Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 10a (Mitte Oktober 1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungsblatt des Sachs. Israelitischen Gemeindeverbandes Verantwortliche Gchriftleltung: Leo Anschel, Dresden » Verlag: Israelitische Neligionsgemeinbe, Oreoben » Druck: A. Gruhnert, Dresden-A. Oktober 1934 <' ' ör. Felix Goldmann zum Gedenken Rabbiner Or. Felix Goldmann s. A. hat vom Beginn seiner Leipziger Amtstätigkeit an im Sächsischen israelitischen Gemeindeverband mitgearbeitet und, wie er jede jüdische Tätigkeit wichtig nahm, auch uns mit ganzer Kraft gedient, Er vertrat die Sächsische Nabbincrvereinigung im Ausschuß und wirkte zunächft darauf hin, daß der Verband eine Organisationsform erhielt, in der die religiösen und schulischen Belange der sächsischen Iudenheit lebensvoll zur Geltung kamen. Dringt von der Tätigkeit des Verbandes an sich schon wenig in die Öffentlichkeit, so erfuhr diese am wenigstens von der Fülle der Arbeit, die Felix Goldmann im Verband geleistet hat, und die doch so reichen Segen brachte. Sein Verdienst war es, daß vor Fahren die Verordnungen über den Schulbesuch an Sabbathen und Feiertagen geändert wurden und dadurch den Kindern die Heilighaltung von Sabbathen und Festtagen wieder ermöglicht wurde. Auch erwirkte er die Anerkennung der Bedeutung des jüdischen Religionsunterrichtes durch den Staat. Mit größtem XSifer half er bei der Abfassung der sorgfältig ausgearbeiteten, umfangreichen Denkschrift, Mit der unsere - leider noch unerfüllte - Forderung nach Gtaatszuschüffen entsprechend denen, die die christlichen Neligionsgesellschasten erhalten, begründet wurde. Aber auch bei den allgemeinen Arbeiten Und Beratungen des Verbandes beteiligte sich Goldmann'mit der Regsamkeit und dem Sinn für das praktische, die alle an ihm kannten. Dabei zeigte sich so recht seine vielseitige Begabung, die über seinen eigentlichen Beruf hinaus sich auch auf Verwaltung und.Nechtskenntnis erstreckte. Besonders warm setzte er sich für die Versorgung der infolge ihres Alters dienstunfähig gewordenen Beamten der sächsischen Kleingemeinden ein? sie schulden ihm auf immer Dank. Wir werden künftig in unseren Körperschaften den Bat und die unermüdliche Arbeitskraft des Entschlafenen schmerzlich vermissen. Aber ganz besonders nahe geht es uns, daß wir diesen herrliö^n Menschen verloren haben, den wir alle liebten. Er vereinte in >,ch ' Klugheit, Weisheit und Grundgüte des Herzens. Dazu war sein ganzes Wesen durchtränkt von einem sonnigen Humor, der nicht zum wenigsten dazu beitrug, daß alle unsere Beratungen im Geiste der Versöhnung und deS Friedens ausklangen. Sächsischer Israelitischer Gemeindeverband Earl Goldschmidt Lehrerschulungskurfus für Mitteldeutschland in Leipzig Vom 7. -11. Oktober 1934 fand in Leipzig ein Fortbildungskursus der Lehrer Mitteldeutschlands statt, der gemeinsam von der Neichsvertretung, der Mittelstelle für Erwachsenenbildung und der israelitischen Neligionsgemeinbe Leipzig veranstaltet wurde. Oer Fortbildungskursus war überaus gut besucht; es nahmen 74 Damen und Herren daran teil. Besonders erfreulich war der zahlreiche Besuch der Lehrer aus den jüdischen Gemeinden Mitteldeutschlands. Außer den Lehrern waren als Hörer viele Führer der jüdischen Fugendbünde zugelaffen. Vorträge wechselten ab mit Arbeitsgemeinschaften und Lehkproben. Professor Or. Buber behandelte in den Arbeitsgemeinschaften Genesis Kap. 15 und 22. Bubers ÜbersetzungS- und Interpretierungskunsi kann nur der ganz würdigen, der mit dem hebräischen Text vertraut ist. Oie Art aber, wie Buber zur Teilnahme anregt, ist einzigartig. Iedem Wort aus dem Hörerkreise geht er nach, ohne je die straffe Führung vermissen zu lassen. Auf seine Weise weckt er von neuem die Liebe zur Bibel und läßt den Wunsch rege werden, sich immer mehr in ihre» schlichte, aber nicht leicht zu enträtselnde Sprache zu vertiefen. In der Lehrprobe brachte er die Klasse zum Verständnis des. Fragenkomplex Iakob-Esau, auch hier auf den Wortsinn der Bibel fußend. Neben ihm zeigte Or. Ernst Simon in Lehrproben „Zeit der Sachscnkaiser", „Das jüdische Prag" und „Samuel II Kap. 12“ mit seiner pädagogischen Begabung, jpi'e man vieler Schwierigkeiten Herr wird. In der Arbeitsgemeinschaft wurden folgende Fragen erörtert. ,1. Objektivität des geschichtlichen Urteils; 2. Quellen; 3. Arbeitsunterricht und 4. Hilfsmittel. Iüdische Geschichtswerke wie Graetz, Oubnow, Kastein und Prinz wurden charakterisiert. Oie Teilnehmer hätten noch mehr Vorteil aus dieser Arbeitsgemeinschaft gezogen, wenn sie die Simonsche Schrift „Vom Werturteil in der Geschichte" gekannt hätten, Grund genug, das Versäumte nachzuholcn. Mitten hinein in brennende pädagogische Fragen führte das Kolleg über „Fragen der Iugendpznchologie, insbesonders der Neifezcit" von Professor Or. Blumenfeld-Dresden, ein Gebiet, das der Vortragende in gedrängter Kürze ausgezeichnet behaüdeltt. Oie Ausführungen boten jedem Anlaß zum Nachdenken und Verstehen. Aus praktische Erziehungsfragen ging Professor Or. BlumeNseld liebenswürdig ein. 1 . Nabbiner Or. Altmann-Äerlin referierte über „Grundgestalt, und Typen der Autorität im Iudcntum". Eine Ncihe scharf formulierter Thesen wie Personen-Autorität; Bild-Autorität; Meister - Iünger; Lehrer-»Schüler legte den Unterschied zwischen nichtjüdb schem und jüdischem Denken dar. Da die Ideengängc für d-n Uneingeweihten nicht immer leicht zu begreifen waren, war es um-' so bedauerlicher, daß Or. Altmann wegen Zeitmangels sein Gedankcnspstem nicht ausführlicher behandeln konnte. Auch bei diesem Neferat hätte die Kenntnis des Bubcrschen Buches „Königtum Gottes" das Verständnis erleichtern können. Ein Meister der hebräischen Sprachwissenschaft trat uns in der Person Or. Woskins gegenüber. Von der Geschichte der hebräischen Sprache bis zur praktischen Behandlung des Schwa, des Oagesch, des Kamez katan, der Aussprache der hebräischen Konsonanten und Vokale fesselte er durch Lebendigkeit und Wissen. Leider lastete auf der Tagung die Trauer um den Leipziger Nabbiner Or. Goldmann, den das Geschick mitten aus seiner Arbeit allzu früh abberufen hat. So mußte das für chn vorgesehene Thema „'Apologetik im jüdischen Neligionsunterricht" ausfallcn. Von der Neichsvertretung nahm Herr Stüdienrat Or. L cschnitzer an der Tagung teil und wußte aus seiner reichen pädagogischen Erfahrung sehr viel zur Verlebendigung des Gebotenen beizutragen. Mit einem Nachruf auf Or. Gold mann s. A. wurde die Tagung durch den Vertreter der Israelitischen Neligionsgemeinbe zu -Leipzig - Or. Loebcnstein - eröffnet, der dann auch die Veranstaltung schloß und mit Necht die Forderung daran knüpfen konnte, daß jeder Teilnehmer die empfangenen Anregungen verarbeiten und für die praktische Schularbeit ausmünzen sollte. Nabbiner Or. Wolf-Dresden sprach im Namen der Hörer allen beteiligten Stellen, besonders den Oozcnten, nlchi zuletzt der Neligionsgemcinde Leipzig, die diese Tagung mustergültig organisierte und den auswärtigen Teilnehmern Gastfreundschaft gewährte, den herzlichstenOankaus. Or. E. Grünewald-Leipzig. Sabbat und Schule Daß der Sabbat von der überwiegenden Mehrzahl der deutschen Iuden nicht in der Weise begangen wirb,' wie biblisches Gebot und uralte Überlieferungen es verlangen, ist eine Tatsache, die immer wieder zu Versuchen einer Abhilfe geführt hat. Es mag so gelungen sein, der häuslichen Feier des Freitagabends wieder Eingang in jüdische Familien zu verschaffen, deren Lebenshaltung jede Erinnerung an jüdische Form verloren hatte. Viel mehr wird nicht erreicht worden, auch nicht zu erreichen gewesen sein. Es ist auch leider kaum zu erwarten, daß die Frage der Sabbatheiligung von der Mehrheit der deutschen Iuden in absehbarer Zeit lediglich unter religiösen Gesichtspunkten behandelt werden könnte, also unter Ausschaltung der zwingenden wirtschaftlichen Erwägungen, die die Entwicklung bisher ensscheidend beeinstußt haben. Oer Ausweg der Verlegung des religiös gebotenen Nuhetages auf den Sonntag hat nur wenige befriedigt. Auch das jüdische Schplkind, von dem wir hier sprechen wollen, hat im Zuge der Entwicklung den Sabbat verlieren müssen; es