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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1935-10-01 · 19 (1.10.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
11 (1935)
Issue
19 (1.10.1935)
Date
1935-10-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Gemeindeblatt der Israelitische» Religion«gemeinde Dresden Nr. 14 Oie zehn Bußtage (Aliseres j’ml t’sdiuwo) Don Or. Bernhard Isaak Ser Anfang eines neuen Jahres läßt uns sinnend verweilen, in dem wir, rückwärts schauend, vom alten Jahre Abschied nehmen und mit dem Blick in die Zukunst zum Eintritt in das neue Jahr uns rüsten. Wir prüfen, welchen Erfolg wir im abgelaufenen Jahre aufzuweisen haben und erwägen, nach welchem plane wir das neue Jahr gestalten müssen, damit es angemessen in das Ganze unseres Lebens sich einfüge. Not und Heimsuchung dürfen uns nicht entmutigen, vemehmen wir doch aus der Stimme des Schofar, der an Leid und Opfer erinnert, die Mahnung zur Einkehr und Buße. Wir leiden, aber wir verzweifeln nicht, weil wir an die Zukunst unserer Gemeinschaft glauben. Oie Wanderung durch die Zeiten und Dölker bestärkt uns in dem Gedanken an die ewige Gerechtigkeit und macht uns fest in der Überzeugung, daß Alle Kinder Gottes sind. Oie zehn Bußtage, die mit Rausch haschono beginnen und mit Jaum Kippur, dem Dersöhnungstage, ihr Ende erreichen, sollen uns zur rechten Einsicht hinführen, die in all unserem Wirken und Schaffen als leitender Gedanke sich offenbart. In den jomim nauroim, den ehrfurchtbaren Tagen, müssen wir über flüchstge und vergängliche Erscheinungen hinweg zu tieferer Auffassung über Zweck und Inhalt des Lebens gelangen, die uns das Leben als wahrhaft lebenswert erscheinen läßt. Soll die t'schuwo die sittliche Erneuerung unseres Lebens zum Ziele haben, müssen wir, unfern Blick vom engen Kreis unserer persönlichen Interessen auf die Gesamtheit richtend, uns selber wieder zu gewinnen suchen. Ist doch das Streben nach einer Selbsterneuerung, nach einer Dersöhnung mit uns selbst die Vorbedingung für die Dersöhnung mit' Gott und mit dem Leben. Damm will der Jaum Kippur als Krönung der zehn Bußtage die Selbsterkenntnis, die eigentliche Voraussetzung für unsere sittliche Neuwerdung, in uns schaffen. So kündet der Der-' söhnungstag immer wieder den Glauben an die sittliche Freiheit, die uns die Macht gibt, das Böse mit Erfolg zu bekämpfen, wenn das Gute den Sieg erringen soll. O>e Not der Zeit hat manchen, der unserer Gemeinschast gegenüber gleichgültig geworden war, zu uns zurückgeführt. Je schmerzlicher die Prüfung ist, desto mehr sollte sie uns Ansporn sein, daß wir begangene Fehler in Zukunft vermeiden. Haben wir doch alle den Wert der sogenannten Bildung für sittliche- Erziehung des Menschen viel zu sehr überschätzt. Es war ein verhängnisvoller Irrtum, zu glauben, daß Wissen allein schon genüge, die Menschen besser und edler zu machen. Wesentlicher als alles Wissen ist die Bildung des Herzens und des Gemüts. Wir könnten versucht sein, früheren Tagen, da die Menschen noch fest im Glauben standen, im Dergleich mit der Gegenwart, wenigstens in unserer Einbildung, unbedingt den Vorzug zu geben. Mögen wir auch weiser und klüger geworden sein, glücklicher sind wir nicht geworden. Und doch, wer wollte es verkennen? Oie Zeiten haben sich geändert, unsere Anschauungen und die äußeren Bedingungen des Lebens haben einen völligen Umschwung erfahren. Es fehlt uns die innere Sammlung und Beschaulichkeit vergangener Tage. Bei uns liegt es, nach der rechten Einsicht in das Leben zu ttachten, die geeignet ist, Dunkelheiten und Widersprüche des Daseins zu klären. Dann werden wir nicht mehr im Zweifel darüber sein, wo und nach welcher Richtung hin wir das Glück des Lebens zu suchen habe». Das Judentum ist der Glaube an eine göttliche Weltregierung, an einen Fortschritt in der Geschichte der Menschheit, der Glaube an den Sieg des Guten. Das Leib, das uns