Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 21 (15.11.1936)
- Date
- 1936-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gemeilldeblatl der Israelitischen Religionögemeinde Dresden Amtliches Organ des Gemeindevorstandes fliilleilunflsblu!! des SSWA»" '"' Verantwortliche Schriftleitung: Leo Anschel, Dresden / Verlag: Israelitische Religionsgemeinde Dresben-A. 1, Jeugdausstraße 3 / 3luf 14051 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Sternlicht, vresoen-A. 19, Etübel-Allee 35 / / Ruf 34185 / / Annahmestelle für Inserate ebenda / / Oie 4 mal gespaltene 4S«mm«Zeile kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Sruhnert, Oresden-A. l, Ammonstr. bl XII. Zahrg. Dresden, den IS. November 1936 Nummer 21 Kampf gegen Ahasver In Hunderten vcn jüdischen Abhandlungen, in Hunderten von jüdischen Vorträgen, von der Lyrik ganz zu schweigen, spukt eine Gestalt, an die wir uns allmählich selbst gewöhnt hoben, spukt der »ewige Iude" Ahasoer. Inden in der ganzen Welt nennen ihn mit Ramen und glauben damit, jüdisches Schicksal bezeichnen zu können. Ls scheint völlig in Vergessenheit geraten zu sein, daß Ahasver eine Gestalt der nichtjüdischen Legende ist und in seiner ganzen Erscheinung keineswegs geeignet ist, jüdisches Wesen und jüdisches Leben zu verkörpern. Ahasver ist zwar ein Iude, aber daß ihm der Fluch des ewigen Wanderns auferlegt wurde, hat mit seinem Iudentum nichts zu tun, sondern ist die Folge einer Strafe, die ihm für ein unmenschliches Verhalten auferlegt wurde: nach dieser Legende hat er den Stifter der christlichen Religion von seiner Türe weggewiesen, als dieser auf seinem letzten Schmerzenswege dort für wenige Augenblicke rasten wollte: einer Strafe also für eine Herzlosigkeit, für ein Verhalten, das in seiner ganzen Art jüdischer Sittlichkeit und jüdischem Gesetz widerstrebt, Und dennoch sind es Iuden, immer wieder Iuden, die sich selbst mit diesem Ahasver vergleichen, selbst seinen Ramen gebrauchen, wenn sie unseres Volkes Weg und Kampf bezeichnen wollen. Aber wir selbst, wir sehen unsere Wanderung ja nicht als einen Fluch und eine Strafe an, die durch ein individuelles Verhalten hervorgerufen worden ist. Dieser Fluch und diese Strafe erscheint in Israels Geschichte immer da, wo das Volk sich selbst verriet, wenn bas Volk die Berufung zum Heiligen vergaß und in die Wege der Völker abirrte. So sehen wir unsere Wanderung durch die Völker der Zeiten als ein Schicksal an, das wir zwar selbst verschuldet" haben, aber nicht in bezug auf Menschen und Menschensahung, ja nicht einmal in bezug auf eines der großen sittlichen Gebote, sondern als ein Schicksal, das folgerichttg eintreten muß, wenn der Iude Gott und die Lehre verläßt. Dann werben wir fremd unter den Völkern. Dann werden wir heimatlos. Dann sehen uns die anderen nicht als Kinder eines starken und frohen Volkes, sondern als Irrende und Wegelose unter fich. Leo pinsker hat es in seiner »Autoemanzipation" auf die klassische Formel gebracht: »Oie Welt erblickt ln diesem Volle die unheimliche Gestalt eines Toten, der unter den Lebenden wandelt ... So ist der Iude, für die Lebenden ein Toter, für die Eingeborenen ein Fremder, für die Einheimischen ein Landstreicher . . .* Das Wandern als «in Fluch - so sieht es der Seßhafte. Oer Mensch, der Haus und Hof hat und darauf rechnet, die Güter seines Lebens noch den Erben vermachen zu können, wandern als «in Fluch - so fleht es der Bürger eines Staates, dem Sicherheit ein hoher Wert ist. Wandem heißt, fich nicht an jedem Abend hinter schützende Tore zurückziehen zu können, kein Haus und kein Dach haben, keinen Richter, der das Recht des Fremden ■ schützt, keinen Freund, der ihm Beistand leistet, weil er ihn kennt und ihn liebt. Dennoch! Ist der Seßhafte sicher? Waren die sicher, die sich erschauernd die Legende vom Ahasver erzählten, der nirgends länger rasten, darf als einen Tag und eine Rächt? Waren die Männer und Frauen hinter den mittelalterlichen Stadtmauern sicher, daß nicht der nächste Tag Kriegsleute vor die Tore brachte, Brand und Blutbad in die Straßen ihrer wohlgebauten Städte? Waren sie sicher, daß nicht die Seuche mit ihrer furchtbaren Hand nach ihnen griff und ihre wohlgegründeten Häuser verödete? Wer ist denn sicher? Wzr unter Menschen ist denn nicht Wanderer, wenn man sein Leben nach den äußeren Gegebenheiten betrachtet. Oer größte deutsche Dichter hat es gewußt und hat es als ein hohes Gut gewertet: » - - - nicht sicher, aber tätig frei zu wohnen." Aus der Täuschung, daß menschliches Leben etwas Dauemdes und etwas Sicheres sei, erwächst die Vorstellung, daß man zwischen Rachbarn und Freunden in dem ruhigen Verlauf gewohnter Tätigkeiten in Sicherheit wohne. In der Vorstellung der Menschen ist da noch ein Rest von jener inneren Haltung, die in jedem Fremden den Feind sah. Das Wort »Gast* der deutschen Sprache entspricht einem gleichen der verwandten lateinischen »hosiis" — Feind. Aus dieser Vorstellung erhellt tue hohe Bedeutung, die die Gastfreundschaft bei allen Völkern hat. Ieder' Wanderer ist unsicher. Darum muß er sich am fremden Orte gleichsam 'Heimatrecht verschaffen und kann dies nur, wenn einer der Einheimischen, der Kinder des Landes ihn zum Gastfreund und damit gleichsam in die Hausgemeinschaft und Volksgemeinschaft aufnimmt. Gastfreundschaft muß der Wanderer suchen, will er sicher sein. Sicher für einen oder hundert Tage, aber nicht für ein ganzes Leben der erzenen Arbeit. Wir Iuden wissen von unserer^Wandernmüssen unter unseren Völkern als einem Schicksal. Und hart traf es uns immer nur / dann, wenn wir uns in der falschen Sicherheit wiegten, daß Gastfreundschaft mehr sei als sie einst gewesen war, in jenen Tagen, in denen der Fremde fast noch ein Feind und des Schutzes bedürftig war. Wir wissen von unserem Wandernmüssen als einer Folge unseres Abfalls von unserer Eigenart und unserer Aufgabe. Aber ist das ein Fluch? Ist nicht in unserer ganzen Geschichte immer wieder deutlich geworden, dass es für jeden »Abtrünnigen^ eine »Umkehr" gibt? Iede Umkehr Israels war eine Heimkehr. Iede Umkehr Israels führt unser Volk zu sich selbst, zu Gott und zur Lehr« zurück. Wer unter uns wagt aus dieser Erkenntnis her, sich selbst und uns mit den Ramen eines Ver- ^79894