Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 4 (15.2.1936)
- Date
- 1936-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Gemetndeblatt der Israelitischen Religion«gemeinde Dresden Sette S Jüdischer Kulturbund Dresden iiiiiiiHiiiiiiiiiiiinTnnninfiiiiiriiinmuliiiiiiiinmiliNmiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiMmiiiiiiiiiimiiiiiiiii Veranstaliungen des Kuliurbun-es können bis auf weiteres nicht stattfinben. Ebenso unterbleiben biauf wetterebl« Veranstaltungen der Winterhilfe (Donner-tag-Abende für alleinstehende und erwerbstätige Krauen und Mädchen, Bunter Abend). Auch der für Dienstag, den 18. Februar, vorgesehen« Gemeinde, abend (Bortrag Nabbiner Dr. Maybaum) muß verschoben werden. Konzert: Loseph (Schwarz (Klavier) und Boris (Schwarz (Violine) Oie beiden hervorragenden Künstler eroberten sich auch in der Dresdner Gemeinde alle musikalischen Gemüter mit ihrer meisterlichen Beherrschung ihrer Instrumente, dem tiefen künstlerischen Ernst der Auffassung und ihrer restlosen seelischen Hingabe an die Werke. Das gilt besonders für Beethovens herrliche A-Dur-<5ona<e für Violine und Klavier, die sogenannte »Kreutzer-Sonate". Oie beiden Meister Schwarz, Vater und Sohn, wetteiferten gleichsamalle Poesie, Leidenschaft und Virtuosität dieses Gipfelwerkes seiner Gattung zu erschöpfen, und man wird ganz selten eine so voll, endete kammermusikalische Wiedergabe zu hören bekommen. Oie bunte Bilderfolge des Nobert Schumann'schen »Karneval" spielte Joseph Schwarz reich an Nuancen und mit einer vornehmmännlichen Gestaltung. Unter den den Don Boriö Schwarz fasziniercnd gezeigten Stücken sei ein stimmungsvolles „Altpalckstinensisches Lied" von Kirmann und ein melancholisches „Hindu-Lied" von Nimsky Korsakoff hervorgehoben, sowie ein von Joseph Schwarz selbst bearbeiteter, instrumental dadurch sehr interessanter „Hopak" aus einer hier nicht bekannten Oper von Mufforgski. Sine Polonaise dcs bedeutenden jüdisch-polnischen Violinvirtuosen und Komponisten wirkungsvoller Geigenwerke Henri Wieniawski, dessen 100 jähriges Geburtsjubiläum letztes Jahr gefeiert wurde, zeigte Verve und einen fortreißenden Nhythmus. Oer starke Beifall der den neuen Gemeindesaal bis auf den letzten Platz Menden Zuhörerschaft erzwang sich Zugabe auf Zugabe, u. a. das bezaubernde Nocturne Es dur von Ahopin-Sarasate. ' SB. Borirag üben Mendele Mocher (Seforim Anläßlich des hundertsten Geburtstages des Schöpfers und Begründer der jiddischen Literatur Mendele Mocher Seforim hielt Or. Phil. Sally Nabtnowih (Leipzig) auf Einladung der Zionistischen Ortsgruppe OreSden einen Vortrag, der uns Umwelt, Leben und Werke dieses jüdischen Klassikers in fesselnder und von umfassenden Kenntnissen zeugender Art nahebrachte. Or. Nabinowih verstand es, auf dem Hintergründe des politischen und sozialen Lebens von vor 100 Jahren den Lebensgang des Gcholem-Jakob Abramowitsch zu schildern: seine übliche religiöse Erziehung ln Litauen, das spätere Leben in der Oorfmühle, wo ein ungewöhnliches Naturempstnden sich bildete, seine abenteuerliche Bettler-Neise bis Eüdrußland, seine Berührung mit der aufklärerischen Haskala und sein späteres Leben als Lehrer und volkstümlicher Schriftsteller unter dem Pseudonym Mendele Mocher Seforim. Es gelang dem Nedner, mit ausgezeichnet gewählten Zitaten und Bmchstücken aus den bedeutenderen Werken des heute Hundertjährigen einen lebendigen Eindruck von dessen Schöpfungen zu geben. Insbesondere aus »Fischke, der Krumme" entzückte die ungewöhnliche Natur-Schilderung; die »Kliaffche" wurde geistvoll charakteriflert; dle »Neisebeschreibung Benjamlne III." wird aus des Nedners farbige Schilderung hsn sicher von manchem Besucher des Abends nachgelesen werden, und das ergreifende Gebet seiner Mutter aus der autobiographischen