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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1934-11-01 · 11 (11.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
10 (1934)
Issue
11 (11.1934)
Date
1934-11-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden ' Amtliches Organ des Gemeindevorstandes * Mitteilungsblatt des Sächsischen israelitischen Gemeindeverbandes * Verantwortliche Gchriftleltung: Leo Anschel, Dresden / Verlag: Israelitische Religioosgemeinde Dresden-A. i, Zeughausstraße 3 / Ruf 14051 und 17887 / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Eternllcht, Dresden-A. 19, Ettibel-Allee 35 / Ruf 34185 / Alleinige Annahmestelle •flr Inserate ebenda / Die 4mal gespaltene 46-mm-Zeile kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhnert, Dresden-A. 1, Ammonstr. 61 X. Zahrg. Dresden, November 1934 Nummer 11 Jüdischer Lebensstil Don Rabbiner Or.Löwenstamm Berlin-Spandau ' * Oie herbstlichen ^Feierstunden jüdischen Glaubenslebens sind verrauscht. Oer jüdische Winteralltag steht bevor. Es ist der zweite Winter der Erniedrigung der deutschen Juden. In ihm werden die harmlosen Geselligkeiten nicht wie früher jüdische Menschen zusammenführen. Diese Geselligkeiten waren Allzuvielen das einzige, was sie mit den jüdischen Mitmenschen vereinigte. Ieht drängt die Rot einen jeden von uns zur Gemeinschafi. Oen einzelnen macht die persönliche Freude gesellig, das persönliche Leid einsam. Anders bei der Gemeinschaft. Hier wirkt der Schmerz der Gruppe verbindend, hier löst die Freude der Gruppe eine Fröhlichkeit aus, die an der Oberfläche bleibt oder nur eine rasch verfliegende Hochstimmung ist.1 Unsere Unglückssituation drängt nach Vereinigung. Aber diese will uns im Innerlichsten schwer gelingen. Oie modernen Menschen haben sich allzu lange in den Tagen des Glücks auseinander gelebt, um so schnell wieder zueinander zu finden. Uns fehlt die innere Gemeinsamkeit, die allein eine Lebensanschauung gewähren -kann. Oie Zugehörigkeit zum Iudentum ist für unsagbar viele nur eine von Ratur und Umwelt aufgezwungene Tatsache, nicht ein- Akt innerer Freiwilligkeit. Iudentum war allmählich ein inhaltleerer Begriff geworden, der keine seelische Erhebung bedingte. Selbst die großen Festtage waren für die meisten nur eine liebe Gewohnheit, keine spontan begangenen, aus dem, Bedürfnis des Geistes und des Gemütes erwachsenen Höhenmomente des Lebens. Darum waren sie erschreckend wirkungslos. Es ist eine vom Psychologen festzusiellende Erscheinung, daß dem modernen Menschen, nichts in die Tiefe geht, nicht persönliches Leib und Glück, nicht Gemeinschasts-Leid und -Glück. Er feiert oft, gleichsam um Nachhaltigkeit und Qualität eines Erlebnisses durch die Zahl und Quantität zu ersehen und äuszugleichen. Er hat ja zum Zählen und Messen, d. h. zur Quantität, ein besonderes Verhältnis gewonnen. Qualität, seelische Tiefe, Gesinnung waren in Mißkredit. Alles war von der Blässe des Verstandes angekränkelt. Es fehlte, um es mit einem Worte zu sagen, der Lebensstil. Oie tieferen Raturen suchten ihn, aber es wechselten die Lebensstile, wie die Kunstrichtungen. Auch wir deutschen Iuden haben keinen Lebensstil. Aber unser Verhängnis ist es, daß wir einen solchen nicht einmal suchten'. Und niemand braucht ihn notwendiger als eine Minorität. Eine Gruppe, die sich selbst absondert oder von der Mehrheit in eine Sonderstellung gedrängt