Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 2 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Gemeindxblatt der Israelitischen Religion»gemeinde Drelde» Nr. 2 das Grundproblem des Arzttums überhaupt, nämlich um das Primat von Beruf und Privatleben. Vor dem jungen Or. Ferguson, Assistent des berühmten Professors perrins in einem berühmten Krankenhaus, scheint die Gönne eines glücklichen Lebens zu liegen. Gr ist ebenso begabt wie fleißig, ebenso geschützt wie liebenswürdig, in der Berufsausübung winkt ihm eine große Zukunft. Auch sein Privatleben steht unter denselben glücklichen Auspizien. Eine reizende Frau, Tochter eines ebenso begüterten wie einflußreichen Mannes, ist ihm verlobt, und nur wenige Wochen trennen die beiden vor der endgültigen Vereinigung. Aber das Echitsal will es anders. Ferguson wird vor die Frage gestellt, ob er ein wirklicher Arzt sein will, daß heißt alles pn'vate Glück dem Ernst der Berufsausübung zu opfern. Nicht leicht wird ihm sein Weg und die Entscheidung. Er lehnt sich dagegen auf, daß nun alles private sich dem beruflichen unterzuordnen habe. Die Verstimmungen der geliebten Frau, die Überlastung durch seine berufliche Tätigkeit, kein ruhiger Schlaf, keine fn'edliche Nacht, zerren an seinen Newen. Zn einer solchen Stunde, in der alles in ihm aufgewühlt ist, knüpft er in einer Laune Vezkehungen an, deren Flüchtigkeit ihm von vornherein klar ist, nicht aber der Frau. Sie geht daran zugrunde, seelisch und körperlich, enttäuscht über ihn, greift sie zu verzweifelten Mitteln. Tragik erscheint es, daß er selbst in der notwendig werdenden Operation assistieren muß, daß auch seine Kunst das Leben der jungen Frau flicht erhalten kann und daß obendrein die Braut sich nun von ihm wendet - aber es ist nur eine scheinbare Tragik. Oer Weg ist nun für ihn aufgezeigt: nur den hohen und unvergleichlichen Anforderungen seines Berufes zu leben. Um diese Figur gruppieren sich eine Reihe von Einzelschicksalen : junge Ärzte, die sich noch nicht die Sporen verdienten und den ersten Lebenskampf beginnen müssen, ein alter Arzt, der den stetigen Fortschritt der Wissenschaft nicht mehr mitmachen kann, ein jüdischer Arzt, der von Armenpraxis lebt und nicht die notwendigen Subsistenzmittel aufbringt, um die geliebte Frau vor dem Siechtum zu retten, und schließlich die große Gestalt des Or. perrins, die Idealfigur des Arztes schlechthin, der in Treue dem lebt, was er im hippokratischen Eid geschworen hat: »Ich schwöre bei Apollo, Aeskulap, Hygieia und panacea, sowie bei allen anderen Göttern und Göttinnen und rufe sie alle zum Zeugen dasiir an, daß ich folgenden mündlichen und schriftlichen Eid erfüllen will, soweit es in meiner Macht und Kraft steht: Ich will es zur obersten Regel meines Leben machen, den Kranken zu helfen und sie vor Schmerz und Leid zu bewahren. Keinem will ich ein tödliches Mittel reichen, auch nicht auf seinen eigenen Wunsch, und keinem will ich einen Rat erteilen, der ihn zum Tode bringt. Ich will mein Leben und meine Kunst makellos und heilig halten. In welches Haus immer ich komme, überall will ich zum Wohle der Kranken handeln und ihnen Schädigung und Unbill fernhalten. Was immer ich in meiner Praxis vom Leben der Menschen sehen und hören werde, will ich für mich behalten und nicht herumsprechen. Wenn ich diesen meinen Eid stets halte und nie dagegen verstoße, mögen die Früchte des Lebens und der Kunst mein sein. Möge ich geehrt werden von allen Menschen und zu allen Zetten. Das Gegenteil, wenn ich den Schwur verletze und meineidig werde/ Aus bew Hippotraiischen Eid, den die Ärzte Lett den Tagen des alten Griechenland geschworen haben. Sinfonie-Konzert im Jüdischen Kulturbund Dresden Für die Freunde der reinsten und höchsten musikalischen Kunst, der sinfonischen Orchestermusik, war am letzten Sonntag das Konzert ln der Synagoge ein lang ersehnter großer Genuß. Sinfonien von Mozart und Beethoven und vorher eine Ouvertüre von Mendelssohn wurden von einer ausgezeichneten Kapelle, dem »Orchester der Iüdischen Kulturbünde* aufgeführt. Oie vortrefflichen Musiker und Musikerinnen, die