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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1936-09-01 · 16 (1.9.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
12 (1936)
Issue
16 (1.9.1936)
Date
1936-09-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Amtliches Organ des Semeindevorstandes MeiliiWblall des SWIAn 3lr«eIWe>> Eememdeoerbiiilde; Verantwortliche Schriftleitung: Leo Anfchel. Dresden / Verlag: Israelitisch« RrligionSqemeinbe Dresden-A. 1, Zeughauestraße 3 / Ruf 14031 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Zar. Sternlicht. Oresben-A. 19, Stübel-Allee 33 / / Ruf 34183 / / Annahmestelle für Inserate ebenda / / Die 4 mal gespaltene 46-mm-Zeile kostet 2ji Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhnert. Dresden-A. l, Ammonstr. 61 XII. Iahrg. Dresden, den 1. September 1936 Die Geschichte, wegweisend für unsere Zeit Unser „Achtzehn-Gebet", das der traditionsgebundene Jude dreimal am Tage spricht, enthält an einer Stelle eine Preisung Gottes, der „den Kranken ein Arzt ist. .. und Treue hält denen, die im Grabe schlummern". Gott der „rechte Arzt" - das hat man oft gehört, und nicht alle> die auf Heilung warten, Vermögens zu glauben, aber dieser Hinweis auf diejenigen, die im Grabe ruhen, auf die ganze Vergangenheit und Geschichte also, er erinnert uns daran, daß der gleiche Gott, der Israel in der Thora zurust: „Ki ani Adanoj rausecho - denn Ich, der Ewige bin dein Arzt", zugleich auch der Herr der Geschichte ist. Mit dieser Erkenntnis ist viel gewonnen: sie vermag auch den Zweifelnden mit neuem Glauben an Gottes Heilkunst zu erfüllen. Daß hier von uns Iuden als von Kranken gesprochen wird, dar-.» wird niemand sich stoßen. Schon vor Iahrzehnten haben Einsichtige unter uns - besonders im Hinblick auf die Berufsstruktur der Iuden - von unserer „anormalen" Lage gesprochen, haben verantwortungsbewußte jüdische Organisationen sich gemüht, hier eine Gesundung herbeizuführen, denn was nicht normal ist, das ist krank. Heute gibt es keinen Einzigen mehr, der nicht sich selbst und die ganze jüdische Gemeinschaft als Patientin erkennt und der nicht sehnsüchtig Ausschau hält nach dem rechten Arzt. Wenn nun Gott oder - was in einem gewissen Sinne ganz genau dasselbe ist - die Weltgeschichte als dieser Arzt bezeichnet wird, so muß zunächst einem Einwand begegnet werden. Eine religionsfeindliche, gottlose Lehre behauptet, alle Hinweise auf Gott seien nur dazu bestimmt, darbende Menschen vom irdischen Leid abzulenken und sie auf eine Entschädigung im Ienseits, dereinst nach dem Tode, zu vertrösten. Das Iudentum darf solchen Anwurs in stolzer Ruhe unbeachtet lassen, denn wer unsere Heilige Schrift, insbesondere die Lehre des Mose, die Bücher der Propheten und die Psalmen auch nur oberflächlich ansieht, der muß anerkennen, daß es den GotteSstreitem Israels mit all ihren Lehren, mit ihren Drohungen und Verheißungen stets nur darauf ankam, das Diesseits zu gestalten. Oie Anrufung Gottes als des „Richters der ganzen Erde", als des „Königs der Welt" ist keine Vertröstung auf ein fernes, unbekanntes Ienseits, sondern wirklicher Trost, und der Lenker der Geschichte bringt Heilung wirklich auch unseren diesseitigen Leiden. Aber, so könnte ein zweiter Einwand erhoben werden, ist nicht praktische Gegenwartsarbeit wichtiger als alle Geschichtsbetrachtung, und ist nicht auch die Hochflut geistig-kultureller jüdischer Veranstaltungen eine Art Ablenkungsversuch oder Eelbstbetäubung gegenüber der Rot und Krankheit unserer Zeit! Gemach -!, die praktische Gegenwartsarbeit wird geleistet: sie steht im Mittelpunkt aller Gemeindearbeit; alle jüdischen Zentralorganisationen dienen ihr, und jeder Einzelne soll an ihr teilnehmen, soll mit seinen Mitteln und mit seiner Person sich in die Reihen stellen. Selbstverständlich ist die Gestaltung unserer Wirklichkeit das Wichtigste, aber man muß es lernen, daß nur ihr auch alles jüdische Bildungsstreben gilt. Und das andererseits geisi- und bildungsloses Schwätzen über die Gegenwart wahrhaftig nicht gleichbedeutend ist mit Arbeiten an der Gegenwart. Man gehe nur hin in manche unserer Wohnungen und Zusammenkünfte uud höre sich an, was diejenigen, die die Geschichte für tote Vergangenheit halten-was sie ihre Gegenwart nennen! Rur ihre Krankheit ist ihnen ^gegenwärtig; sonst nichts, und gerade diejenigen, die früher an die „anormale" Lage der Iuden nicht, glauben wollten und zu bequem waren, auch nur einen einzigen Schritt zur Gesundung der jüdischen Verhältnisse zu tun, gerade sie gleichen heute den Patienten, die vom Arzt verlangen, er solle sie sofort, aut der Stelle und augenblicklich - und selbstverständlich absolut schmerzlos - gesund machen! Das ist unsinniges, unbändiges Verlangen; denn schon ein altes Sprichwort sagt: Krankheit kommt zu Pferde, aber geht zu Fuß weg. Ohne Geduld geht es da nicht ab. And was den Wunsch nach schmerzfreier Behandlung anbelangt, so zeugt auch er nicht gerade von Klugheit des Patienten. „Rimm bittre Arzenei, willst du gesunden", sagt ein persischer Dichter; der Arzt muß oft bittere Kuren verschreiben, muß manchmal sogar operieren. Lind ein talmudisches Wort, ein geistvolles Wortspiel lautet: „Ein Arzt, der umsonst (unentgeltlich) heilt, heilt umsonst (vergeblich)". Wir wollen die Schmerzen, dir diese Zeit uns auferlegt, als das Entgelt aussaffcn, das unser ewiger Arzt von uns fordert; Heilschmerzen sind sie, die den Gesundungsprozeß ankündigen. Oder, wie kürzlich, einer unserer jüngeren Rabbiner in einem wertvollen Buche schrieb: „Gott kann uns auch aus Wegen heilen, die wir nicht wünschen, weil sie voll Domen sind." Ein schönes Wort; wir wollen es beherzigen. Und wir wollen noch ein weiteres tun, wir wollen an das Plakat denken, das im Warfezimmer mancher Ärzte hängt: „Oie Patienten werden gebeten, hier nicht über ihre Leiden zu sprechen!" Dies Sprechen, dies fruchtlose Wühlen im Schmer; macht ja nur schlimmer. Denn bei Lichte besehen ist es ein liebevolles Hegen und pflegen der- Krankheit und veranlaßt die übrigen Patienten, das gleiche zu tun. Überall also, wo unsere Menschen so disziplinlos sich „mit der Gegenwart beschäftigen", sollte ein Kulturbundbüro Zeughausstraße 1,11. — Telefon 18 4 18 geöffnet: werktäglich 10—1 Uhr. Verlangen Sie denbebilderten Prospekt für die Spielzeit 1936 37 Ercli tfirnnstaltuno: Donnerilao, den 3. Sspiember 1936 Beachten Sie bitte das Inserat im Innern des Blattes

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