wird, muß sich ihrer eigenartigen, menschlichen Rüance bewußt sein. Was ist Lebensstil? Wie bei einem Kunstwerk sich die grundlegende Richtung zeigt, aus der die Art des Bildens und Dichtens verständlich wird, so muß ein fundamentaler Gedanke, ein aus jeder Lebensäußerung herausstrahlender Wegweser das Einzelne und daS Ganze des Lebens begreiflich machen. Lebensstil ist zugleich eine innere Kraft, die alles bewegt, es ist die Wendung zur Einheit und Ganzheit. Eine solche Lebensanschauung, eine Grundidee alles Daseins glaub! jetzt die deutsche Umwelt gefunden, zu haben. Aus dem Glauben an Blut und Boden, aus erbbiologischem Blickpunkt wird alles Gemeinschaftsleben und alle Rationalkultur erklärt. Höheres körperliches Leben soll höhere Geistigkeit hervorbringen. Diese neue Religion bildet den Lebensstil des deutschen Volkes. Wir Iuden können aus der seelichen Grundeinsiellung, die selbst im indifferentesten Glied unserer Gemeinschafi keimhafi vorhanden ist, uns diese Lebensauffassung nicht zu eigen machen, so wahr wir uns zu dem großen Gedanken bekennen, daß der Mensch ein Ebenbild Gottes sei. Dies bedeutet, daß der Geist und die Gesinnung, die innere Qualität, die Güte und der Charakter entscheidend ist. OieS bedeutet, daß nicht die Raturgebundenheit, dfe das Blut därstellt, sondern die Selbsterziehung und die Aktivität des sittlichen Geistes das Wesen des Menschen ausmachen. Oicjs bedeutet endlich, daß es nicht entscheidend ist, woher wir komme^, sondern wohin wir gehen und was wir aus uns gemacht haben. Aber das freilich ist sicher, daß auch wir einen Lebensstil schaffen müssen, um gleichberechtigt neben und mit der Umwelt verkehret zu können. Dabei ist es eine Selbstverständlichkeit, daß der leitende Lebensgedanke nur die jüdische Weltanschauung sein kann. Es bleil t nichts anderes. Wir müssen endlich das Große und daß Klein, , das persönliche Leben und die Gemeinschaft, Ration und Mensä - heit unter jüdischem Gesichtswinkel betrachten. Das ist nicht etw i die bisher selbst vom indifferenten Iuden beobachtete Empfindlickkeit, auf jede unangenehme Berührung des Iudentums durch Anden - gläubige mit Resvosität zu reagieren. So sieht negatives Iudentur, aus. Hier zeigt^sich dje innere Labilität, das Schwanken, das der Mangel an seelischem Holt und seelischer Sicherheit'dem Außer - stehenden sichtbar macht. An diesem Punkte ist der Mangel an Lebensst l am greifbarsten. Richts von Stolz auf die eigene Betrachtungsalt des Lebens ist da vorhanden, vielmehr sieht jeder, haß man etwas verheimlichen und verdrängen will. Man will sich unsichtbar mache» und wird dem anderen erst recht sichtbar in der äusgehöhlten Tiefe seines Gemütes. Man zeigt damit seine Unausgeglichenheit un> Uneinheitlichkeit. Auf solchem Boden ruht nicht ein starker Leben« - bau, sondern ein Kartenhaus, das dem schwachen Winde erlieg. So haben wir gelebt. So dürfen wir nicht weiter leben, wen» wir eine neue Achtung gewinnen wollend Iüdischer, Lebensstil bedingt nicht die Geringschätzung auße, - jüdischer Werte. Unsere Ahnen im mittelalterlichen Ghetto ver mochten ohne tiefere Berücksichtigung der Umwelt zu leben. Wir können es nicht mehr, und wollen es nicht mehr. Ghettozustan > ist anormales Kulturleben» er schafft Einheitlichkeit ohne Allseitigkeit. Wir können die ISO Fahre unserer Eingliederung in. die

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