Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 16 (15.8.1935)
- Date
- 1935-08-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gemeilldeblall -er Israelitischen J^eligionsgemeinde Dresden Amtliches Organ -es Gemeindevorstandes * Mitteilungsblatt des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes * Verantwortliche Schriftleitung: Leo Anschel, Dresden / Verlag: Israelitische Religionsgemeinde Dresben-A. l, Zeuahgusstraße 3 / Ruf 14051 und 17881 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Sternlicht, Dresden-A. iS, Stübel-AIlee 35 / / Ruf 34185 / / Annahmestelle für Inserate ebenda / Oie 4 mal gespaltene 46-mm.Zeile kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhnert, Drtsben-A. 1, Ammonstr. bl | XL Zahrg. Oresden, den "IS. August 1S35 Nr. 16 Bildunasenge? Don Le Manchen mag die Frage bedrücken, ob'die Juden in Deutschland, als Gesamtheit zumal, heute nicht in eine Bildungsenge hineingeführt worden seien. Aber weniger als irgendwann brauchte uns heute solche Sorge zu beugen. Denn durch nichts weniger als durch eine Erstreckung des Stoffes, als durch eine Lage der Zeit, alS durch Räume der Beziehung ist Bildung bedingt oder bewirkt. Unter der Menge der Bildung hatten wir Juden in Deutschland lange Zeit nur gelitten. Immer wieder Neues, immer wieder Anderes hatten wir in uns hineingenommen. Wer kannte nicht den beengten, bedrängten Troß, der, um nur nicht überholt zu werden, nur nicht zurückzubleiben, in ermüdendem Wetflauf zu jedem Schaubild, zu jedem Tonspiel, zu jedem Buche hineilte. Das war doch die jüdische Hast, von der, mit Grund, spöttisch geredet wurde. Don ihr sind wir freigemacht, freigezwungen worden. Wir können heute gebildeter sein, als manches frühere Geschlecht, das dieser Bildungstreibjagd beflissen war. Denn Bildung ist Dertiefung, und immer ln so Weniges nur kann sich der Mensch, auch der begabteste, vertiefen. Wer drei ober vier Werken, die in der Menschheit geschaffen worben sind, nahezukommen sucht, um in sie einzudringen, der lebt in der Bildungsfülle. Bezugsgebühren -es Gemein-eblattes Oie Bezugsgebühren des Semeindeblattes wurden auf RM - .50 pro Quartal festgesetzt. Diele Gemeindemitglieder haben der Einfachheit halber di« Gebühren für das gesamte Kalenderjahr 1 935 mit RM 2 — auf einmal bezahlt. Im Interesse des ungestörten FortbezugeS und der Aufrechterhaltung des Mattes bitten wir aste Gemeindemitglieder, die mit der Bezahlung noch im Rückstand sind, den Betrag umgehend bei der Gemelndekaffe einzuzahlen, eventl. in Briefmarken zu übersenden, oder aber auf Postscheckkonto -10288, bzw. eines unserer Konten bei den Bankhäusem Gebr. Amhold und G. Mattersdorff zu überweism. Oresden, im August 1935. Der Vorstand der Ifraeltttfchen Religionsgemeinde zu Dresden. > Baeck '■> An jeden begrenzten Gegenwartsblick hatten wir uns gefesselt und ließen uns von ihm mitzerren; auch das war Bstdungsenge. Wer erinnert sich nicht — wohl uns, daß es eine Erinnemng nur sein darf-an die von jener nie endenden Pein Gefaßten, sie würden nicht die Jetzigen, die Modemen sein. Das war poch wirklich jene jüdische Angst, von der höhnisch gesprochen wurde. Don ihr hat uns ein Schicksal ledig werden lassen. Wir können heute wieder unabhängig vom nur Kommenden, Gehenden sein. Zu dem Echten, Bleibenden, zu dem, was in den Jahrtausenden seinen Platz hat, und von dem niemand uns trennen kann, vermögen wir uns hinzuwenden. Hierfür können wir wieder den Blick gewinnen. Wir können in der Bildungsweite sein. Don Richtungen nach hier und dort, zu allen überall, hatten wir Wert, Gehalt und Bedeutung einzubringen gewünscht. Wer weiß nicht um das Gewimmel derer unter uns, deren Dasein dieses stete Nachgehen, dieses stete Beziehen war, die allenthalben wohnen wollten. Ihnen hat, leider mit Fug, das bittere Wort von dem jüdischen Nachlaufen und Überlaufen gelten müssen. Davon sind wir durch ein Geschick jetzt fortgeholt worden, und den geraden Weg zur Bildung können wir jetzt finden. Er ist der Weg zu uns selber. Denn die Bildung ist seelische, geistige Empfänglichkeit und die daraus erwachsende Ausdmcksfähigkeit; sie wird sich natürlich und echt in dem Innersten und Eigentlichsten des Menschen immer formen, uns Juden daher in unserem Jüdischen. Wir können heute gebildet sein; wir können in unserer Bildungsfreiheit leben. Das ist es, was heute für uns anbrechen will. Problematik der jüdischen Bünde Don Or. Werner Eahnmann-München (Fortsetzung und Schluß) Ein weiteres kommt dazu. Oie Heimabend« sind systematischer ln der Form und jüdischer im Inhalt geworden. Das ist der doppelte Ton, der für jüdische Ohren aus dem Wort fernen" spricht. Man treibt Hebräisch und Geschichte, man verbindet beides in der Lettür« des ,/kenach", der hebräischen Bibel. Man beschäftigt sich mit jüdischer Gegenwartskunde, palästinozentrisch bei den Zionisten, allgemeiner, aber auch ideologischer gerichtet bei der deutschjüdischen Jugend. Und die gleichen Eltem, die noch vor wenigen Jahren die eine spärliche wöchentliche Religionsstunde für sine zu starke Belastung ihres Kindes ansahen,, können sich heute aus dem Gefühl eigener Unzulänglichkeit heraus nicht genug tun an einer - für andere - geforderten Iüdischkeit. Wie nötig wäre