit keinem änderen Ziele als zu bessern, die Menschen emporzuführen: sie wollten, daß ihr Volk sich zu einem Volle von Edelmenschen entwickelte, wollten, daß kein. Fehl und kein Makel auch nur an Teilen ihres Volkes zu finden wäre, und litten unsäglich darunter, daß nicht alle ihre Brüder und Schwestern dem gleichen Ziele züstrebten. Solche liebende Selbstkritik brauchte nie an den guten Kräften im Volke zu verzweifeln, weil sie nie den inneren Zusammenhang ipit der Gemeinschaft verloren hatte. Und das ist bei jener Gruppe zu vermissen, die heute den Weg zu jüdischem Denken und Leben nicht zu finden vermag, weil sie geneigt ist, Verfehlungen Einzelner zu verallgemeinern und sich über die Gesamtheit der Juden zu erheben. Sie sehen den und jenen Juden, der sich nicht unterzuordnen weiß, keine Disziplin wahrt, und sprechen von jüdischer Disziplinlosigkeit; sie machen mit dem und jenem die Erfahrung, daß er sich nicht in geänderte Verhältnisse zu schicken weiß, und nennen „die Juden" unbescheiden. Würden sie jene Liebe für Juden und Judentum empfinden, dann würden sie wissen, wie wunderber die Juden in Palästina, mitten in dauernder Herausforderung durch Mordbrenner und zerflörungswütige Banden Zurückhaltung und Disziplin bewiesen; würden wissen, welche überwältigenden Zeugnisse von Opferbereitschaft und Selbsteniäußerung, von Umstellungswillen und Anpaffungskraft Juden in diesen Togen größter Anforderungen an jeden einzelnen Juden abgelegt haben, welche großen, achtungsgebietenden Leistungen sie in der völligen Neuordnung sozialer Lebensumsiände aufweisen können. Jene Juden, die von der Peripherie jüdischen Lebens her heute in den jüdischen Kreis hineingetreten sind, stehen gewiß vielsach vor der sehr schweren Aufgabe, eine Zusammengehörigkeit lebendig zu machen, bie bei ihnen kaum noch im Unterbewußtsein bestand. Sie werden sich aber Klarheit darüber geben müssen, daß sie Anschauungen von sich weisen müssen, die ihnen nur geläufig werden konnten, weil sie Juden und Judentum nur von außen her sahen, und sich Urteile derer zu eigen machten, die uns nur von außen her sehen ^wollten. Sie werden sich mit jüdischer Vergangenheit liebend vertraut machen müssen, und werben dann an einer. Tatsache nicht mehr vorübergehen können, die ihr Herz erschließen muß: der Seelengröße, die indem Tragen jüdischen Schicksals in allen früheren Jahrhunderten offenbar wird, und die allen wahren Juden die Kraft zum Überwinden von mancherlei | j i Pasmc I I ] HERRENSCHNEIDER : r HEMDENMACHER : 1 PRAGER STRASSE 32 — FERNRUF 19284 I