Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 2 (15.1.1935)
- Date
- 1935-01-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gemeilldeblall -er Israelitischen lKeligionsgemein-e Dresden > - Amtliches Organ-es Semeindevorstandes * Mitteilungsblatt des Sächsischen israelitischen Gemeindeverbandes * Verantwortliche Schriftleitung: Leo -Anschel, Dresden / Verlag: Israelitische Religionsgemeinde Vresden-A. 1, Zeughausstraße 3 / Ruf 14051 und 17887 / Verantwortlich für den Inseratenteil: Zac. Sternlicht, Oresden-A. 1», Stübel-Allee 35 / Ruf 34185 / Alleinige Annahmestell« für Inserate ebenda / Die 4mal gespaltene 4tz.mm«Zeile kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhnert. Dresden»A. 1, Ammonstr. dl Dresden, 15. Januar 1935 \ Rümmer 2 Gegenwarlsfragen der jüdischen Altersfürsorge Or. Max F. Michel, Frankfurt a. M. Das Gesicht der Wohlfahrtspflege in Deutschland und innerhalb der jüdischen Gemeinschaft hat sich seit Kriegsende mannigfach gewandelt. War es in den ersten Rachkriegsjahren zunächst die Iugend- und Gesundheitsfürsorge, die zugunsten des durch Krieg und Blockade geschwächten und unterernährten Rachwuchses einsetzte, so trat im Anschluß an die durch den Währungsverfall entstandene Rot der Kleinrentner und Invalidenrentner die Fürsorge für die .Men" in Erscheinung. Sie schließlich wurde wiederum durch die große astgemeine Rot der arbeitslos gewordenen Arbeitsfähigen abgelöst, drängt aber jetzt - nachdem die Zahlen der Volkszählung 1933 bekannt werden - insbesondere auch für den jüdischen Sektor emeut in dm Vordergrund. Zwei FeststellUngm sind es, die auf dem Gebiet der jüdischen Altersfürsorge - wie auch auf einer ganzen Reihe von Gebieten des jüdischen Gemeinschaftslebens - zu Überlegungen und Handeln nötigen: erstens die Überalterung der in Deutschland befindlichen Iudm, zweitms die Abwanderung der Jugend und der im gebärfähigen Alter Stehenden. Über die Überalterung, den Geburtenrückgang, die biologische Zukunft dtr Juden in Deutschland ist in der letzten Zeit im Anschluß an oje ersten Ergebnisse der letzten Volkszählung in einer Reihe von Aussätzen Beachtliches gesagt wordm. So ernst die Feststellungen sind, daß sich ihre Zahl in einem Oezmnium um fast 100000 oder etwa 20"/» vermindert hat, so eindrucksvoll es ist, daß ihr Anteil an der Gesamtheit seit 1871 von 1,25 % auf 0,77 °/o (1933) zurückgegangen ist, so wichstg ist es doch für die praktische Tagesarbeit, zu betonen, daß - trotz des Sterbeüberschusses - z. Ä. in Frankfurt a. M- 1933 dreimal soviel Todesfälle wie- Geburten - die Aufgaben der Alters- . fürsorge nicht absondem zugenommen haben sowohl an Zahl, als auch an Schwere der Fäste. Denn die Zahl der .ilflten" ist innerhalb der deutschm Iudenschaft weit stärker, als ihr natürlicher Anteil sein dürfte und als in der Umwelt sonst beobachtet wird, wobei die allgemein^ Zunahme der mittleren Lebenserwartung sowie die besondere Langlebigkeit der jüdischen Sevölkerung eine nicht unwesentliche Rolle spielen. (Rach Wolffs Errechnungen nimmt dle Großelternquote (ab 50. Lebensjahr) innerhalb des jüdischen ÄevökkerungstellS 27,7 X ein gegenüber 25,2 % der Gesamtbevölkerung: der Anteil der über 60jährtgen ist 14,6 X gegenüber 12,75 X. Rach Schätzungen des bekanntm Äevölkerungspolitikers Emst Kahn geht unter Äerückstchtigung der starken Fugendabwandemng 1933/34 der Sroßeltemanteil sogar auf 33,8 X, der der über 60jährigen auf 16^ % hinauf. Danach wären ein Drittel aller deutschen Juden .Großeltern", bzw. im entsprechenden Alter. Fest steht, daß innerhalb der deutschen Fudenheit die 40- bis 50jährigen und die 50- bis 60jährigen - also diejenigen Fahrgänge, die .Anwärter der Altersfürsorge" sind - die stärksten sind; nach Schätzungen Wolffs: 81500 bzw. 65500 gegenüber etwa 60000 der im Alter von 1 bis 10 Fahren stehenden.) Einzelstatisttken, insbesondere aus densschen Mittelstädten, erhärten diese Tatsachen eindrucksvoll. So ist z. 25. in Heilbronn festgestellt, daß die 56jährigen (die 70 er Fahre hatten die stärksten Geburtenzahlen!) den stärksten Fahrgang darstellen. 15 Personen über 69 Fahren sieht dort eine Geburt des letzten Fahres gegenüber. > Das bedeutet, daß die Aufgaben der Altersfürsorge.in der nächsten Zeit die allergrößte Beachtung erheischen und daß es im Gegensatz zum Regelablauf der Ding« im wesentlichen Sache dieser Generation selbst fein wird, sich zu Helsen. Fst schon allgemein durch den Krieg und seine Rachwirkungen die natürliche Folge der Fahrgänge und die Fürsorge der Füngeren für die Älteren gestört gewesen, so ist. diese durch die Entwicklung der Fahre 1933'34, wo fast ausschließlich die unter 40 Fahre altenausgewandert oder in größtem Ausmaß in der Auswondemng begriffen sind, nahezu aufgehoben. Wenn es auch in späterer Zeit noch Gründung einer neuen Existenz manchen der Füngeren möglich sein wird, den Alten durch Zuwendungen oder folgende Rachwanderung zu helfen - Vorgänge, die aus der Amerikawanderung des 19. Fahrhunderts bekannt sind -,so wird die Versorgung der Großzahl der Alten neben der -öffentlichen Wohlfahrtspflege Sache der jüdischen Gemeinden im Lande undihrer Eozialorganisationen sein. Richt selten geht durch die unvermeidbare Abwandemng der Füngeren die wirtschaftliche und häusliche Basis für den zurückbleibrnden Alten verloren, und Heimunterbringung wird notwendig. Vielerorts ist das heute unmöglich. Oft hesieht aber auch der verständliche Wunsch, die Neine Wohnung als letztes Zeugnis selbständiger bürgerlicher Existenz und Symbol besserer Zeiten zu halten. Hier muß die Wohlfahrtspflege, die offene Fürsorge, auf die auch der jüdische Hilfsbedürftige gesetzlichen Anspruch hat, die Grundlage der Hilfe bieten; sie wird sich allmählich in der überwiegenden Zahl aller Fälle als Altersfürsorge charatteristerm. Das neue^Äleinrentnerhilfsgeseh und die Möglichkeit der Beteiligung an den Erträgnissen des Winterhilfswerkes bieten eine gewisse Stütze und Ergänzung. Entscheidend aber bleibt Das nächste Gemeindeblatt erscheint am 1. Februar 1935 /