Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 7a (Mitte Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gemeindeblan -er Israelitischen J^eligionsgemeinde Dresden Amtliches Organ -es Gemeindevorstandes * Mitteilungsblatt des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes * Verantwortliche Schriftleltung: Leo Anschel, Dresden / Verlag: Israelitische Sleligionsgemeinde Dresden / Druck: A. Gruhnert, Oresben-A. l Alleinige Annahmestelle für Inserate: Iac. Sternllcht,Etübel«Allee 35 / Ruf 34185 / DI« 4mal gespaltene 46-mm.Zelle kostet 22 pfg., laufend Rabatt X. Zahrg. Dresden, Mitte Juli -1934 Nummer 7° Tischo B’Av ^Eine Betrachtung von Hermann Schocken - Dresden. Tischo B'Av ist der Trauertag des jüdischen Volkes. Es ist der Jahrestag der Zerstörung des ersten Tempels und der Stadt Jerusalem im Zähre 586 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung durch Rebukadnezar und der Zerstörung des zweiten Tempels über 650 Zähre später im Zahre 70 n. d. g. Z. durch Titus und seine römischen Legionen. Auch ist es der Zahrestag der Schlacht von Bethar im Zahre 135 nach d. g. Z., in der Bar Kochba nach heldenhaftem dreijährigem Kampf der ungeheueren Übermacht Roms unterlag. Damit wurde das Schicksal des jüdischen Volkes für Zahrtausende besiegelt - das Ende des jüdischen Volkes auf Heimatboden. - - Als nach tausendjähn'gem Leben und Schicksalsschlägen aller Art in vielen Ländern wieder ein großer Teil des jüdischen Volkes zu hoher Kultur und zum Wohlstand in. Spanien gekommen war, traf die traurige Entscheidung sie wieder an diesem Schicksalstage, und alle, die ihrer Religion und ihrem Volte die Treue bewahren wollten, waren gezwungen, den Wanderstab, zu ergreifen und sich eine neue Heimat aufzubauen in fremden Ländern. Treu zu ihrer jüdischen Gemeinschaft hat die überwiegende Mehrzahl Haus und Heim und Grabstätte ihrer Lieben verlassen, um in die weite, unbekannte Welt zu gehen. Viele sind unterwegs umgekommen, aber die meisten haben sich, vertrauend auf Gott, an den Küsten fremder Landstriche neue Heime aufgebaut. Mit welcher Mühe und Rot, mit welchen Entbehrungen und unter welchen Gefahren, das liest 'man aus den Andeutungen und zwischen den Zeilen der Annalen vieler Völker und aus der Überlieferung unserer Vorväter. Es war das Ende des jüdischen Volkskörpers auf der iberischen Halbinsel. Tischo B'Av ist der Znnbegriff aller Gchicksalsschläge, die unser Volk seit über 2000 Zähren getroffen haben und die uns immer und immer wieder dazu, gezwungen haben, Hans und Heimat zu verlassen. Überall und zu jeder Zeit, wo und wann der Zude fest und stark in seiner Gemeinschaft wurzelt, ist Tischo B'Av der Tag allgemeiner Trauererinnerung. Oer Tag, an dem von Sonnenuntergang bis zu Sonnenuntergang gefastet und gebetet wird. Zn düf^r gehaltenen Synagogen und Betstuben sitzen die Beter auf dem Boden oder auf niedrigen Bänken und tragen in herzzerreißenden Tönen die alten Klagelieder vor, die >aus der tiefsten Seele unseres Volkes gekommen sind. Man hält aste Gebräuche, hie man im Todesfälle seiner allernächsten Familenmitglieder beobachtet. Erst, als das Zusammengehörigkeitsgefühl unter uns schwächer wurde, wie besonders in den letzten zwei bis drei Generationen bei den in westlichen Ländern wohnenden Zuden, verschwand allmählich diese tiefe Trauerfeier und Tisch B'Av wurde ein immer weniger bedeutender Tag im jüdischen Kalender. Fast könnte man die ganze. Zntensität Unseres Zudeseins am Maßstabe des Fesihaltens dieses Trauertages messen. Zn Zeiten jeder neuen Rot, die über uns hereinbricht, kann man den ganzen Sinn dieses Tages neu begreifen und man weiß, daß es nicht nur ein Tag der Volkstrauer um verlorenen Glanz und um verlorene Macht im Heimatlande ist, sondern daß er uns sagt, daß wir uns trotz schwerster Schicksalsschläge Zahrtausende hindurch erhalten haben. So lange wir Feste, Feiern und Gedenktage halten, werden wir leben. Wir werden am Tischo B'Av begreifen, daß das Schicksal unserer Volksgemeinschaft unser eigenes Schicksal ist, und wenn am darauffolgenden Sabbattage die Worte unseres großen Propheten Zesaja im Gottesdienst vorgetragen werden, „Nachamu, Nachamu Ami“, .tröste, tröste mein Volk", dann erhebt sich die jüdische Seele in vollem Vertrauen auf die Ällgüte unseres Gottes, und dann ist sie bereit, stolz und freudig jedes Schicksal ihres Volkes zu ertragen. Heute ist es viel leichter, dieses Gefühl der Zuversicht und des Vertrauens zu haben, als früher in den Rotzeiten unserer Vowäter. Damals waren Glaubensbrüder, in verschiedenen Weltteilen lebend, weit fort und schwer erreichbar für RaHricht und Hilfeleistung. Heute ist die Welt in dieser Hinsicht viel kleiner geworden. -1 Oamals war die Hoffnung auf einen Wiederaufbau eines jüdischen Volkslebens kaum mehr als ein frommer Traum, der sich in den täglichen Gebeten Ausdruck verschaffte. Heute stehen wir mitten im Aufbau eines Volkslebens im Lande unserer Väter. Zu Zehntausenden strömen die jungen ledendigen Elemente hinein in' das Land, das vom Völkerbund als jüdische Heimstätte anerkannt wurde. Erweckt ist wieder die alte hebräische Sprache, in der unsere Vowäter Grundlagen für Weltreligionen geschaffen haben. Aus den Hügeln und in den Tälern Zions blüht und wächst neues Leben. Heute lösen die Worte des alten Propheten, Nachamu, Nachamu Ami, ein Gefühl des heißen Dankes in uns aus und unsere Blicke sind zuversichtlich auf Zion und aus unseren Gott gerichtet, der uns durch tausend Röte bis hierher geleitet hat. O Das nächste Gemeindeblatt erscheint am 1. August 1934 O