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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1935-09-01 · 17 (1.9.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
11 (1935)
Issue
17 (1.9.1935)
Date
1935-09-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gemeindeblatt -er Israelitischen Religionsgemein-e Dresden Amtliches Organ -es Semein-evorstan-es * Mitteilungsblatt des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes * Verantwortliche Schriftleitung: Le» Anschel, Dresden / Verlag! Israelitische Religionsgemeinde Dresden-A. 1, Zeuahausstraße 3 / Ruf 14031 und 17887 / / Verantwortlich für itn Inseratenteil: Zar. Strrnlicht, vresden-A. IS, Stübel-Mee 35 / / Ruf 34185 / / Annahmestelle für Inserat« ebenda / Die 4mal gespalten« 46-mm-Zetle kostet rr Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhnert, Vresden-A. 1, Ammonstr. 61 XL Iahrg •' OreSden, den 1. September 1935 |l~ ' —| Kunst überhaupt, ja oder nein? Dies« Frage wurde auf der Tagung der Jüdischen Kulturbünde Deutschlands, die zur Gründung des Reichsverbandes der Kulturbünde führte, von Herrn Or. Fritz Vrodnitz aufgeworfen. bedeutet Kunst für den Juden von 1935, insbesondere den jungen Menschen, einen wirklichen Lebensfaktor? Hierzu führte Or. Vrodnitz in seinem Referat »Kulturbünde und jüdische ibffenttichkeit* u. a. etwa folgendes auS: Mit dem Untergang einer bürgerlich gesicherten Lebensform droht heute die Voraussetzung für künstlerisches Leben mit unterzugehen. Immer wieder wird die Frage von jungen Menschen gestellt, ob denn Kunst überhaupt im Leben eines Menschen eine Roste spielen könne, der sich so vollständig auf gänzlich veränderte Lebensbedingungen und Lebensformen elnstesten muß. Wer Kunst nicht als Luxusornament gesicherter bürgerlicher Lebensführung als schönm Zeitvertreib müßiger Stunden betrachtet, sondern in chr eine der stärksten, lebenskräftigsten und unentbehrlichsten Kräfte steht, ohne die Aufbau einer wirklichen Gemeinschaft nicht gedacht werben kann, den muß es mit stärkster Sorge erfüllen, wenn er künstlerisches Leben in der Gefahr fleht, durch den Vallafi einer abfierbenden Epoche unterzugehen. Es ist begreiflich, baß die materiellen Sorgen der Iudenheit in Deutschland so groß sind, baß fle den Slick auch der verantwortlichen Führer ganz zu fesseln drohen. Man muß sich aber Nar darüber sein, daß aste materiest« Arbeit zur Erhaltung einer Gemeinschaft im historischen Sinne bedeutungslos bleiben muß, wenn es nicht gelingt, diese Gemeinschaft auch als Träger eigener Kulturformen zu erhalten. Rur der wirb diese Aufgabe lösen können, der die materieste und geistige Situatton des deutschen Iubmtums aufs Genaueste kennt und sein künstlerisches Programm dem anpaßt, und es gestaltet aus den besonderen Vedürfniffen einer neu sich formenden Gemeinschaft. Oer Fehler, der bisher meist gemacht wurde, besteht Parin, daS Äebürfnls nach Kunstgenuß als eine gegebene Größe anzusehen. Oie wirklich» Fragestellung, die heute biskuftert werden muß, ist: Wie kann Kunstvermittlung gestaltet werben und welche Kunst ist geeignet, um überhaupt Kunst als Faktor im Leben der Juden Deutschlands bestehen zu lassen. Das Problem kann hier nur gefieftt, nicht beantwortet werden. Es zu beantworten, geht überhaupt über di« Kraft eines einzelnen Menschen hinaus. Wer es einmal richftg gesehen hat, der weiß, daß hier eine der entscheidendsten Fragen der gesamtm Arbeit am deutschen Judentum liegt, und ich gestehe Ihnen, daß mich die Frag« nach der Erhaltung und Formung eines künfileriphen LtlbungsniviauS, gerade well ich aus genauer Kenntnis der Situation der jüdischen Jugend von heut« dt« ganz« Schwierigkeit dieses Problems übersehen kann, mich sett langem nicht einen Tag losgelaffen hat. Vor einem Jahr fand einmal ln der jüdischen Presse eine Art Kulturbussddiskussion statt. Sie war wenig fruchtbar, weil sie falsch angesetzt war. Wie leider daS meiste in unserem jüdischen Leben wurde sie auch sogleich über die Leisten der üblichen Weltanschauungsdikussionen geschlagen, und di« Segneb gerieten tt-h unter dem Schlag wort: jüdische oder deutsche Kunst, heftig in die Haare. In der Zwischenjett haben die meisten der Beteiligten eingesehen, daß man mit dieser Art Fragestellung nicht sehr viel weiter kam. Oie Vertreter einer rein deutschen Kunfigestaltung haben inzwischen eingesehen, daß es zu den unabdingbaren Aufgaben eines jüdischen Kulturbundes gehören muß, Kunstwerke mit besonderer jüdischer Rote zu pflegen. Auf der anderen Seite ist auch den Verfechtern einer möglichst rein jüdischen Kunstausübung Nar geworden, daß einstweilen nur allererste Ansätze dazu festzustellen sind. Selbst in Palästina, wo die volksmäßigen Voraussetzungen noch am ehesten gegeben sind, beginnt erst sehr langsam sich ein bescheidenes künstlerisches Eigenleben zu entwickeln. In einem Aufsatz, den Frau Moses im vorigen Jahr in der »Jüdischen Rundschau* schrieb, ist mit Recht betont worden, daß noch Jahrzehnte vergehen werden, bevor der Soden für rein jüdisches Kunstschaffen bereitet sein wird. Daß wir jeden Ansatz solchen eigenen Schaffens auch weiterhin pflegen müssen, ist «ine Selbstverständlichkeit, die heute wohl noch kaum ernsten Widerspruch findet.. Wir könnm aber bei der Erörterung, welche Kunst heute, unter Juden von 1935 lebensfähig ist, einmal die Alternative jüdische oder deutsche Kunst verlassen zu Gunsten einer fruchtbareren Alternative: Kunst von gestern oder Kunst von heute? Wenn man das geistige Leben der Juden in Deutschland heute betrachtet, dann kann man sich oft nicht der Sorge erwehren, daß es noch erheblich« «einflußreiche Kreise gibt, di« mit aller Kraft Oenkformen zu erhalten suchen, die die nichtjüdische Umwelt in.einer großen Kraftanstrengung längst über Sord geworfen hat. Die Entwicklung und die häufig dem Wandel dcr Zeit nicht nachgekommene Führung der Iudenheit bringt es mit sich, daß eine untergehenbe Schicht dem geistigen und kulturellen Leben der Gesamtheit ihren Stempel aufdrückt. Es ist «ine historische Entscheidung für bas Judentum Deutschlands, ob es fähig ist, mit der gleichen Kraft, mit der es sein Hilfs- und Aufbauwerk Organisiert hat, auch seinen geistigen Wiederaufbau in die Hand zu nehmen. Aus keinem Gebiet erscheint , mir diese Gefahr so gross, wie auf dem von den Kulturbünden betreuten. Wir haben ja jetzt erst sehen gelemt, in welchem Umfang das kulturelle Leben die Jahr« vor dem Krieg zwar ästhetisch und formal verfeinert, aber inhaltlich leer und unfruchtbar geworden war. Wenn wir jetzt daran gehen, neben den Umbau unserer materiell«, Lebensgestaltung die Instituttonen unseres künstlerischen und kulturellen

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