Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 10 (15.5.1935)
- Date
- 1935-05-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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der Israelitischen Heligionsgemeinde Dresden Amttiches Organ des Gemeindevorstandes » Mitteilungsblatt des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes * Verantwortliche Schriftteitung: Leo Ansthel, Dresden / V^lag: Israelitische Religionsgemeinde Dresden-A. 1, Zeuahausstraße 3 / Ruf 14031 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Sternlicht, Dresdens. iS, Stübel-ANee 33 / / Ruf 34183 / > Annahmestelle für Inserate ebenda / Die 4 mal gespaltene 4S.mm>Zeile kostet rr Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Sruhnert. Dresden-A. f, Ammvnstr. 61 XL Iahrg. Dresden, den 15. Mai 1935 Nummer 10 „Oie wahre Liebe" »Als Jacob starb, sprach er zu Joseph, seinem Sohne, er solle ihm die Liebe und Treue erweisen und ihn nicht in Ägypten be graben. Unsere Alten haben an diese Stelle eine sinnige Deutung geknüpft. Die wahrhaftige Liebe, so sagen sie, sei jene, die man den Toten erweise, denn nur sie sei ganz uneigennützig, nur fle verzichtet auf jeden Dank! Diese reinste und erhabenste Liebe ist nun kennzeichnend geworden für jüdisches Leben. In der jüdischen Gemeinschaft entstand die »heilige Vrüderschafi*, die Ehewra kadischa, die aus brüderlichem pflichtbewußtseln den Dahingeschiedenen die letzten Dienste verrichtet. In allen Wirren jüdischer Vergangenheit, bei aller Umgestaltung des jüdischen LebenS blieb sie in schlichter Selbstverständlichkeit. Getragen von dem Vertrauen aller Glieder der Gemeinde, zusammengesetzt aus allen Schichten, aus arm und reich, aus gelehrt und ungelehrt, ln neuerer Zeit aus orthodox und liberal, bedeutet sie gegenüber der starren, düsteren Einheit, die der unerbittliche Tod unter allen Erdenwesen herstellt, eine lebenzugewandte Einheit der frommen Tat, des echten jüdischen Wirkens. Und darum ist es nur allzu natürlich, daß in vielen Gemeinden dl« Aufgaben der Ehewra kadischa sich auch auf das wahre Leben des Judentums, auf Wohltat und soziale Pflichten erstrecken. Es ist sicherlich die schlimmste Verfallserscheinung des modernen Judentums, wenn der Sinn für die Äedeutung der Ehewra kadischa gelitten hat, wenn in großen und Neinen Städten bezahlte Kräfte berufsmäßig ausüben, was freiwillig geübte sittliche Pflicht sein sollte. Eine Gemeinde ohne eine Ehewra kadifiha gleicht einem Körper ohne Seel«, und so lange wird die ofi gerühmte Renaissance des modemen Judentums nur eine Selbsttäuschung, ein auflodernbes, schnell in sich zusammensinkendes Feuer einer äußerlichen Vegsisterung sein, wie nicht gerade daS belebt wird, was persönliche Opferfreudigkeit, und uneigennützige Arbeit für den Nächsten und die Unterwerfununter die Macht des großm einigenden Gedankens der Ämderliebe als selbstverständlich ansteht." Soweit ein Artikel, den der verewigte unvergessene Leipziger Gemtlnderabbiner, Dr. Felix Soldmann, einmal vvr einigen Iahrm im Leipziger Gemeindeblatt schrieb, als Leipzig seinen neuen Friedhof eröffnet«. *■ Es ist auch in unserer Gemeinde notwmdig geworden, auf die Äedeutung der Ehewra kadischa, der Veerdtgungöbrüderschaft aufmerksam zu machen. Wir Dresdner Juden habm allen Anlaß, uns derVeerdigungsbrüderschafi