Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 10 (15.5.1935)
- Date
- 1935-05-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Gemeindeblatt der Israelitischen Religi o nSgemeinde Dresden Nr. ist Elternhaus, Schule und Bund Don Or. Friedrich Brodnih, Berlin Drei Dinge formen heute die Zukunft der Heranwachsenden Generation deutscher Zuden: Jüdisches Elternhaus, jüdische Schule und jüdischer Zugendbund. Ein vorbehaltloses Bekenntnis zu ihnen sollte bei Jedem vorausgesetzt werden, der mit Verantwortungsbewpßtsein die Lage des deutschen Judentums überschaut. Als Forderungen bestanden sie schon vor dem grundlegenden Wandel unserer Lebensbedingungen. Das jüdische Elternhaus als Trägerin jüdischer Lebenstradition war schon lange als der beste Schuh gegen eine immer mehr um sich greifende Derdünnung unserer jüdischen Atmosphäre erkannt, die jüdische Schule als wichtigste Helfenn dieser Aufgabe der Verdichtung jüdischer Lebenslust gesehen und der jüdische Zugendbund als wirksamster Sammelpunft der eigcngesehlichen Kräfte einer neuen Generation bewährt. Oie schwere Notzeit des deutschen Zudentums hat diesen Forderungen stärksten Nachdruck verliehen. Don dem Wirken der drei Kraftströme: Haus, Schule und Bund wird es abhängen, ob es uns gelingen wird, eine Generation aufrechter, ungebrochener und ihres Wertes bewußter Menschen heranzuziehen. Es liegt in der geschichtlichen Entwicklung des deutschen Zudentums begründet, daß das jüdische Elternhaus einstweilen dieser Aufgabe am wenigsten gewachsen ist. Mängel jüdischen Wissens und jüdischer Derbundenheit, die in 60 Zähren entstanden sind, können nicht in zwei Zähren ausgeglichen werden. Umso bedeutungsvoller wird die Aufgabe der jüdischen Schule. Für die Entscheidung zur jüdischen Schule ist nicht die Feststellung enffcheidend, wie es dem jüdischen Kind auf der allgemeinen Schule geht. Entscheidend ist die Frage: wo bekommen unsere Kinder das Maß jüdischen Wissens, jüdischer Gruppenbindung, jüdischen Stolzes und jüdischen Lebensgefühles, das sie brauchen, um in so schwerer Zeit gerade und ungebeugte Menschen zu werden, die aus Leid und SchDe^em den Anstoß zu Leistung und Zukunftsbejahung schöpfesskönnerN^Oa unsere Elternhäuser dieser Aufgabe nur in den seltensten Fällen^wachsen sind, müssen wir die jüdische Schule fordern. Zbr tritt d^i-x Bund zur Seite, in dem der junge Mensch das Erlebnis der Kameradschaft findet, das Dingen um neue Lebensformen und den Ansporn zu gemeinsamem Kräfteeinsatz einer Generation, die ihr Schicksal, das sie zu zerbrechen drohte, meistert. Elternhaus, Schule und Bund könnm ihre Aufgaben nur in verständnisvollem Zusammenwirken erfüllen. Unsere Eltern müssen die" jüdische Schule und den jüdischen Zugendbund bejahen. Gerade, wenn sie selbst schon dem Entz'udungsprozeß stark unterworfen waren, müssen sie die Helfer begrüßen, die ihnen entstanden sind. Deutsches Zudentum wird nur weiterleben, wenn es die Kraft zur Besinnung auf die schöpferischen Kräfte des Zudentums aufbriggt. Leiter und Lehrer unserer jüdischen Schule müssen auf ein enges Einvernehmen zwischen ihrer eigenen Erziehungsarbeit mit der von Haus und Bund geleisteten hinsireben. Sie Müssen nicht nur die ihnen anvertrauten Kinder zu bewußten Zuden erziehen, sondern über diese als Mittler die Eltem. Wir müssen heute alle wieder »zur Schule" gehen, die Eltern nicht weniger als die Kin- > der. Daneben muß der jüdische Lehrer der Zugendbewegung voll Verständnis gegenüber stehen. Er darf im Bund nicht, wie noch 