Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 6 (15.3.1935)
- Date
- 1935-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4892693-5739429-5770124--2196-4894766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gemeill-eviatl der Lsraetttischen Religionsgemeinde Dresden Amtliches Organ des Gemeindevorstandes » Mitteilungsblatt des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes » Verantwortlich« Schriftleitung: Leo Anschel, Dresden / Verlag: Israelitische Religionsaemeinbe Dresden-A. 1, Zeughausstraße 3 / Ruf 14051 und 17887 / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Sternlicht, Dresden-A. 19, Smbel-Alle« 35 / Ruf 34185 / Alleinig« Annahmestelle Ür Inserate ebenda / Die 4mal gespaltene 48-mm-Zeile tostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhnert, Dresden-A. l, Ammonstr. 61 Xl. Iahrg. ' Dresden, den LS. März 1935 Rümmer 6 Enkel sind wir . . . . Es gehört zu den großen Erlebnissen dieser Zeit, daß wir"mitansehen dürfen, wie unter dem Eindruck umwälzenden Geschehens altgewohnte Einrichtungen einen gänzlich neuen Ginn erhalten. Ost genug geschieht das in der Form, daß nicht eigentlich eine »Erneuerung* etntrttt, sondern vielmehr eine »Erweiterung*: 'das heißt: die Gedanken, die wir bisher an eine tradionelle Einrichtung geknüpst hatten, bleiben unverändert in Gültigkeit, werben aber durch neue, erst aus dem heutigen Zeitgeschehen geborene Erkenntnisse derartig ergänzt, daß wir meinen, nun erst den vollen Zusammenhang zu begreifen. Oer jetzige Kalendermonat steht für uns Juden im Zeichen des purimfefies. Fragen wir uns, was dieses Fest uns modemen Juden bis zum Jahre 1933 bedeutet hat, so bleibt die Ausbeute wertvoll genug, und es gibt nichts, was nicht nach wie vor geeignet ist, uns mit Stolz auf unsere südische Echik und Geschichte zu erfüllen: nichts, was nicht auch heute als Mahnung und Antrieb im Herzen eines jeden von uns wirksam gemacht werden muß, gemäß dieser Ethik und Geschichte sein eigenes Leben zu gestatten» nichts, was nicht unvermindert, auS der Ertnnemng an die..Vergangenheit, auch für bte Zukunft die Hoffnung auf Gottes Hstfe in uns wachrufi. Oa ist zunächst die schlichte Erzählung des Esther-Luches. Rur Äöswilligkelt kann in chr die Gchtlbemng »schwüler HaremSszenen* entdecken r dem objektiven Leser bietet sich lediglich die Feststellung der längstbekannten und historischen Tatsache, daß die Herrscher des alten Orients Frauenhäuser gehabt haben. Oas Wenige, was hierüber - well zum äußeren Rahmen der Erzählung gehörig - im Esther-Luche erwähnt wird, ist nach Umfang und Inhalt so gering, daß an Ausmalung irgendwelcher Einzelheiten noch nicht einmal gedacht werden konnte. Und was insbesondere diejmige »Harems-Insassin* anlangt, auf die das Haupttntereffe der Erzählung sich konzentriert, Esther, so ist ihr Verhalten als Frau so keusch und zurückhaltend, chr Verhalten als Fürstin so königlich, daß es uns ebenso als Vorbild dienen darf wie ihr Verhalten als Jüdin, von dem wetterhin noch gesprochen werden soll. \ Oie hohe Ethik des Esther-Luches zeigt sich aber noch in einer anderen Hinsicht und zwar in einem Punkte, der ebmfalls von Segnem des Judentums stark verkannt wirb. Oas Luch berichtet, bi« Juden hätten in der Hauptstadt Susa S00 und im übrigen Reich« 75000 ihrer Widersacher erschlagen. Run sind diese Angaben an und für stth schon nicht glaubhaft: denn es ist, worauf neuerdings auch vubnow in seinem monumentalen Geschichtswerk wieder htngewtesen hat, von vomherein unglaubhaft, das König Terzes - um diese« handett es sich bet dem btblisihen Achaschverosch - dm Juden die Erlaubnis zur Tötung so vieler Untertanen seines elgenm Volkes gegebm haben soll. Aber immerhin könnte man auS der bloßm Tatsache, daß das Esiher-Äuch eine derartige Zahlenangabe bringt, auf Rachsucht und Grausamkeit des Verfassers und auch des Volkes schließen, das dieses Luch bei seinem Erscheinen als nationales Epos wertete und späterhin in den Kanon der heiligen Schriften aufnahm. Allen derartigen Äetrachtungen ist zunächst entgegenzuhalten, daß uns aus dem Altertum von anderen Völkern noch ganz andere, oft obendrein historisch beglaubigte Äerichte vorliegen. Es ist ferner zu erwägen, daß (nach Graetz und anderen Geschichtsforschern) das Esther-Luch während der Makkabäerkriege niedergeschrieben wurde, zu einer Zeit also, als unter den Juden durch den von den Syrem mit unerhörter Grausamkeit gegen sie geführten mehrjährigen Krieg alle Leidenschaften des Helligen Verteidigungskampfes aufgestachelt waren. Dieser Geist der Abwehr und Selbstverteidigung ist es schließlich auch, der aus dem Luche selber spricht -: nur das war der Zweck ihrer bürgerkriegähnlichm Maßnahmen, daß »an' dem Tag, an dem die Feinde der Juden gehofft, nach Willkür über sie zu schalten, es nun umgekehrt erging* und daß die Juden »Hand anlegten an Oie, so ihr Verderben gewollt*. Rur darauf ja, daß es sich um Abwehr und Rotwehr, handelte, ist die Erlaubnis des Königs zurückzufilhren: und wie sehr die Heiligkeit dieses Abwehrkampfes respetti'ert wurde, erkennt man aus der Tatsache, daß der König den Iudm ausdrücklich gestattet hatte, sich gegen alle, die sich gegen sie zusammenrottm, zur Wehr zu sehen und »ihre Güter sich anzueignen*, daß aber das Esther-Luch nicht weniger als dreimal nachdrücklich ben'chtet: »Rach Leute streckten sie ihre Hand nicht aus* (Esther Kap, 9, Vers 10, 15 und 16). Oa sind femer die edlen' Gestalten Mardochais und Esthers Mardochai, der sich vor menschlicher Macht und Würde nicht verneigen will, weil nur Gott allein solche Ehrung zukommt. Es ist charakteristisch für das Esther-Luch, daß dieser Zusammenhang nur angedeutet, aber nicht ausgesprochen wird, das ganze Luch redet von Gott, läßt ihm über lediglich im Treiben der Menschen und im Ablauf der Geschehnisse sichtbar werden, ohne das Gott selber «lngreifi oder auch nur erwähnt wird. Und eine diesseitsnahe Frömmigkeit ist es auch, die aus der von der Mardochai an Esther gerichteten Lotschast spricht: »Lllde dir nicht ein, daß du in deinem königlichen palaste allein von den Juden der Gefahr entgehen wirst* - eine Losschafi, die Man Dielen unter uns hätte zurufen mögen, die geglaubt hatten, infolge äußeren Wohlstandes die Judenfrage für sich privatim lösen zu können, und die nun erfahren mußten, waS Esther nicht zu erfahren brauchte: .»Denn wenn du dich jetzt zurückziehst, so wird den Juden von einer anderen Seite der Rettung kommen, du aber wirst mit deinem Hause zugrunde gehen. Wer weiß denn, ob es nicht um dieser schweren Zeit willen gesihehen ist, baß du zu königlicher Würde gelangtest!* Oas haben.