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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1936-02-01 · 3 (1.2.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
12 (1936)
Issue
3 (1.2.1936)
Date
1936-02-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gemeindeblatt -er Israelitischen I^eligionsgemein-e Dresden Amtliches Organ -es Gemeindevorstandes * Mitteilungsblatt des Sächsischen israelitischen Gemeindeverbandes » Verantwortliche Schriftleitung': Leo Anschel, Dresden / Verlag: Israelitische Sleligionsgemeinde Dresden»A. l, Zeughausstraße 3 / Ruf 14051 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Sternlicht, Dresden-A. 19, Stübel-Allee 35 / / Ruf 34185 / / Annahmestelle für Inserate ebenda / Oie 4 mal gespalten« 4H«mm»Zeile tostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhnert, Dresden-A. i, Ammonstr. 61 | XII. Zcchrg. OreSden, den 1. Februar 1936 Nummer 3 Religionsgesefz oder hygienische Vorschrift? Don Oberrabbiner Or. Joseph Karlebach, Altona Oer lebende Mensch ist ein Ganzes, unteilbar seine Bezirke; es gibt weder ein Leibliches, isoliert vom Weben und Walten seelischer Kräfte, noch ein Leben der Seele ohne physische Begleitereignisse. Körper und Geist, Seele und Leib, Genießen und Leisten, Empfinden und Wahrnehmen, Denken und Wollen, alles ist in Wirklichkeit eine Einheit, alles vereint erst ergibt die Fülle, den warmen Atem, die Kraft des Lebens. Solange der Lebensstrom in uns ungehemmt und gesund dahinrollt, sind alle Organe und alle Funktionen des Menschen in symphonischen Zusammenklingen, alle wichtig, notwendig zum Ganzen. Wie im Volksleben jeder Bürger an seiner Stelle dem Ganzen dient, jeder für den anderen unentbehrlich, so stellen sich die Teilgebiete der kleinen Welt des Menschen als gleichwichtige Partner neben einander als Bausteine zu einem Gemeinsamen, dem - Leben. Religion aber ist uns Lebenskunst, die Kunst im Lichte Gottes zu leben. Oie Vielheit aller Funktionen deS Daseins zu einem echten Akkord zu bringen, daß alles in die Höhenlage der edelsten Organe und Betätigungen einstimmt, bedeutet uns die Ganzheit eines gotterfüNten Seins. In die Harmonie gotterfüllten Lebens gehört alles, was der goltesebenbildliche Mensch sein eigen nennt. Speise und Trank, Geschlechtlichkeit und Zeugungskrast, Kleidung und Schmuck, Ruhe und Arbeit.sind uns ebenso integrierende Bestandteile des gottdienenden Lebens wie Gebet und Andacht, Wohltun und Bruderliebe, Versenkung und Begeisterung. Solch eine Einheitlichkeit und Ganzheit aller Funktionen, die Einstimmung des ganzen Wesens, des Leibes wie der Seele, in den Rhythmus göttlichen Adels nennt die Bibel: heilig sein. »Heiliget Euch, daß Ihr heilig seid, und befleckt Euch nicht am Gewürm und unreiner Speise/ Das ist, nach der Bibel eigner Aussage, der Ginn der rätselhaften Speisegesehe. Weil in der Eingrenzung und Regelung des Trieblebens eine Heiligung liegt, bas heißt seine Einstimmung in den Gesamtchorus aller Funktionen des Menschen, weil durch solches Speisegeseh, das erlaubt und verbietet, jeder Bissen das Siegel des Gottgewollten erhält, darum sollt Ihr Euch der verbotenen Speise enthalten. . , Bedarfs der Begründung mehr? Für die Religion nicht. Aber der Skeptiker schüttelt den Kopf. Warum gerade diese Auswahl unter den Speisen, warum nicht eine andere? Oie Religion gibt darauf keine Antwort. Es ist eben nicht alles zu erklären. Oer Gkepttker aber ist klüger, er will das Geheimnis uns ergründen. »Oer jüdische Gesetzgeber war ein kluger Kopf, er wußte, daß das Schweinefleisch Trichinen hat, so verbot er eser ahnte etwas von den gesundheitlichen Gefahren erkrankter Tiere, der leichten Verwesung blutvollen Fleisches, darum verbot er den Blutgenufi, ordnete das Salzen des Fleisches an und gab Gebote ähnlich unserer Fleischbeschau/ »Hygienische Gesetze sind es, die Moses gab*, so belehrt uns unser Skeptiker, »die Gesundheit seines Volkes wollte er schützen/ Staunend hören wir diese Belehrung an. Hohe unendliche Weisheit des Gesetzgebers wird uns offenbar. Weit über alle Wissenschaff und Medizin seiner Zeit soll er Entdeckungen vorweggenommen haben, die erst Iahrtausende später der naturwissenschastlichen Forschung sich erschlossen, noch h^ute nicht Allgemeingut der Menschen sind. In der Tat wissen wir, daß die den Israeliten vorgeschriebene Voruntersuchung der Lunge jedes geschächteten Tieres alle Fälle von Tuberkulose vom Genuß ausschsießt. Hoher Weltgeist, so bekennen wir dankbar, mit der Heiligung des Lebens hast Du uns zugleich das kostbare Geschenk der Gesundheit, eine Hygiene der Ernährung in die Hand gegeben. Wundersames Mysterium,' das die Anliegen der Seele, die Weihung des Seins, in Einstimmung mit dem Wohle des Leibes zu bringen weiß. Soweit sind wir dem Skeptiker für seine Aufklärung dankbar. Aber er geht weiter. (Jrr meint: höheren Sinn haben diese Gesetze überhaupt nicht. Sie sind rein prattischer Natur, aus bestimmten gesundheitlichen Rücksichten geboren. Weiter geht ihr Zweck und Ziel nicht. Wenn z. B. die heutige Fleischbeschau die Trichinengefahr beseitigt, liegt kein Grund mehr vor, sich des Schweinefleisches zu enthalten. Hier beginnt sein Irrtum. Oer Gesetzgeber selbst hat einen anderen Grund benannt: die Heiligung des Menschen,-diesen als seine Absicht hingeflellt. Oer Skeptiker will ihn Lügen strafen? Er beweise uns, daß Hygiene allein den Gesetzgeber geleitet hat! Gut, für das Schwein hat er einen Grund aufgewiesen. Aber in einem Atemzuge mit diesen Tiere nennt die Bibel: Hasen, Kaninchen, Kamel als verboten. Was ist ihre spezielle hygienische Gefahr? Er wird uns keine nennen können! Warum sollen nur Spalthufer und Wiederkäuer erlaubt sein? Warum unter allen Wassertieren nur, was Schuppen und Flossen hat? Zeigen nicht schon diese allgemeinen Formulierungen, daß nicht die hygienischen Bedenken eines speziellen Tieres hier allein obwalten? Was ist an Pferden, Aal, Krabben, Austern, Kaviar und tausend anderen Leckerbissen der Menschheit medizinisch beängstigend, daß sie und versagt werden? Schwerlich bürste unserem Zweifler der verlangte Nachweis gelingen. Aber gesetzt, es glückte ihm, was bis heute und diesen Tag keinem Forscher gelang, wäre sein Beweis erbracht? Oie Frage führe uns zu kurzer Allgemeinbetrachtung. Das Warum des Gesetzes ist doch auch aus anderen Gebieten ein Problem. Warum ist Unzucht, Unkeuschheit verboten?

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