4 leider so häufig, den Gegner sehen oder ihm gleichgültig beiseite ' lassen. Er muß das selbständige Gemeinschaftserlebnis der Bünde organisch in seinen eigenen Erziehungsplan einfügen. Oie Bünde ichließlrch müssen genau scheiden zwischen dem Eigengesetz der Generatton, dessen legitime Vertreter sie gegenüber der älteren Generation sind, und dem Streben nach kontinuierlicher jüdischer Entwicklung, das alte und junge Menschen zusammenführt. Sie müssen die jüdische Schule nicht nur theoretisch fordern, sondern in Aussprache und Zusammenarbeit die Brücke zwischen Erziehung durch den Bund und durch die Schule schlagen helfen. Eltemhaus, Schule und Bund tragen die jüdische Zukunft einer ganzen Generation. Gelingt es uns, sie alle gleich tragfähig für ein lebensstarkes Zudentüm zu machen, werden wir vor den Aufgaben einer geschichtlichen Stunde bestehen. »ben aus „Das Jüdische 2t 8<£" Ein Führer durch das jüdische Wissen. Herausgegeben von Emil Bemhard Lohn. Verlag Erwin Löwe, Berlin 1935. Wie der Herausgeber in seinem Gelettrport betont, war es lediglich ein pädagogisches Ziel, dem eb, zustrebte Lr wollte das wesentliche so klar und einprägsam sagen, daß der Leser Anregung und Lust gewinnt, aus üem^o gegebenen Loden einer festumrijienen Grundlage weiterzuarbeiten und sein wissen vom Judentum zu verNesen. vie äpschaffung des Luches, in dem namentlich die Zugend Stoff ckür ihre Heimabende findet, kann durchaus empföhlen werdien. Haggada - und Halacha sind die beiden Zweige des Midrasch, d. h. der jüdischen Schrififorschung und -deutung, die bald nach Esra einsetzte und im Beth Hamidrasch, dem Lehrhause, betrieben wurde. Oie Haggada (vomhebräischen »hagged" »sagen, also »Sage", »Kunde") ist die ethisch poetische Deutung upd Weiterdeutung des Schristworts in Gleichnis, Sage und Spruch. Diese Deutung kam der Einbildungskrast des Voltes entgegen, und ihre Gleichnisse, Geschichten, Sagen und Sprüche sind später, als die Halacha sich in der Mischna und im Talmud konsolidiert hatte, in den sogenannten Midrasch-Werken zusammengefaßt worden. Heute sind Haggada und Midrasch fast gleichbedeutende Begriffe. Doch enthält auch der Talmud umfangreiche hagadische Elemente. Halacha Zm Gegensatz zur Haggada die rein jun'stische Weiterdeutung und Weiterentfaltung des mosaischen Gesetzes in den jüdischen Lehrhäusern von den Zeiten Esras bis auf diesen Tag.'Ursprünglich erfolgte diese Deutung regellos und die etwaige Annahme des entstandenen neuen Gesetzes hing lediglich von der Autorität des betreffenden Gesetzeslehrers ab, der die Deutung fand. Später um die Wende der bürgerlichen Zeit stellte der berühmte Hillel sieben Oeuteregeln auf, die später auf dreizehn erweitert wurden. Aus dem Vergleich zweier Torastellen ergaben sich logische Schlußfolgerungen, sei es durch Steigerung, durch Analogie oder Parallelität, durch Generalisierung ober Spezialisierung, durch die man das göttliche Gesetz weiter entfaltete und auf alle veränderten Verhältnisse jeweils anwenden konnte. Als man später diese dem Schreibverbot unterworfene sogenannte mündliche Lehre aufzuschreiben begann, entstand um 200 n. erst die Mischna, später der Talmud (um 500 n.), dann die großen systematischen Gesetzeswerke des Mittelalters bis auf den Schulchan aruch, im ganzen also eine große Literatur »halachischer" Werke bis auf diesen Tag. BERNHARD SCHÄFER Drasden-A., Prager Straße 7 Spezialgeschäft auserlesener Geschenke in allen Preislagen / Gold- und Silberwaren Kunst- und Luxuswaren / Feine Lederwaren