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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1936-10-01 · 18 (1.10.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
12 (1936)
Issue
18 (1.10.1936)
Date
1936-10-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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» 4 Gemeill-ehlall der Israelitischen Jleligionsgemeinde Dresden Amtliches Organ des Gemeindevorstandes MeilWZbliltt des 5WM" Verantwortliche Gchristleitung: Leo Anfchel, Dresden / Verlag: Israelitische Religionsgemeinde Dr«Sden-A. l, ZeughauSstroße 3 / Ruf 14051 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Eternlicht, DreSbrn.A. IS, Gtübel-Allee 35 / / Ruf 34185 / / Annahmestelle für Inserate ebenda / / Oie 4mal gespaltene 4S.mm-Zeile kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhnert, DreSden-A. 1, Ammonstr. dl i- 4 XII. Iahrg. Dresden, den 1. Oktober 1936 Kummer 16 vt DIE HÜTTE Roch hielten sie mitten in der Wüste. Morgens fiel ihnen bas Manna zur Speise; dann und da war das Wasser knapp; immer wieder gürteten sich die Ehaluzim wider feindliche Stämme und ihre tüchtigen Krieger; immer wieder schlug der Wunsch nach Ruhe, nach dem endlich' Oaheimsein hoch, wurde ein Murren, wurde ein Aufruhr. Roch mitten in den Jahrzehnten dieses harten Wüsienlebens, in dem sie erst einmal vergessen mußten, was da war: Ägypten - noch mitten in dem Zwang der Lebensnotdurst, der täglich neue Bitternisse brachte — mitten in diesem Leben der Absonderung und Aussonderung redet Moscheh zu ihnen, und keines seiner Worte, keine einzige Satzung sagt ihnen etwas von der eignen Lebensstunde; nie wendet er sich mit einem Trost über ihre gegenwärtige Lage zu ihnen. Me seine Reden an sie beginnen: .... wenn du in das Land kommst..." Gesetz um Gesetz wirb für eine Zukunft gegeben, die sehr viele von denen nicht erleben werden, die es anhören. Und wir Rachfahren müssen diese Lage der Heimatlosen erst tief in uns erfahren, um ganz zü begreifen, waS ein solches Gebot für sie heißen mußte: sind die Feste des Ewigen...." und unter ihnen das in der Wüste noch gar nicht als Fest Vorstellbare: »Zn den Hütten sosit ihr wohnen, sieben Tage lang. Jeder Einheimische in Israel soll in den Hütten wohnen, damit eure künftigen Geschlechter wissen, daß ich in den Hütten weilen ließ die Kinder Iisrael, als ich sie aus dem Lande Mizraim führte. Ich bin der Ewige, euer Gott." Was konnte ihnen ein Gesetz bedeuten, das Feste und Feiern ansehte und ordnete und in seinen Sinnbildern ihre eigene Gegenwart schon als Geschichte erscheinen ließ? Wieviele unter diesem »Volk harten Rückens", das immer bereit zum Murren, zur Widersetzlichkeit und zum Abfall Wien, begriffen die ganze Wucht der Verheißung, die in dieser Vorausnahme einer künftigen Lebenslage erschien? Welches Geschlecht hat jemals die Kraft besesien, seine Gegenwart schon als Zukunft zu leben? Don dem Geschlecht in der Wüste wird es verlangt. Lind von uns wird es verlangt, wie es in allen Zeiten Aufgabe der Kinder Israels war, in der Wüste Gola schon an die Zukunft des erlösten Landes und des erlösten Menschen zu denken, und in der Seßhaftigkeit nicht zu vergessen, daß sie aus der Wüst« kämen. In allen Zeiten! An jedem Sukkothsest erneuert sich uns die Forderung dieses „geschichtlich-Lebens". An jedem Sukkothsest sieht für uns die Hütte wieder da, eine Erinnerung an geschichtliche Vergangenheit, eine Hinweisung auf die ewige Situation Israels. Sie bedeutet immer wieder: Gola-Schicksal! Oie da feste Häuser besaßen, wenden mit der leichten Hütte der Wanderschaft zufrieden sein müssen, die an feste Stätten und Verankerung ihres Besitzes für Kinder und Kindeskinder glaubten, stehen wieder wie die Väter mit dem Wanderflab auf der Straße und hören von neuem das „Lech L'cha" - „Geh fort aus dem Hause deines Vaters, in ein Land, das ich dir zeigen werde". Mit dem Sinnbild der ewigen Unsicherheit aber verbindet die fromme Deutung zugleich einen anderen Sinn: Israel mag getrost aus seinen steinernen Häusern in die leichte Laubhüfte der Wüstenwanderung zurückkehren - es bedarf keiner Mauern und Sicherungen durch Tor und Riegel und festes Dach - sein Schuh und seine Feste ist sein Gott. So wird die Hütte des Sukkothfesies zum dreifachen Gleichnis. Sie bindet uns an unsere Geschichte und vergegenwärtigt die immer wiederkehrende Situation Israels in unseren eigenen Tagen. Sie verwirft die immer wieder enttäuschende Hoffnung, daß der Jude festes Haus und feste Wege fände, wie die Menschen anderer Völker, diese Hoffnung, die die Unfern immer wieder, dazu verführt hat, fremden Göttern zu bienen; sie wollten damit beweisen, daß sie seien „wie die andern". Oie Unsicherheit der schwanken Holzhütte unter dem offenen Laubdach wird so zum Gleichnis für diejenigen, die da glauben, daß man sich die Sicherheit unter den Dölkem durch das Aufgehen in ihnen, in ihren Leistungen, Eigenarten, Weltanschauungen, in ihrer Liebe und in ihrem Haß verdienen könne, - aber Sicherheit verdient man sich nicht, wenn man Jude ist. Diese Sicherheit hat man - und nicht in den Dingen des äußeren Lebens und seiner Erscheinungen - man hat sie als Jude nur und ausschließlich in der „Berufung zum Heiligen", in der die Erwählung besteht und um deretwkllen wir Kinder des Bundes heißen. Weil diese Sicherheit im Unsicheren da ist, unverlierbar da ist, darum wird die leichte Hütte der Wanderschaft am Sukkothsest zum strahlenden, heiteren Raum, in dem alles Gute der Herbsternte die Decke und die Wände schmückt, in der sich die Gleichnisse des nährenden und spendenden Bodenü mit denen unseres geistigen Daseins lieblich vereinen. Oie Fröhlichkeit des Mahls, die gern und heiter geübte Gastfreundschaft zeichnen Sukkoth aus, und es ruht, wie alle Feste Israels, mit seinem Glanz und seinen Gaben auf dem Tisch, eS ist ein Familienfest wie fast alle unsere Feiem. Wir sitzen in der Hütte, die schmal und eng die Menschen aneinander rückt, wie Rot sie aneinander drückt, wir singen und segneit an dem hellen Tisch, wie Freude singt und segnet. Zwischen Wanderschaft und Wanderschaft ist uns der Schuh Gottes der Besitz, der die kleine Hütte zum sicheren Haus verwandelt. Von den Wundern deö Mannas und des Wassers, das aus dem Felsen rann, redet das Zeichen der Wüstenjahre zu uns und zu den Kindern neben unü - zwischen Abfall und Heimkehr sitzen wir ewig Erneuten und hören aus dem Wind, der in den Zweigen des Dachs spielt, die holde Mahnung dieses Festes: „Seid getrost!" M. W.

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