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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1937-01-01 · 1 (1.1.1937) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
13 (1937)
Issue
1 (1.1.1937)
Date
1937-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Semeindeblatt der Israelitische« Neligionsgemeind« Dresden Nr. 1 I—Reinwandfr. groß. Zinshaus in best. Wohns^sl nuDC läge nahe <Sr. Garten mit ca. 6'i, Rendite zu verkaufen lrL mittelgroßes Zinshaus in Striesen oder 5Uvfl© Johannstadt, Objekt bis 50000 RM bei Anzahlung bis 25 000 RM zu kaufen ERNST LANDSBERGER Sorectiz eit Hypotheken — Grundstücke — Kredite 4 - 6 Uhr WAISENHAUSSTR. 22 — Ruf 14 063 ihr«-Vo t dringlichkeit zu ihrer Zeit. 3m Gegenteil: nur dadurch, daß der heutige Zionismus als Synthese der Gedanken Herzl's einerseits und der seines geistigen Widerparts Achad Haam andererseits zu verstehen ist, hat es sich erwiesen, daß wir es bei beiden mit kongenialen Antipoden zu tun haben und daß beide notwendig und unersetzlich in ihrer Art gewesen sind. Oie grundlegenden Wesens- und Anschauungs-Unterschiede zwischen Herzl und Achad Haam sind aus ihrer grundverschiedenen Herkunft erklärbar: Herzl, der Sproß eines assimilierten Bürger-Hauses, der ohne echte Bindung zu jüdischen Traditionen aufwuchs und auch zeitlebens - diese Feststellung stellt wohl keine Ungerechtigkeit, sondern nur die Registrierung eines unleugbares Tatbestandes dar - -keine umfassende Beziehung zum jüdischen Geistesleben gewann, hat die Zudensrage nur als politische zu erkennen und aufzugreifen vermocht. Es heißt wahrlich nicht die geniale Größe seiner Konzeption zu leugnen, wenn man bekennt, daß damit dos Problem nur von einer - gewiß ungemein wichtigen - Seite in Angriff genommen war. Achad Haam dagegen, der als Sproß eines tiefreligiösen und gelehrten Hauses »auf den Knieen der Thora" und im Geist des Chassidismus erzogen worden war, hat begreiflicherweise in sich die Berufung gehabt, das Primat des Geistig-Kulturellen vor dem politischen zu postulieren. Für Achad Haam sollte der Zionismus nicht oder nur in zweiter Linie eine national-politische Wiedergeburt bringen: vordringlich war für ihn die geistige :Re< naiffance. (Sr hielt ihn für unfähig und für nicht berufen, die maten'elle Fot der Iudenheit zu lindem, sondem wollte durch Errichtung eines kulturellen Zentrums im Land der Väter die Krise des Judentums bannen. Bei der Entwicklung dieser Ideen und seiner Definition des Volks-Begriffs benutzte Achvd Haam meisterhaft Methoden und Ergebnisse westlicher Wissenschaft, die er sich in Jahren hingebenden Studiums erworben hatte. Zu Unrecht wurde er darum von-den strengen Gesehestreuen des Ostens zeitlebens als aufklärerischer »Maskil" befehdet; zu Unrecht: denn - bas hat auch Abraham Schlesinger, der tiefgründige und verdienstreiche Achad-Haam-Forscher in Bmchau dargetan - Hoams Bindungen an die religiösen Gehalte des Judentums blieben immer stark, wenn auch nicht eben die der eingeschworeneu Orthodoxie. f>(e im Osten nie vergessene Zions-Liebe (Ehibbat-Zion) solle eine neue »Belebung der Herzen" erzeugen und Erez Israel solle ihr als »Zufluchtsstätte des Geistes" Heimstätte werden. Ficht auf die Größe der palästinensischen Siedlung, sondem auf ihr geistiges Gesicht komme es an. Es ist verständlich, daß mit solchen Fordemngen Haam in einen scharfen Gegensatz zum politischen Zionismus, für den Herzl's Definition einer „Rückkehr ins Iudenland vor der Rückkehr ins Judentum" maßgebend war, geriet. Daß Achad Haam bei all seiner Geistigkeit alles andere als ein welssremder Stubengelehrter oder Äüchermensch am grünen Tisch war, beweist die Tassache, daß er seine Laufbahn als Schriftsteller nahm von Aussätzen »Ficht dies ist der Weg!", in denen er scharf und sachlich mtt den seinerzeitigen Kolonisationsmethoden abrechnete, und baß seine wiederholten umfangreichen Reiseberichte emfie detaillierte volkswirtschaftliche Kritiken waren. Daß er Hier