Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 13 (1.7.1935)
- Date
- 1935-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/4892693-5739429-5770138--2265-4894828- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 18 Seite 3 (8cmti«btMott der Israelitische» Wengtoalgeweiabc Treiben Mahs ist der Osten, Allahs ist der Westen usw., er zeigte es mir gleich an zwei Stellen und darauf erzählte ich ihm, daß der »größte deutsche Dichter Goethe* dies so überseht hätte- Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident, norb- und südliches Gelände rühr» im Frieden seiner Hände, sprach es ihm so llangvoN wie ich konnte vor und übersetzte es ihm inS Arabische. Worauf er sehr hästich antwortete, baß Allah der Sott aNer Völker sei, der Deutschen usw. Darauf verabredete ich, daß ich am nächsten nachmittag um drei Uhr wiederkommen wollte und verabschiedete mich unter vielen Verbeugungen. Vas folgende habe ich schon erzählt. Samstag mittag ging ich mit einem Verliner ins Türkenviertel. ... Wir gingen in die größte Moschee. Statt Vllder hängen ln den Moscheen Tafeln mit Namen, an der Oflwand Allah und Muhammed, an den Seitenwänden die ältesten Kalifen, aber auch Osman und andere.... Abends ging ich wieder ins Ghetto, ich hatte gehört, es gebe noch eine andere kleine Synagoge, ich ftagte auf der Straße ein paar Jungens nach der »plnola* Synagoge, was nicht verstanden wurde, worauf einer, ein zarter, gut angezogener (Salonttrolerjöppchen) mich ftanzöstsch ftagte, was ich wollte und mich dann selber hinbrachte. Er hieß Emanuel Noa, zehnjährig, sprach außer ftanzöstsch auch schon ziemlich viel deutsch, entpuppte sich als Veste von Navarros, hatte noch sechs Vrüder. Oie kleine Synagoge wird von den aus Saloniki Eingewanderten besucht (auch Navarro gehört dazu), ist ein breites Nechteck, Sänke, an den Wänden, die Frauenempore im Süden. — Oer Gottesdienst natürlich viel weniger offiziell als ln der großen. Nachher zeigte ich dem kleinen Emanuel noch unsere Sedertafel, er hatte mir vorher die bulgarische gezeigt. Er gefiel mir sehr, so daß ich ihm sagte, er sollft mal am nächsten Mittag rüber zu Navarras kommen. Seim Geber holte ich mir F.,.. und wir setzten uns zu den Nüssen, es waren meist große starke Leute, aus Minsk, Odessa, einer aus Kamienez an der gallzischen Grenze. Sei diesem könnte man viel eher darauf kommen, es wäre eine andere Nasie, ich fürchte auch, das es wirklich so ist, die große Pogromepoche seit 1881 muß ja Folgen gehabt haben. Gie sprachen alle natürlich deutsch, d. h. eben jüdisch, was nicht schwer zu verstehen ist, waren scharf und aufgeweckt. (Aus der Sayr. 3fr. Gemeindezeitung.) 225 Jahre „Meißen" Wir bringen hier einen Artikel zum Abdruck, der sich mit dem Jubiläum der Meißner Porzellan-Manufaktur befihäfttgt. Meißen hatte ln früheren Jahrhunderten eine blühende Jubengemeinde. Sei der letzten Volkszählung 1SZZ wohnten ln Meißen 46 Glaubensgenossen, die seit dem Sächsischen Judenaesetz von 1904 - wie alle Juden der kkreishauptmannschaft Dresden - zur Dresdner Gemeinde gehören. In diesem Jahr blickt die »Fürstliche porzellanfabrik August des Starken* auf 225 jähriges Vestehen zurück. »Wahret die Grenzen, daß viel Gold ins Land kommt und wenig hinausgehtl*, das war die Losung, die der geniale Herrscher ausgab, das war im wahrsten Sinne merkantllistisch gedacht. So gründete er auch die Meißner Porzellanmanufaktur, nachdem Äoettger bas Geheimnis der Herstellung des echten Werkstoffes aefunben hatte. Oie Traditton wM es, daß diese Erfindung pur ein Werk des Zufalls gewesen» ein bloßes Ungefähr in Form einer Hand voll Puder, die zufällig dem Glücklichen in die Hände geriet und zufällig gerade der Hauptbestandttell des Porzellans, das Kaolin, war. Jenes Kaolin, eine Masse aus weißem Sand, mit der die Damen und Herren des Hofes ihr Haar zu pudern pflegten, war die letzte Äindung, hatte geholfen, bas rotbraune Porzellan zu erfinden. Aber man soll ln diesem sächflschen Alchimisten keinen glücklichen Finder, wohl aber eine»'verdienstvollen Erfinder, keinen Glückspilz, sondern ein Genie sehen, ln seiner Tat eine Tat des Geistes, bas Endresuttat langer