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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1935-10-01 · 19 (1.10.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
11 (1935)
Issue
19 (1.10.1935)
Date
1935-10-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gemeindeblalt der Israelitischen Iieligionsgemeinde Dresden Amtliches Organ des Semeindevorfiandes * Mitteilungsblatt des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes » Verantwortliche Hchrlstleltung: Leo Anschel, Oreoben / Verlag: Israelitische Religionsgemeinde Or«sden-A. i, Zeughausstraße 3 / Ruf 14031 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Gternllcht, Oresben-A. IS, Gtübel-Mee 35 / / Ruf 34185 / / Annahmestelle für Inserate ebenda / Die 4mal gespaltene sS-mm-Zeile tostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhnert, vresden-A. 1, Ammonstr. 81 I XI. Zahrg. Dresden, den 1. Oktober 1935 Rümmer 19 Das geschloffene Tor Or. Martha Wertheimer. Wenn am Tag der Versöhnung die Sonne sich dem llntergehen zuneigt, wenn in unseren Äethäusern die Dichter, die im Tageslicht matt und glanzlos waren, in der einsinkenden Dämmerung wieder den feierlichen Schein gewinnen, mit dem sie uns zum Kol Nidre empfingen - wenn die Inbrunst der Gebete im Ne,1a l'Zaum Kippur noch einmal mit einer letzten, höchsten Steigerung sich zusammenschließen wist — dann steigt qus den Äeterreihen der gewaltige, hoffende und verzagte Anruf auf: »ibffne uns das Tor, zur Zeit da das Tor geschloffen wird - denn der Tag hat sich gewandt - der Tag wendet sich, die Sonne geht unter, wir möchten in Deine Tore kommen-/ Wenn der Versöhnungstag in die Oämmemng hineinsinkt, geht unser Gebet, auf zagenden Füßen, immer noch auf dem Wege der Umkehr und Rückkehr, diesen langen Weg der Gewißheit und d«S angstvollen Zweifels: Gewißheit, die in jedem Kidbusch bekennt, baß wir den Ruf zur Heiligung, zu den Pflichten des Herausgehobenseins aus der Weise der Völker hören, Zweifel und Angst, ob wir mit diesem Hören auch die Fordemng des Tuns erfüllt haben. Je tiefer der Tag sinkt, um so Ohnmächttger scheint uns der Sturm unserer Gebete gegenüber den Äergen von Versagen und Verschulden, von Feigheit und Ausweichen, von Entfremdung und Abfall. Wir spüren wie das hohe, weite Tor der Äemfung langsam die Flügel einander nähert, wir sehen die Helligkeit dazwischen langsam schmäler und schmäler werbm. Wenn die Flügel dieses Tores sich schließen--! Und unser Schrei stürzt zu ihm hin und will sie halten <— stammelt dieses kindliche Rein und Nicht - »Oeffne uns baS Tor - zur Zett, da es geschloffen wird!' Wir wissen alle, welche Mächte in uns selbst bas offene Tor der Äerufung Israels vor uns inS Schloß zurückfallen lassen könnten. - Wir haben ln diesen lehtm Jahren oft genug in Menschengesichter gesehen, die vor dem geschlossenen Tore blicklos wider unüberwindlich« Weglosigkeit gestarrt hatten. Wir wissen, wamm wir in dem »Wir haben gesündigt' - »wir* und immer wieder »wi/ sagen, wenn auch die Rkchtwissmden fragen möchten, wamm der Äeter denn laut Raub, Gewalttat, Greuel und Frevel bekennen müsse, an denen er vielleicht unschuldig sei. 'In diesem »Wir' eben liegt bi« Kraft, die uns das Tor der Verheißung offen hätt. Jeder von uns muß sich mitschuldig fühlen, wenn irgendwo in der Wett Mord, Raub, Gewalttat, Lästerung geschehen, mitschuldig, daß sie noch möglich sind, mlsschulblg, weil wir - jeder einzelne - nicht genug dazu getan haben, baß sie aus Gottes Welt verschwinden. DaS sind di« Mächte, die das hohe Tor zufioßen können, und gegen sie stemmt sich die Kraft unseres Äekennens und Flehens. Geschloffene Tore - wie die Gesichter der Heimkehrenden unter den Unseren, die ratlos und fremd vor uns standen und lautlos das Wort aus der Dämmerung der Neilasiunde wiederholten: »iöffne uns das Tor - Äild Gottes, Mensch, Äruder, Kind des Lundes - öffne du für mich das Tor, das sich schließen will!* Geschloffene Tore: Neigung der Unfern zum Fremden und Abfall zu fremden Göttem - das ist keine Schuld Israels von gestem oder von einem Jahrhundert, das ist so alt wie das Voll mit dem hatten Racken und sein Weg in die Wüste, um dort - nicht an den Fleischtöpfen Ägyptens! - die Gottnähe und den Ruf zu "den neuen Pflichten einer neuer Menschlichkeit zu erfahren. Vor diesen Pflichten und dieser Menschlichkeit liefen sie immer wieder davon, immer wieder gingen sie den leichteren, bequemen, weltgewohnten Weg der Ichsucht, des persönlichen Dottells, des Schweigens und Äeifeiteflehens, immer wieder fanden sie den feigen Ausweg in die Frage: »Lin ich der Hüter meines Äruders?' Weil das fo ist, weil sie selbst das Tor der Äerufung am liebsten zugeschlagen hätten und gewesen wären-wie alle anderen, darum wiederholen wir vom Rosch Haschana-Anruf her die Weisung, baß »Umkehr, Gebet unbMildherzkgkeit das Verhängnis abwenden' können, weil sie uns die Wege zum Tor der Äerufung weisen. Niemand als wir selbst kann diesen Weg finden, niemand als wir allein bas Tor der Äerufung offen halten, wenn es geschloffen werden soll. Gerade das ist uns neu bewußt geworben — wir waren in Gefahr, daß das Tor sich schließen sollte, es waren genug unter uns, die ftoh darum gewesen wären, nichts mehr von Israel und seinem hatten Weg zu wissen. Die Aufgabe, die unS in dieser Generatton zufiel, ist wahrhaft wieder unsere Ausgabe: wir haben - wie einst in der Richterzeit - den Weg zurück zu gehen - wir alle, auch wenn wir glauben, daß wir nie von ihm gewichen wären. Wo wäre der Selbstgerecht«, der in der Stunde des Neilagebets sich aus der Gemeinschaft des Äundes herausziehen könnte und nicht mit uns stürmen und flehen wollte; »Oeffne uns das Tor!' Wenn mit der sinkenden Dämmerung die Äeter in ganz Israel noch ein letztes Mal an diesem Tag hinauflangen möchten - über Welten, Räume, Zeiten hin, wenn der uralte heilige Ring sich um uns alle schließt, der Geschichte nicht als Vergangenheit und Gegmwatt als ewigen Quell der Erneuerung erscheinen läßt, dann decken die Flügel der Ounkelhett vielleicht unsere Augen - aber nicht das Tor, aus dem uns mit der immer erneuten Äerufung, der Auslese durch Schmerz, Leid, Schande und Absonderung, die immer erneute Verpflichtung zuwächst, um die Welt Gottes zu bienen, dem Sinn entgegen, in dem sie geschaffen wurde. »Wir wollen in Deine Tore kommen.-'

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