Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 15 (15.8.1936)
- Date
- 1936-08-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Gemeindeblall der Israelitischen Aeligionsgemeinde Dresden Amtliches Organ -es Gemeindevorstandes üMlMiosblatt des SMUeo" ' EMmIiMrbmiie; Derantworlllche Schristleitung: Leo Anfchel, Dresden / Verlag: Israelitische Religion-gemeinde OreSden.A. l, ZeugbauSstraße 3 / Auf 14051 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Sternlicht, OreSben-A. IS, Gtübel»Allee 35 / / Auf 34185 / / Annahmestelle für Inserate ebenda / / ©U 4 mal gespaltene 46»mm«ZeIle kostet 22 Pfennig, laufend Aabatt / Druck: A. Sruhnert, DreSben-A. l, Ammonstr. 61 XII. Iahrg. Dresden, den IS. August 1936 Aummeris Eindrücke von einer Warschauer Reise IV. Jüdische Gastfreundschaft v AlS ich langsam und nachdenklich von der Frauen-Empore der Haupt-Synagoge herabstieg, sprach mich freundlich eine Mitbeterin an, ob ich hier in Warschau ftemd sei. Wir kamen bald in ein vertrautes Gespräch, und ste bot mir an, mir das jüdische Ghetto, die Gegend um Aalewsky - Muranowski - FranziSkanska zu zeigen. Dankbar nahm ich die Führung an, und wir trafen an diesem Sabbath-Mittag dort in dem Iubenviertel unzählige jener für unS Wefijuden so eigenartigen, seltsamen Typen, teilweise , in der alten Tracht mit der schwarzen Schirmmütze, den schwarzen Stulpenstiefeln und dem schwarzen langen Mantel, mit Gesichtern, meistens bärtig und von prononriertem Typ, vom Leben scharf gezeichnet, aber alle, die ich sah, von ungebrochenem Lebenswillen und intelligentem Ausdruck, teils ruhig miteinander auf- und abwandelnd, teils energisch gestikulierend. Zwar konnte ich nur oberflächliche, kurze Einblicke in die Höfe der ärmsten Gegenden machen, wo die Armut oft ein Dutzend Menschen zwingt, in einen Aaum zu hausen, aber doch schien an diesem Sabbath ein gewisser Friede selbst in diesen Elends quartieren zu sein, die für diesen Tag auS wohltätigen Stiftungen, verteilt durch die neueingerichtete Gesellschaft.Toz" (Towaszystwo- Gesellschaft, Opieki Schutz, Zdrowia Gesundheit) einen Zu- P schuß zum Leben erhalten. Auch ln diesen finstersten Löchern fand ich keine stumpfen, gleichsam tierisch dahinlebenden Menschen, sondern auch der von OaseinSnot und Krankheit Gebeugte fragte interessiert nach den Umständen und Vorgängen außerhalb, fühlte sich also gleichsam nicht nur als Individuum, sondern als Glied einer großen Gemeinschaft. Da die Mittagszeit heranrückte, lud mich meine Führerin zwanglos und selbstverständlich ln ihre Familie dort in der FranziSkanska ein. Don dem Hof, an dem vielleicht so jüdische Parteien wohnten, stieg ich baS Holztreppchen mit.hinauf und fand mich in einer Stube, ln welcher ein langer, welßgebeckter Tisch stand, dem die Sabbathleuchter ein festliches Gepräge gaben. Oer alte Seide (Großvater) saß am Kopf des TisiheS und sang .SmireS" (Sabbathlieber). Ich wurde als fremder Gast herzlich begrüßt und mußte mtt .anbeißen". Und was brachte man mir dort alleS Besonderes herbei! Da gab eS noch eln Stückchen kalten .gefüllten Fisch" mit Ehrein (Meerrettich) und dazu selbflgebackene .Lhalle" mit Mohn; dann eine Art .Leberhackerle" mtt Zwiebeln und Ei gemischt, dazu ein Tropfen .Bromwen" (Branntwein). Dann mußte ich kosten von ihrer Suppe auS roten Aübea .Barsch«" genannt und auch ein Stückchen trockenes, ln Knoblauch gekochtes Fleisch und .Schotet" mußte ich versuchen. Zwischen dem gastfreundlichen Aöttgen meiner Wirte und meiner aufrichtig lobenden Anerkennung aller dieser jüdischen Gerichte, wurden steundschastltche Gespräche geführt, alS gehörten wir zu einer großen Familie! Ich nahm wirklich Anteil an dem Schicksal dieser Pantoffelmacher-Familie, als wenn ich sie schon lange kennen würde. Dazwischen legte mir der älteste Sohn, der wochentags die Pantoffeln draußen verkaufen muß, feine Ansichten über MaimonideS' Begriff der Willensfreiheit dar und schenkte mir noch zur Einnerung sein .Sefer Ben Sira" in hebräisch, worin er sich alle die weltweisen und tiefsinnigen Stellen mit Bleistift angestnchen und manches mit Fragezeigen versehen hatte. - Auch meine Führerin, die älteste Tochter, konnte sich in liebevoller Gastfreundschaft nicht Henugtun. Man lud mich wieder ein, [uhb auch in der Synagoge traf man sich wieder. Meinem Interesse für die Ehassidische Bewegung kam man insofern noch entgegen, als der Großvater und die Söhne viele Gesänge mit chassidischem Aigun mir vortrugen, und ich viele Auf- Nckrungen über diese Bewegung erzählt bekam. Ebenso freundschaftlich und großzügig wurde mir Gastfreundschaft in sehr angesehenen jüdischen Häusern 'zuteil, wo ich die Freitagabende (auch bei all den erwähnten jüdisch-polnischen Gerichten - wenn auch in raffinierterer Zusammensetzung — und begleitet von palästinensischem Wein) verleben konnte. IJIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIHIIIHIIIIIIIIIIIIIHIIIHIIIIIIIIIIIIMIIIIIimilllllllllllllllltllinilllllllllHIIIIH llltllllMllllllIHHIIIIMIIMMIIIimillllMIIIIMIIIIIIIMIMmnillllllllimillMtlllllllUHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII« An unsere Gemeindemiiglieder! Oer vorliegenden Aummer deS Gemeindeblattes ist ein Prospekt deS Jüdischen Kulturbundes Dresden beigefügt, den wir der genauen Durchsicht unserer Gemelnbemltglieder empfehlen möchten. OaS Programm, daS sich der Kulturbund für die demnächst beginnende Spielzeit vorgenommen hat, ist künstlerisch wertvoll und abwechslungsreich. 'Oie Juden Dresdens, die Kunstverständnis und Kulturwillen stets bewiesen haben, werden den an sie ergehenden Auf gewiß vemehmen. Zur finanziellen Sicherung der geplanten Kulturarbeit ist allerdings eine gegenüber den Vorjahren noch wesentlich gesteigerte Abonnentenzahl erforderlich. Wir richten daher den dringenden Appell an alle Gemeindemitglieder, burchZelchnung von Abonnements dem Kulturbund die Arbeit, die er im eigensten Interesse seiner und unserer Mitglieder leistet, zu ermöglichen. Dresden, im August 1036. Oer Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden. niiiHiiiiinnii»iiiiiiiimimniiimininnimi»unniiitminMmiiiiiMiimw»iintmin»itiniiiim»ii»ii iiiiiiiiiitiiiiiimiiiiiiitiiimiMiiiiiititiiiiiiMiiiiitiiiimiiimHiiiiiMmiiiiiiiiiiiiiiitiimiiiiimiiiiiiiii ^79894