Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 19 (15.10.1936)
- Date
- 1936-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 19 » Demeindeblatt der Israelitischen Re l i g i o n S g e^m e i n d e Dresden m IS RANZIIRIDNER Unserem hochehrwürdigen Rabbiner von Dresden, Herrn Prof. Dr. phil. Jakob Winter, zum 50-jährigen Amfsjubiläum. „Haziwi loch zijunim!“ „Stelle dir Denkmale auf! Richte dein Herz auf die Bahn, auf den Weg. den du gegangen!" Also begannen Sie selbst, ehrwürdiger1' Redner, die Predigt. Mit Jeremias Ermahnung. Kapitel einunddreißig. Als Sie das Denkmal geweiht, das an den Weltkrieg uns mahnt. Aber ein freudiger Grund, das prophetische Wort zu befolgen. Ist uns der heutige Tag. den wir als „Zijun" begehn. Und auf die Bahn, die Sie an unserer Spitze gezogen. Richten in treuem Gedenken heute wir unseren Sinn. Hat nicht ein halbes Jahrhundert in unserem Dresdner Bethaus Sabbath um Sabbath, Festtag und Fasttag, zur Freude und Einkehr, Ihre Stimme das Wort uns des Höchsten verkündet! Wer unsern Semper’sehen Tempel Jahrzehnte zur Andacht besuchte. Muß Ihnen heut mit schuldiger Ehrerbietung bezeugen. Daß Sie Ihr wichtiges Amt. die Seelen aufwärts zu lenken. Ernst, oft mit zornigem Mut und mit nimmerermattenden Eifer, Doch weise, redlich und klug für unsre Gemeinde verwaltet. Wer Ihre Predigt verstand, der nahm aus jeder sich Kräfte. Denn Sie beleuchteten ja von allen Seifen die Welt. Immer doch lebte ifn Mittelpunkt all Ihrer Reden. Strenge das Pflichtengebot, heilig zu sein auch im Alltag. Zwar betonten Sie gläubig, daß Gottes Kraft nur uns stärke. Dennoch verlangten Sie stets vom Menschen Bemühung des Willens, Um den Vorsatz, den frommen, umzuwerten zur Tat, Phrasen und weiche Gefühle allein wiesen- Sie ab als fruchtlos. Und Sie predigten stets: „Es opfre der Einzelne sich und . otdne sich in-die. Gemeinschaft!" „ Freilich — wie Sie in all den Jahrzehnten stets ihre Reden Vorbereitet. — in Inhalt und Form gleich bedeutend gestaltet — Das ist in diesen Zeilen zu würdigen leider unmöglich. Sind doch die Predigten, obzwar bleibende Werte enthaltend. In dem gleitenden Strome der Zeiten vorübergerauschet Und im einzelnen wohl leider die Themen vergessen (Denn am Sabbath darf man ja nicht, wie beim Hochschulprofessor. Sich den Inhalt notieren, so sehr auch der Wert es verdiente.) Wie denn schildre ich numdie Ansprache — vielseitig fesselnd — Dem, der sie öfters versäumt und nur am Festtag ihr lauschte? Meistens mit biblischem Wort in hebräischer Sprache. Dem Übersetzung wohlweislich gleich danach folget. Beginnen Sie einfach und klar. — den Tag an der Sidra erläuternd. Tiefe Weisheit, die Sie als Knabe und werdender Mann schon In der berühmten Jeschi wah von Bur und vonPreßburg studierten. Wo Sie bei Ihrem Raw. dem großen Scheweth Ha-Saufer. Gemara. zur Mischna gelernt. Halacha sowohl wie Agada; - Heute noch geben Sie uns davon belehrende Kunde. Wenn Sie die Worte der Weisen auch wandeln für unsere Zeit. Wissen wir doch von Ihren gelehrten und seltenen Schriften. Daß Sie zum ersten Male ins Deutsch übersetzt und erläutert: „Mechiltha. den Tanaitischen Midrasch zum Exodus, haben. Auch daß die theologische Welt Ihre „Sifre zu Numeri" braucht. Die die berühmtesten Fakultäten von Tübingen, Halle. Die Professoren Kuhn und Windisch dankbar benutzten. Wohl uns. daß Sie uns in den fünf vergangnen Jahrzehnten Viel aus dem reichen Schatz dieses Wissens geschenkt! Wer kann die Predigten zählen, die Sie mit reichlichem Schmuck Aus der jüdischen Literatur aller Zeiten versehn. Ist doch in emsiger Arbeit, zusammen mit Professor Wünsche. Unter der Mitwirkung vieler bedeutender Männer des Faches. Ein klassisches Werk, eine echte Anthologie entstanden. Die in drei Bänden alles enthält, was seit Abschluß des Kanons Jüdische Literatur an Werten der Welt hat zu schenken: Jüdisch-hellenisches Schrifttum. Talmudische Werke, Später Rabbiniscnes Gut, im Mittelalter geschaffen: - Schließlich der dritte Band quillt über von Reichtum an Proben Aus Poesie. Kabbalah, Historie und neuerer Dichtung, Daß wohl zu wünschen erlaubt, der seltene, lehrreiche Band Käme uns wohlfeil und schön neuaufgelegt in die Hand. Hören wir ja mit Freude, daß demnächst im Drucke erscheinet: „Sifra. Halachischer Midrasch zu Levitikus (drittes Buch Mose)-. Wieder von Ihrer Hand, verehrtester Jubilar! Damit spenden Sie noch ein Werk der Jüdischen Welt. Das Ihr Schaffen im Spätherbste Ihres gesegneten Lebens ■■ abschließt. Nie jedoch, hochwürdiger Lehrer und Redner. Haben Sie jemals geprunkt und gespielt mit Ihrer Gelehrtheit Und mit der Fülle all Ihres Wissens: denn Ihre Predigt War auch jedem schlichten Menschen klar und verständlich. Wissende nur ahnten die Hintergründe Ihrer Belehrung. Nie auch ließen Sie Vorrang der philosophischen Bildung, Und die Suprematie religiösen Erlebens haben Sie immer betont. Auch wenn die „Kritik der reinen Vernunft" von Jmanuel Kant Schon (in Berlin) dem zwanzigjähr’gen Studenten vertraut war. Und so wie Kant beherrschen auch Ihren Horaz Sie. dessen Oden lateinisch noch heute Ihr seltnes Gedächtnis bewahret Niemals jedoch in den Predigten hört’ich dergleichen erwähnen: Denn als ein treuer, bescheidener Diener der Lehre stehen Auf dem Almemor Sie stets oder am Omed, Wenn Sie noch heute die Stufen am Stocke, wohl unter Schmerzen. Mühsam ersteigen, so packt uns fast immer besondere Rührung. Denn wir erblicken in Ihnen ein Gleichnis des menschlichen Lebens, Das. wenn es fest nur vertraut und mit göttlichen . Dingen Treu auch erfüllt seine Pflicht —. [im Bund ist. Von oben sichtbaren Segen und Kraft empfängt zu dem Tun. Also auch war Ihr Leben, Wirken und Reden gesegnet In dem halben Jahrhundert, das uns auch zum Segen gereichte. Boruch Ato Adaunoj Elauhenu Melech ho-anlom, Schehechejonu. wekijimonu. wehigijonu laseman hasehl (Von Eva Büttner.)