gelegentlich mit seinen sonstigen Auffassungen in Widerspruch geriet - etwa da, als er eine Ansiedlung von 100 000 jüdischen Bauern forderte, während er sonst einen jüdischen Bauemsianb als atopisch bezeichnete - ist mit Fecht notiert worden. Es fehlt hier leider der Faum, um nur einen annähemden Begriff des GeistesbauS Haams zu entwerfen, barzustellen, wie er fürs jüdische Kulturleben einen in Palästina konzentrierten Wettbewerb mit anderen Dölkem forderte und sich damit gegen Assimilation so gut wie gegen Abkapftung oder Oubnows Autonomie-Ideen wandte, wie er gegen die gestaltlose Vorstellung einer jüdischen Mission sturmlief, obschon seine freilich konkreteren Vorstellungen vom jüdischen Geist verwandte Züge aufwiesen, wie er jüdischem Leiden Sinn gab und darlegte, wodurch die Juden in ihm auszuharren vermochten. Angedeutet werden kann nur, baß er zu einer belebenden Kraft auch jüdischer Wissenschaft wurde (obgleich er seinen Spott über die blutleer gewordene »Wissenschaft des Judentums" ausschüttete) und wie er zu einem der hervorragendsten Führer der hebräischen Kultur- und Sprach-Äewegung wurde. Als Schriftsteller hat er eine Schönheit und Prägnanz des Stils erreicht - vor der sich auch Männer, die ihn wie Klatzkin sonst scharf bekämpften, neidlos neigten -, als Zeisschriften-Herausgeber hat er die junge Sprachbewegung gefördert. Oer von ihm gegründete zionistische Orden der »Bnei Mosche" beendete 1897 sein Wirken und man hätte meinen können, daß diese Fiederlage im Jahr des ersten Ziom'sten-Kongreffes eine endgültige des Kulturzionismus sei. Da ihm aber ein notwendiger und lebenswichtiger Kern innewohnte, da sich Haam auch nicht resigniert zurückzog, brachten er und seine Ideen eine fruchtbare Unruhe dem Zionismus und zwangen ihn zu steter Auseinander- ( setzung mit den geistigen Überlieferungen des Judentums. Das Gesicht des Zionismus hätte ohne Achad Haam wahrscheinlich heute noch das vorwiegend politische Gesicht des Herzlichen Zionismus und er wäre nicht zu jener Kulturbewegung, die er heute doch ist, geworden, wenn nicht »Am Scheideweg" die zürnend-mahnende Stimme Haams erklungen wäre. Achad Haam war der Typ des geistigen Aristokraten und deshalb nicht zum Führer des Volkes berufen,- es war ein geschichtlicher Glücksfall, daß zum geistigen Erneuerer der geniale politische Kopf getreten war und daß heute ein lebensfähiges Werk als Synthese des Erbes von Herzl und Haam auf uns gekommen und uns zurDerwirttichung aufgegeben ist. In unserer Zeit haben die politischen Probleme ihr überwiegmdes Gewicht gewonnen. Fiemand kann die Bedeutung dieser materiellen Lebensfragen verringern wollen. Aber gerade in solchen Stunden, da politische Aufgaben und Sorgen beS täglichen Lebens die Menschen in Beschlag nehmen, muß an die Dinge unseres geistigen Fortbestands und unserer kulturellen Herkunft, für die Achad Haam sich aufopferte, erinnert werden. Auch Juden müssen zuweilen - vor allen in Stunden drückendster äußerer Fot - daran gemahnt werden, baß der Mensch - und vor allem der jüdische Mensch — nicht vom Brot allein lebt und nicht nur körperlich verhungem ■ kann. Diese Mahnung hat selten ein Mann unserer Tage so über- 5 zeugend und eindringlich dargetan wie Achad Haam. Wir Juden sollten uns hüten, mit dem Wort »Prophet" verschwenderisch umzugehen., Aber es gibt Menschen, bei deren Erinnerung sich dieses Bild aufdrängt, und in der Berliner Gedächtnisfeier für Achad Haam vor zehn Jahren hat auch Dubnow diesen Vergleich für zulässig gehalten. In der Tat: vor uns steht Achad Haam, der die bittren Wahrheiten aussprechen mußte, obwohl sie ihm und der Umwelt Schmerzen bereiten mußte, auch er konnte sich - wie es von Jeremias heißt - der Sttmme der Wahrheit nicht entziehen, auch wenn er hätte schweigen wollen. Prophetisch die Gestalt dieses Kämpfers und Lehrers - als der er von S. MATTERSDORFF GEGRÜNDET PRIVATBANKHAUS 18 4 9 SEESTRASSE 14 RUF 25955

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