zum Teil in ersten Orchestern langjährige Erfahrungen hinter sich haben, zum Test erst wenige Iahre ihre Instrumente beherrschen, sind sehr gut aufeinander ekngespkelt und erreichten oft einen Wohllaut, der nichts zu wünschen übrig ließ. Oie Streicher sind natürlich auch hier die stärkeren Kräfte, doch verdienen auch die Bläser sehr lobend hervorgehoben zu werden, gehören sie doch zu den besten der noch in Deutschland lebenden jüdischen Konzertmusiker. An ihrer Spitze stand am Sonntag ein höchst angesehener Kapellmeister, Professor Ifllius prüwer, den die mustkalische Welt seit Iahrzehnten von seiner Tätigkeit an der BreSlauer und Weimarer Oper und zuletzt als Dirigent des Berliner philharmonischen Orchesters her kennt und schätzt. Seine überlegene Stabführung erwies sich schon sehr gliedernd und klar in Felix Mendelssohns großer Konzert-Ouvertüre »Meeresstille und glückliche Fahrt*, eine Art sinfonische Dichtung auf die bekannten Goethe'schen gleichnamigen Gedichte. Vor 100 Fahren wurde bas Werk im Leipziger Gewandhaus »zum Besten armer Bergleute* aus dem Manuskript gespielt und Robert Schumann (gleich bedeutend alsgenialer Musiker wie als Kritiker) schn'eb über das Werk »Mendelssohns phantasiereiche schöne Ouvertüre Meeresstille und glückliche Fahrt* und »vielen macht nichts größere Sorge, als daß sie nicht dahinter kommen können, welche der Ouvertüren von Mendelssohn eigentlich die schönste, ja beste sei*. Diese Aussprüche seien hier angeführt, weil es heute auch in jüdischen Kreisen Mode geworden ist, Mendelssohn recht von oben herab zu kn'tisieren. Als zweites Werk des Abends gab es eine ziemlich unbekannte Sinfonie von Mozart in L-Our zu hören, deren wundersam blühendes Andante für Streichorchester und ein lebensvoll pulsendes Finale entzückten. Beethovens ll. Sinfonie bildete mit ihrer Ideenfülle den zweiten Teil des Konzertes. Das Adagio, die Krone des Werkes, wurde in all seinem Zauberklang durch das Orchester unter Professor prüwer wiedergegeben (-ein Teil der trefflichen Orchesterschulung ist gewiß auch dem ständigen 2. Dirigenten des Orchesters, dem Dresdner Musiker Richard Karp, jetzt in Frankfurt a. M„ zuzuschreiben). Und Scherzo und Finale mit ihrer bald unwirschen bald heiteren Energie waren ganz Beethovenscher Eharafter, so unbeschwert und stark, daß man wohl von einem seelischen Gesundbab sprechen darf. Wenn nicht der ernste Kultraum ein allzu lautes Beifallspenden als stillos verboten hätte, so wäre der Enthusiasmus und Dank gewiß noch ganz anders zum Ausdruck gekommen. Zur Einleitung des Abends sprach unser Syndikus, Herr Or. Manfred Eaalheimer, der die Belange des Iüd. Kulturbundes in Dresden so erfolgreich vertritt, einige Begrüßungsworte an das Orchester und seinen Dirigenten sowie an den anwesenden Vorstand des Reichsverbändes der Iüdischen Kulturbünde, Herrn Intendanten Dr. Singer. Mit Recht gedachte er dabei auch des letzten größten musikalischen Ereignisses für uns: der ersten Konzerte des Hubermann-Orchesters unter Toscanini in Palästina, über deren Erfolge bas Herz jedes Iuden höher schlägt. Or. Singer antwortete mit stimmungsvollen Worten, die die jüdischen Musiker auf der Wanderschaft Joit einst Iacob zeigten, die ihren Glauben in alle Welt tragen wollen, und doch mühselig alle Steine für ihren Aufstieg erst wegräumen müssen. Über den weltlichen Klängen eines Mozart und Beethoven, die erstmalig in dem Tempelbau erklingen werben, solle der jüdische Geist schweben. - Nachdem er noch die Wünsche und Grüße der Berliner Zentralorganisation überbracht hatte, faßte er das Glücksgefühl und die Demut vor dem tiefen Sinn der gestellten Aufgabe in die Gebetsverse Goethes zusammen: »Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden mich nicht überschütten. Doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden . . .* Eva Büttner. Auswanderer tun gut, «na tie Hat Kefter-Schreibmaichliie «Ic: - Erika, Torpno, Coeti oder dergleichen mitaetaain. Zurückbleibende ■ eiac BOre- oder RcUe-Schreibmafchlae an oder gebraucht (Gctcgnbciiskluic) günstig bei Sally Mayer, Liitklchaustiasse I. Fernruf I2 04S