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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1936-02-01 · 3 (1.2.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
12 (1936)
Issue
3 (1.2.1936)
Date
1936-02-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite b Gemeindeblatt der Israelitischen Sieligt on»ge me t nde Dresden Nr. Z Sie EniMklW der hebröWen SWlhe Bruchstück einer Ansprache / Ähajim Äachmann Äialik Menschen kommen zu euch, die nicht sehr weise sind, und sagen! Oie (Spruche des Lebens weist den Weg; wie gesprochen wird, solj mun uuch schreiben. <?ie meinen also wirklich, daß man sich an die bei uns gebräuchliche Sprache des täglichen Umgangs halten solle, an jene fünfhundert zerbrochenen und mißhandelten, allen Ou'ts und aller Farbe des Lebens beraubten Worte, die den Liedenden bei uns geläufig sind. Oabei glauben sie sich darauf nützen zu können, daß es auch in allen anderen Sprachen ebenso tugebe. Was wollt ihr denn? so sagen sie. Uber wie viele Worte oersügt denn ein Mensch in irgendeinem anderen Volk? Er hat Im Durchschnitt fünfhundert oder tausend Wörter zu ssi'ner Verfügung. und es ist einem Menschen genug, daß seine Sprache tausend Worte besitze, um sein ganzes Leben damit auszukommen. Oie aber so reden, haben eines vergessen: daß nämlich in jedem Volk ein jeder Mensch unter seinen tausend Wörtern fünfhundert eigene hat; der Schuster hat seine fünfhundert, der Ackerbauer die seinen, der Ehemiker die seinen, und insgesamt ein Volk eine unbeschränkte Anzahl von Wörtern. Oie fünfhundert unseres Straßenhebräi>'cb aber,'das sind die fünfhundert, die allen gemeinsam sind; das macht den Unterschied zwischen uns und den andern aus. Ich behaupte, daß eine jede lebendige Sprache ihre schriftliche und ihre mündliche Lehre hat,, daß eine jede Sprache ihren .Schristvers" hat und sich auf ihren Schriftvers stützt. Und wehe der Sprache, die der Schriftvene ermangelt! Ehemals erachtete man das Sichstützen auf das Zitat für ein Zeichen der Herabge- 'ommenheit. Oas war ein großer Irrtum. In Wahrheit schrieb Tschechow in-Zitaten, schrieb Goethe in Zitaten, schrieb Schiller in Zitaten, wenn schon in Zitaten, die euch und der Menge des Volkes vielleicht nicht geläufig sind. Im Hintergrund einer jeden wahren Oichtersprache steht die Sprache der Väter, stehen die geheimen .Schriftvene". Ständen aber jene .Verse" nicht hinter den Wortfügungen, dann müßten die Worte ohne Kraft bleiben; es wären zutällkg Fügungen von Worten, denen jene geistige Atmosphäre fehlte, die in den geheimen Schristversen webt und die auch über die neuen Gebilde jenen Schimmer von Anmut und Huld breitet, ihnen jene Farbigkeit und Leuchtkraft verleiht, ohne die eine Ltede leer bleibt. Wenn wir zuweilen zwischen eindruckskräftiger und lebloser Ltede unterscheiden, dann sollen wir wissen, daß in der lebendiger Bede die Kraft der .Schristverse" Form geworden i|t. Gewiß bewirkt das nicht die Kraft der Zitate an sich; ohne eine neue Belebung, ohne die ilmschmelzung aus dem Augenblick bleiben auch sie totes Gut. Oie wahren Schriftsteller schaffen ausder Kraft der Zitate ihre eigenen Zitate. Und in ihnen drückt sich aus, was man den Geist einer Sprache nennt. Oiesen Geist der Sprache schöpft man aus der lebendigen Kraft der Nation; denn jede Nation hat, wie gesagt, ihre .Schristverse", und sie hat sie zu Tausenden. Sie sind es, die einer Sprache ihre Farbigkeit verleihen. Oie Bildner und Künstler bauen in ihrem Jüdische kUhUchilfc Die kälteste Winterszeit — der Monat Februar — steht erst noch bevor. Soll die Jüdische Winterhilfe im Stande sein, ihre Kohlen- und sonstigen Naturallieferungen fortzusetzen, so müssen alle Gemeindemitglieder ihre Pflicht tun und ihre monatlichen Zahlungen pünktlich abführen. •_ Die Ausgaben der Winterhilfe laufen; mit ihnen müssen die Einnahmen Schritt halten. Rückständige Zeichnungsbetröge und Monatsraten auf das Postscheck-Konto der Gemeinde (Dresden Nr. 10288) oder eines der Bankkonten der Gemeinde -f Dresdner Bank Abt. Waiseflhausstr. und S. Mattersdorff .Jüdische Winterhilfe 1935/36“) erbeten.