Erzählung »Schlolmel«" bleibt unvergeßlich. Or. Nabinowih wies, nachdem er Mendele Mocher Seforim sowohl in seinem jiddischen wie hebräischen Schaffen als einmalige große Erscheinung gewürdigt hatte, noch auf seine Beeinflussung der jüngeren Schriftstellergeneration hin, die in ihm den »Seide" (Großvater) verehrte: so auf Scholem Alejchem, perez und vor allem Bialik.. Oie außerordentliche Wertschätzung, die der Volksdichter Mendele- Mocher Seforim von allen Juden, die jiddisch und hebräisch verstehen, ohne Unterschied der'Parteirichtung, genoß und die sich auf seinen letzten Neffen noch vor seinem Tode, 1017 in aft stürmischer Weise durch Dolksbegrüßungen zeigte, ist auf sein eigenes starkes Volksbewußtsein auf seine Treue zum jüdischen Brauchtum, und seinen echten nichtwankenden »Bitochaun" zurückzuführen, - alles Eigenarten, die gerade uns heutigen Juden von hohem Wert sein können. Oer Abend wurde eröffnet durch Begrüßungsworte des Vorsitzenden Bochner und einige frisch gesungene Kanons der Singgemeinschaft des Hechaluz und Haschvmer hazair unter Leitung von Walter Goldmann. E. B. Ludwig Holländer Aus Berlin kommt die Trauerkunde, daß Or. Ludwig Holländer, der langjährige Direktor und Syndikus des E.V., nach langem schweren Leiden am Sonntag, den 0. Februar in die Ewigkeit abgerusen worden ist. Mit Ludwig Holländer ist eine Persönlichkeit dahmgegangen, die der deutschen Judenheit lange Zeit hindurch ihren Stempel aufgedrückt hat. Schon als Gtudenl setzte er sich mit Eifer und Hingabe für die Interessen seiner Glaubensgenossen ein. Nachdem er bann Anwalt geworden war, wurde er zum Syndikus des E.V. berufen Hier riß Ludwig Holländer kraft seiner überragenden Persönlichkeit sofort die Führung an sich. Oie. deutsche Judenheit sah, daß hier ein Mann mit ganz außergewöhnlichen Geisiesgaben stand, der sich nicht daraus beschränfte, die Iudenfrage nach überkommenen Begriffen zu betrachten, sondern der bis in die innersten Tiefen seines Wesens hinein stets aufs neue darüber nachdachte, wie dieses ungeheuer schwierige Problem zu lösen sei. Zeit Lebens blieb Ludwig Holländer so ein Suchender und mit sich Ningender. Er stellte an sich selbst in geistiger Beziehung die höchsten Anforderungen und verlangte dies auch von allen seinen Mitarbeitern. Oie Entwicklung der Verhältnisse gestalteten sich für einen Mann, wie für ihn, besonders tragisch, und er sah sich infolge seines immer stärker werdenden leidenden Zustandes dar.n gezwungen, nach dec staatlichen Umwälzung in den Nuhesiand zu treten. Doch nahm er auch noch verschiedentlich Gelegenheit, in der Presse das Wort an die deutsche Judenheit zu richten. Auch in diesen Verlautbarungen blieb er keineswegs einseitig an allem haften, was er früher für richtig gehalten hatte, sondern er fand Bekenntnis und Mut, sich auf die neue Zeit und ihre Forderungen einzustellen. Daß der Sentralverein zu einer großen und bedeutenden Organsation geworden ist, ist Holländers ureigenstes Werk. Oie kleine Monatsschrift »Im Deutschen Neich" wurde unter ihm zur bedeutenden Wochenausgabe der E-D.-Zeitung ausgebaüt und von ihm aufs stärkste geistig beeinflußt. Oer K.E. sah in ihm ebenfalls den würdigsten Vertreter, den er an die Spitze seines GefchäftsauSschuffes stellen konnte. Im Generalkomitee der ff.O.B.B. leistete Ludwig Holländer wertvollste Arbeit, auch im charitativen Sinne. Ludwig Holländer hat oftmals sein Wort an die deutsche Judenheit gerichtet, wie an die gesamte deutsche Öffentlichkeit. Seine Stellung brachte es mit sich, daß er so manchen Gegner hatte, jedoch keinen Feind. Vor der Ehrlichkeit seines Wollens und der Lauterkeit seiner Gesinnung verstummte auch der stärkste Gegner. Ludwig Holländer und sein Werk werden in der deutschen Judenheit fortlehen. i Kurt Sabahky.