Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 7 (1.4.1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gemeiildeblalt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Amtliches Organ des Semeindevorstandes MeilWsbIM des MM» SfraelWeil kemeiildeverbliiides Verantwortlich« Schriftleitung: Leo Anfchel, Dresden / Verlag: Israelitische Religionsgemeinde DreSben-A. 1, Zeughausstraße 3 / Ruf 14031 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Sternlicht, OreSdrn»A. 19, Etübel-Allee 35 / / Ruf 34185 / / Annahmestelle für Inserat« ebenda / / Die 4 mal gespaltene 4».mm.Zeile kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhnert, DreSben-A: 1, Ammonstr. CI I XII. Zahrg. Dresden, den 1. April 1936 Rümmer 7 GEDANKEN ZU PEtlACH Von Hermann Schocken Regelmäßig wie die Jahreszeiten und mit den Jahreszeiten kommen unsere jüdischen Feste und Feiertage. Man hat die alte vergilbte pergamentne Esther-Rolle wieder schön eingehüllt und betrachtet die verschiedenen Hagadas wenn man den Gebetbuchschrank öffnet? denn Frühling und peffach nahen heran. Man schlägt eine der ganz alten, noch vom Großvater ererbten HagadaS auf und betrachtet die bekannten Bilder, die man als Kind bewundert hat, Bilder, die so drastisch die biblische Geschichte der Bedrückung unserer Vorväter in Ägypten und den Auszug auS dem Lande ihrer Knechtschaft darflellen. Peffach ist ja daS große ÄefteiungSfest und Gründungsfest unseres Volkes, daS wir und das unsere Vorfahren schon über S400 Jahre jährlich feiern. ES ist unser ältestes und -vielleicht überhaupt daS älteste Volksfest, daS auf dieser Erde gefeiert wird. Sind unsere Feiertage Religionsfeste oder Volksfeste? Könnte man diese Frage eindeutig lösen, dann hätte man die langjährigen Kämpfe der Anschauung: »Sind wir ein Volk oder eine Religionsgemeinschaft?* vermeiden können. Aber diese Frage ist nicht eindeuttg zu lösen, denn in diesen Festen stnd Religions¬ und Volksgeschichte so unzertrennlich verknüpft, baß man sie gar nicht auSelnanderretßen kann. Oie Hagada, die wir am Sederabend im trauten Kreise unserer Familie vortragen, enthält eine geschickt zusammengesetzte AuSlese auS unserer Thora und der Gedanken unserer weisesten Vorväter auS grauer Urzeit, die ihre Ansichten und Hoffnungen niebergeschrteben haben. ES ist natürlich nur eine Neine Auslese auS diesen Schriften über dieses, eineS der wichtigsten Ereignisse unserer Geschichte. Fast scheint eS unmöglich, irgend einen neuen Gedanken über diesen so viel behandelten Abschnitt unserer VolkSgeschicht« auszusprechen und doch gibt jede Zeit und jede neue Lebenserfahrung immer neue Perspektiven und diese Zeit deS großen Umschwunges hat viesteicht auch unser Verständnis für viele Bilder und Ereignisse auS unserer biblischen Zelt verschärft. Ich lasse vor meinen Augen die ganz wundewolle Erzählung unserer Volkwerbung vorbeiziehen. Oie Geschichte der Erzväter, kurz und ohne jebeS unnötige Wort der Beschreibung von Mensch oder Landschaft. Oie Erzväter werden geboren, sie leben, sie handeln, sie sterben. Jede einzelne Figur sieht kristalstlar vor unseren Augen mit all ihren verschiedenen menschlichen Eigenschaften und ihrem göttlichen Glauben und Streben. Wenn man das Land heute, nach all den vielen tausend Jahren besucht und ein wirklicher Kenner der Thora ist, dann kommt man in eine ganz bekannte Landschaft. Oer blaue Himmel und die strahlende Sonne, Mond und Steme, die mit solcher Pracht leuchten, alleS ist unserer Seele bekannt. Jeder Berg und jeder Hügel und jedes Tal, jeder See und jeder Fluß und jeder Bach, ja sogar die Brunnen sind unS vertraut. Steinhaufen und Sand und Wüste, duftende Blumen, Lypressen, Zedem, Olivenbäume, Palmen und Kakteen, sie sind alle in unserer Erinnerung. Und die dähingkeitenden stattlichen Kamele und die hüpfenden Ziegen und Schafherden, sie sind uns alte Freunde unserer Iugenderinnerung aus der heiligen Schrift. Wahrlich, Gott hat die Hand geführt, die dieses anerkannt größte Kunstwerk der Weltliteratur heworgebracht hat. Im Mittelpunkt der Geschichte unserer Väter in Ägypten sieht Josef. Oie Erzählung seineS Lebensweges, der ihn kaum dem Knabenalter entwachsen nach Ägypten führt, ist eineS der größten dramatischen Kunstwerke. So schlicht und doch so meisterhaft, daß die Erzählung immer und immer wieder erschüttemd wirkt. Fast alle großen Meister der Welt haben versucht, die verschiedenen Szenen dramatisch/bildlich oder musikalisch darzusiellen. Oie schnell aufgezählten Ereignisse, die dazu führet, daß sein Vater mit seiner ganzen Familie aus seiner Heimat Kanaan herabzieht nach Ägypten. .Aller Seelen, die mit Jakob nach Ägypten gingen, der auS seinem Leibe gekommen, ohne die Weiber der Söhne IakobS, aller Seelen sechSundfechzig. Und die Söhne IosefS, die in Ägypten geboren waren, der Seelen zwei.. So aller Seelen von IakobS Haus, die nach Ägypten gegangen warensiebenztg.* Vierhundert Jahre vergehen, und diese Familie ist trotz aller Bedrängnisse herangewachsen zu einer Schar von einigen hunderttausenden, die von MoseS durch Gottes Hand herausgeführt wurden auS der langen Sklaverei. Zwei Fragen stesst -man sich unwillkürlich: l. Ist eS möglich, daß eine Familie von 70 Männem und Kindern und ihren Frauen in vier Jahrhunderten heranwachsen konnte zu einer Heerschat von Hunderttausenden, wie sie aufgezählt sind in der Stammeszählung in der Wüste? Dies« Frage kann man, so unwahrscheinlich eS zunächst erscheint, ohne Weiteres bejahen. Eine Berechnung ergibt, daß eine derartige Familie sich im Laufe von 400 Jahren schon mit einer gen'ngen OurchschnittS-Kinderzahl auf über eine Million Köpfe vermehren kann. Viel wichtiger und schwieriger ist die 2. Frage: Wie konnte sich diese Neine Familie innerhalb eines gar nicht so artfremden Volkes überhaupt als einheitliches Volk entwickeln uud erhalten? Eine fest gegliederte Religion bestand damals nicht, denn die Gesetze wurden erst von MoseS nach dem Auszug gegeben. Oie Gesetze zur Reinhaltung der Familie wurden erst von Eöra tausend