* ZIONISTISCHE ORTSGRUPPE, DRESDEN Termin-Aenderung Donnerstag, 30. Jan. 1936 pünktlich abends 8 Uhr im Neuen Gemeindesaal, Zeughaussir. Ib spricht: Dr. Rabinowit^, Leipzig über: ~ Mendele Mocher Seforim anläßlich seines lOOsten Geburtstages Die Veranntaltung wird von Gelingen der Stnggrme.oachaft de« Hecheluz, unter I.eitun; vor Wel er Goldmann, umrahmt. Karten zum Prei« von RM l.— und 50 Pfennig » od in» Vorvekeuf bei der Buehhandlung Strauß und :m Sekretariat der Zionistischen Ortsgruppe, Grunaer Straße 13, zu bez.ehen. Bild und nach ihrem Gleichnis, schaffen neue Führungen und bringen neue Gebilde zur Welt, und tun das durch die Kraft der Kontinuität, die wie in der Literatur so auch im Munde des Volkes Bestand hat. Wenn also von den ausgezeichneten Meistern des Stils etwa Tschechow oder Turgenjew auf den Markt hinauszugehen pflegten, um zu hören, wie der Kutscher oder Schuster spricht, dann liehen sie der lebendigen Sprachempfindung ihr Ohr, um in ihrem Bilde, nach ihrem Gleichnis zu bilden, aus der Quelle zu schöpfen, welche der Sprache im Leben verwahrt ist. Wir haben keinen Mund, aus dem wir lernen können, außer dem Mund des Buches. Wir haben keinen änderen Mund, weil unser Volk spricht. Was im Verlauf von dreißig Jahren mit Willen und vieler Mühe durch eine schwere Erziehungsarbeit in das Volk hineingebracht worden ist, und was es heute also hat, das ist doch nicht mehr als das Geringe, was uns aus jenem Brunnen zu schöpfen und in den Mund des Volkes hineinzulegen geglückt ist. Wie ein Vogel Nahrung aufschnappt und seinen Jungen in den Schnabel legt, so haben wir aus dem Brunnen geschöpft und dem Volk in den Mund gelegt. Es wird noch die Zeit von Generationen darüber hinweggehen müssen, ehe es uns geglückt sein wird, unfern Sprachstoff in seiner ganzen Fülle zu beleben und ihn dem Volk in den Mupd zu legen, ehe das Volk seine Sprache im Blute suhlen, ehe dielebendige Sprachempfindung in ihm von ihnen erweckt sein wird. Bis dahin aber sind wir allein aus das Schrifttum als Quelle der Epracherneuerung hingewiesen. Nicht wir leben aus dem Mund des Volkes, sondem das Volk lebt aus, dem Mund des Buchs. Wenn aber die ,^eichtmacher" kommen und sagen, jene Frist sei schon erreicht, und wenn sie uns empfehlen, daß wir von den Redenden lernen und nach ihrer Sprache schreiben sollten, dann sage ich noch einmal: Eine lange Zeit, die Lebensdauer von Generationen wird noch verstreichen müssen, ehe das Volk seine Sprache so innehaben wird, daß sie mit ihm leben wird, und es mit ihr. Bis dahin aber - und also in unserer Stunde - ist die Sprache im Zeitalter ihrer Neuwerdung und nicht im Zeitalter ihres natürlichen Seins. lOeutsih von Moritz Spitzer, aus dem Schocken-Almanach auf das JahrS696) Nächster Eintopfsonntag: 9. Februar Nächste Pfundsammlung: 4. und 5. Februar BOchsenieerung: 10. bis 20. Februar Gebt reichlich — die Not ist groß! Oie Jüdische Winterhilfe benötigt noch ständig Sammler(innen) und Helfer(lnnen). Meldungen an die Jüdische Winterhilfe (Abt. Haussammlungen) erbeten.

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