und ihrer hohenAufgabea zuerinnere denn es gab eine Zeit, da existierte in Dresden nur eine Vereinigung von Iudm, und bas war die ÄeerdigungSbrüderschast. Sie war die Gemeinde und vertrat deren Stelle. Als'im Jahre 1730 den Israeliten zu Oresdm die Erlaubnis erteilt wurde einen eigenen Aegräbnisplah zu besitzen, entstand sogleich die Brüderschaft I erfüllte fle die Aufgaben, welche unseren Glaubensgenossen jener Zeit als die wichtigsten und heiligsten Pflichten erschienen. Mitglied der Brüderschaft zu werden, beeiferten sich die Edelsten und Vesten jeden Standes. j Oie Verweltlichung unseres Lebens hat uns ln den lehtm Jahrzehnten mehr und mehr von der Vetätigung weggeführt, welche die Beerdigungsbrüdrrschast sich zum Ziele seht, nämlich »hier sterbenden bzw. auf hiesigem jüdischen Friedhof zu beerdigenden Slaubensgenosien die letztens Dienste zu er- X weisen und sich mit deren Veerdigung und der Vorbereitung hierzu in herkömmlicher Weise z>> beschäftigen/ Oie Erschütterung der beiden letzten Jahre hat u is in manchem zu den Quellen unserer Kraft zurückgeführt. Sie Hot in uns viele gute Vorsätze reism lassen. Versuchen wir sie ln die Tat umzusehen, um es den Vätem gleichzutun! Es soll und darf nicht weiter geschehen, daß hier in Dresden die letzten Ehrenpflist ten an unseren Toten fast ausschließlich von bezahlten Händen erfüllt werden und daß selbst die Zahl derer, die einem Toten das letzte Ehrengeleit geben, beinahe regelmäßig bedauerlich Nein ist. Es kann und darf nicht eingewendet werden »berufliche Verhinderung, weite räumliche Entfernung der Großstadt gerade in einer Großstadt wie Dresden, in den auch ein« enssprechende Anzahl von Juden vohnt, muß'es möglich sein, daß sich stets eine würdige Anzahl von Personen einfindet. Wir müssen dabei allerdings getrieben sein von einem Gefühl, das zurückzugewinnen wir alle Kraft und Bemühung einsehen sollten: der Simchoh schel mizwoh, der Frer de an der Erfüllung eines heiligen Gebotes. Und so möchten denn diese Zellen dazu beitragen, in möglichst vielen unserer Gemeindemstgliedern den Wunsch r:ge werben zu lassen, an der Erfüllung der Aufgaben der Israel tischen Beerdigungsbrüderschast tellzunehmen und dieser uralten heiligen Gemeinschaft und Keimzelle der Dresdner Gemeinde als Mitg lieb beizutreten. Es wäre als ein großes Glück anzusehen, wenr durch die Beteiligung an den Aufgaben der Srüderschafi rech viele jüdische Menschen die innere Sefriedigung wieder zu eigen gei »innen könnten, di« aus solch heiliger Vetätigung fließt. Rur arf solche Weise können wir jenen Seelenzustand uns zurückerwerbe i, der uns befähigt, ein Leben zu führen, das weniger ruhig « nd problemlos dahinfließt, als bas in vergangenen Jahrzehnten gew »hnte. l)r. 5. Wir bitten Gemeindemitglieder, welche die Ab sicht haben, in die Beerdigungsbrüderschaft als Mitglieder einzul reten. sich bei den Vorstehern der Brüderschaft, den Herren Bankprokurist Max Estreicher, Dresden-A. 1. Waisenhaussti1.20 und Hermann Schochen. Dresden-A. 20. Paradiesstr 4. anzumelden. (Jahres- Ihre Statuten datieren aus dem Jahr 1733. Zusammen mit der beitrag RM 5. -). Ueber die Aufnahme entscheidet satzungsebenfalls 1730 ins Leben getretenen Krankenverpflegflngsgesellschafi j gemäß der Gesamtvorstand der Israel. Beerdigungsbrüderschaft.