auferlegt ist, soll uns mahnen, uns immer fester zusammenzuschließen und im kleinlichen Streit nicht unsere Kräfte zu zersplittern, sondem sie zusammen zu fassen zum Schutze und zur Stärkung des Ganzen, Linse» e Zeit ist am wenigsten dazu angetan, die alten Gegensätze wieder zu erneuern Es ist Pflicht eines jeden, sich mit seinen Kräften und Anlagen in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen, um aufbauen zu helfen, um die Not und das Elend seiner Mitmenschen zu lindern. Heiligste Aufgabe unserer älteren Generatton sollte es sein, der Jugend die sittlichen Werte des Judentums vorzuleben und ihr immer wieder von neuem zum Bewußffein zu bringen, baff ohne Treue zum Früheren, ohne Erfurcht vor Geschichte und Tradition nichts Neues gestaltet werden kann. Können wir unseren Kindern auch die äußeren Gaben des Glückes nicht schaffen, so sollten wir ihnen das innere Glück der Seele sichern, indem wir bei gewissenhaster Erziehung sie anleiten, das Heil des Lebens nicht von außen her zu erwarten, sondem es in sich selber zu finden. Mögen die Tage der Einkehr, die uns in Selbsiprüfung auf das vergangene Jahr zurückschauen lassen, uns das rechte Verständnis für das Leben erschließen, daß wir die Vergangenheit für die Gegenwart und dje Gegenwart für die Zukunft nutzbar machen zu unserem Hesse, zum Heile unserer Gemeinschast. Aus der Gemeinderaissitzung Zu Beginn der Sitzung, der eine Fühmng durch die neuen Räume der Synagoge vorausgegangen war, nahm Herr Bochner das Wort, um den Menschen, die tatkräftig durch ihr Können und ihr Wollen zu dem Gelingen des Baues bekgetragen haben. Dank zu sagen. Oer Redner führte aus, daß solche Bauten in Zeiten wie den unsrigen selten verwirklicht würden. Oie Menschen aber, die nach uns kommen, würden, wmn sie die Ehronik lesen, feststellen müssen, daß wir bei allen Fehlem, die man uns nachsagen könne, immerhin etwas geschaffen hätten. Er sei glücklich, daß Dresden mit diesem Bäu Räume erhalten hätte, die es ermöglichten, auch weiterhin die kulturellen Bedürfnisse zu befriedigen. Sein besonderer Dank galt Herm Baumeister Brauer, der das Werk in uneigennützigster und hingebungsvollster Arbeit vollbracht hat. Der Redner wünschte Herm Baumeister Brauer, daß er noch lange Jahre für unsere Gemeinde tättg sein und daß es ihm vergönnt sein möchte, wenn -in späteren Zeiten einmal daran gedacht werdm könne, die Hauptsynagoge zu emeuem, wiederum sein hemorragendes Geschick und Können einzusehen. Festgesiellt wurde, daß die Kosten des Baues sich innerhalb der vorgesehenen Bausumme, b. h. des zur Verfügung stehenden Synagogenneubaufonds halten werden.-(Oie würdige Erinnerungsvom 19. September 1935 tafel für die Sttfierin dieses Fonds, Frau Henriette Schie s. A., in der neuen Kleinen Synagoge wurde, ebenso wie die Tafel für die Gesallenm des Weltkrieges, geschaffen von Herrn Kunstmaler Bmno Gimpel, Dresden-). Oer Vorsitzende, Herr Max Lesser, gab bekannt, daß der erste Gottesdienst in dem Neubau am Schabbos Bereschis stattfinden wird. Oie Mitglieder des Gemeinderates wurden eingeladen, den Freitag-Abend-Gottesdienst (25. Oktober) vollzählig zu besuchen. Herr Baumeister Brauer dantte Herm Bochner für die ehrenden Worte der Anerkennung und übertrug die Ehmng mit auf Herm Lesser, ohne dessen tatkräftige Mithilfe das Bauvorhaben nicht in dieser Weife hätte verwirklicht werdm können. Auch er (Brauer) sei der Meinung, daß das bisher tote Vermächtnis der Stifterin erst jetzt, mit Errichtung des Baues, zum Leben erweckt sei und Zinsen tragm werde, und daß auch unsere Generatton sich damit ein Denkmal gesetzt habe. Sein. Wunsch sei, dass wir Gutes darin erlebm möchten. Im wetteren Verlaufe der Sitzung wurde beschlossm, den Gemeindesteuersah -1935, unverändert wie in den beiden Dorjahrm auf 20 v. H. der Reichseinkommenfieuer bzw. Maßstabs- ' steuer 1934 festzusehen.

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