wissenschaftlicher Untersuchungen. Den Golbsegen aus dem Porzellan hat August der Starke nicht mehr erlebt. Aber nach den ersten Anfängen, in denen bas Steinzeug von hohem Wert in Meißen gearbeitet wurde, mit den zierlichen Neliefauflagen, den Vlüten und Omamenten, mit Vergoldung, mtt Sllbermalerei auf dem rotm Ton, gründete August der Starke schließlich die Meißner Manufaktur. Und das Temperament des Königs und das Äoettgers ergänzten sich bei dieser gemeinsamen Arbeit aufs glücklichste. Man war ja stolz auf die neue Erfindung, man ließ t ein Symbol fast - das Patent in vier Sprachm erfcheinen, in deutsch, holländisch, ftanzöstsch, sogar in lateinisch, der Sprache der Gelehrten. Das Meißner Porzellan befriedigte auf Jahrzehnte die Schenkerlaunen August des Starken, Semik« für seine Freunde und Natgeber und Maitreffen entstanden, so das interessante Tafelgeschirr für Sulkowskt und Vrühl, das kostbarste Drachenservlce, das Geschirr mit dem »gelben Löwen*. Vasen bemalte man in chinesischem Stil, mit Vlumm und Vögeln, Pagoden schuf man ngch den Entwürfen Kirschners, der in Meißen die berühmten Tlerflguren arbeitete. Man weiß, daß nach dem Sturz des Ministers Grafen Hoym die Leitung, der Manufaktur selbst in des Königs Hände kam, und in diesen Jahren arbeitete Kändler, jene große keramische Künstlerpersönlichkeit, die berühmt gewordenen Figuren. Dies alles wurde in der Zeit des Nokoko geschaffen. Vis in unsere Tage hinein verbindet man in Meißen die alte fürstliche Traditton mit den Zielen unserer lebendigen Gegenwart, man schafft daS Gebrauchsporzellan für die neue Wohnkultur und die zettgebundenen Plaketten, Statuetten, aus deusscher Erde schöne Erzeugnisse, die dem deutschen Kunfigewerbe Weltruf verschaffen. Es ist eine interessante Veobachtung, daß gerade im Meißener Porzellan allerhand Jüdisches begegnet. Wir wissen von Anna Konstanze Gräfin von Eosel, einer der schönsten und geistvollsten Frauen ihrer Zeit, der Freundin August des Starken. Wir wissen, daß sie dem Landesherm den Grafen Nutowski geboren und sich weigerte, ein Dokument herauszugeben, welches ihre und ihres Kindes Anerkennung enthielt. Daher wurde sie wegen angeblichen Mordanschlags auf ihren königlichen Liebhaber auf Schloß Stolpm interniert.. In der Einsamkeit ihrer Gefangenschaft wurde sie Jüdin. - Lange Zeit hat man sich darüber, den Kopf zerbrochen, ob jene bekannt gewordene »Eoselmarke*, die auf verschiedenen porzellanen der Dresdener Sammlung zu finden ist, wirklich historisch ist. Heute meint man damit jene Naute, die die Schwertermarke zudeckt, ein in Gold ausgeführtes Muster, das von zwei den Seiten der Schwertermarke parallel gehenden Strichen durchfteuzt ist. Auch in privatbesitz begegnete ich kürzlich in Serttn einer Meißener Puderdose, die die Marke der Gräfin Eosel ftug, und vou der gelehrte Leute annehmen, daß August der Starke sie seiner Geliebten geschenkt habe. Ein dichtes Dunkel lag lange über der seltsamen Hochzeitsgabe des Phllosophen Moses Mendelssohn, den beiden Porzellanaffen, die sich heute im Äeflh der Nachkommen Mendelssohns befinden. Sett den Tagen des Jubiläumsjahres, 1929, weiß man, daß die interessanten Arbeiten den Stempel der Meißener Manufaktur ttagen, und man nimmt an, sie seien »wohl nach einem verschollenen Kändlermodell* gearbeitet worden. Auf Grund der Signierung mit der sächsischen Schwertermarke hat man sich belehren lassen, daß es sich nicht, wie man vielfach bisher vermutete, um Äerliner „Judenporzellan" handelte, denn dieses stammt ja, wenn es überhaupt eine besondere Art von Porzellan für die Juden der Frederizlanlschen Zeit gegeben hat, auS der Fabrik Friedn'ch des Großen. Ganz unmöglich ist es, von Meißen zu sprechen und nicht all der jüdischen Gammler zu gedenken, die das Meißener Porzellan liebten und lieben. Nicht nur innerhalb Oeusschlands haben Namm wie Oarmstaedter, Salz, Galltnek bekannten und lebendigen Klang, sondern auch darüber hinaus, in Schweden z. Ä. ist der Name Iwan Traugott mit den besten Erzeugnissen Meißens aufS engste verknüpft. Oie Sammlung Oarmstaedter, die vor 55 Jahren entstand, als die Kunstgeschichte der Porzellanplastik ganz ablehnend gegen-