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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1934-05-01 · 5a (Mitte Mai 1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
10 (1934)
Issue
5a (Mitte Mai 1934)
Date
1934-05-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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t der^jIfraelitischen >^eligionsgemeind< Dresden Amtliches Organ des Gemeindevorstandes * Mitteilungsblatt des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes * Verantwortliche Schriftleitung: Leo Anschel, Dresden / Verlag: Israelitische Religionsgemeinde Dresden / Druck: A. Gruhnert, Dresden»A. 1 - Alleinige Annahmestelle für Inserate:Iac.Gternlicht,Stübel'Allee 35 / Ruf 34185 / Die 4 mal gespaltene 4S-mm»Helle kostet 22 pfg., laufend Rabatt X. Iahrg. Dresden, Mitte Mai -1934 Nummer 5a Was wir sind, was wir Haben Betrachtungen zum Schowuaus-Feste von Rabbiner l)r. Smil Bernhard Eohn, Berlin' Ein Gesetz der Ratur lehrt uns, daß jeder organische Körper seine stärksten Kräfte dort entfaltet, wo er angegriffen ist. Rach diesem Gesetz müßte daS deutsche Judentum heutzutage eine große religiöse und moralische Erneuerung erleben, denn es unterliegt keinem Zweifel, daß das gewalttge Geschehen unserer Tage nicht nur unsere äußere Existenz bedroht, sondem auch an den innersten Lebensnerv unseres Judentums rührt. Und doch ist es anders. Während die Kirche eine gewaltig religiöse Erschütterung durchmacht, reagiert das deutsche Judentum auf das Geschehen dieser Tage nicht religiös, sondem auf eine andere Weise. Es ist zwar ausgewacht, zwar jüdischer geworden, ja selbst die Synagogen zeigen sich heute voller als je. Und doch geht alles mehr auf ein vages Gefühl des wlebererweckten Gelbsibewußtseins als auf einen religiösen Wandel der Gesinnung. Man wird mir einwenden, daß dem deutschen Judentum ja bisher nichts widerfahren sei, daß wir in unseran religiösen Belangen, in Gottesdienst und Unterweisüng unangefochten geblieben sind. Wir seien eben nur rassisch angegriffen und reagieren daher, genau nach jenem oben genannten Gesetz, mit rassischem oder sagen wir einfach, jüdischem Eelvpbewußtsrin. Dieser Einwanb scheint schlagend, ist es aber nicht. In Wirklichkeit gilt der Kampf gegen den jüdischen Einfluß nicht nur unserer Stammesgemeinschaft, sondem offen ausgesprochen, auch dem jüdischen Geist. Vor allem aber find dieses Volk und dieser Geist seit Jahrtausenden eine so unttennbare Einheit, daß man schlechterdings die Juden als Gemeinschaft, sei es wirtschaftlich oder kulturell, nicht angreifen kann, ohne auch das Judentum als Judentum, d. h. in seinen religiösen Belangen, zu berührm. Da kommt denn bas Fest des Sinai zur rechtm Zeit und en'nnert uns, daß wir Juden nicht nur etwas sind, sondern auch etwas habm! Ja, ln der Tat, hier liegt der springmde Hunkt: Auf die Schicksalsftage der Zeit, die nicht nur ein« Frage an di« Juden, sondem auch an bas Iudmtum ist, haben wir in dem ganzen Jahr, das htntek uns liegt, mit dem geantwortet, waS wir sind. Man denke an alle Gespräche, Erörternngm und Diskussionen in jüdischen Kreism, ln der Familie wie in der Freundschaft, und man wird erkennen, baß hier die Wahrheit liegt. Ununterbrochen scheinen wir uns grgenseittg, zuzumfen: »Brüder, vergeht nicht, wer ihr seid! Laßt euch nicht unterkriegen! Seid stolz, seid stolz und vergeht nicht, baß ihr Juden seid!* Und dieser Ruf, von den Kanzeln verkündet und in den Leitartikeln veröffentlicht, wird mehr gehört als alles andere. Wo so gepredigt wird, da Men sich die Synagogen, wo so geschriebm .wird, da steigt die Auflage der jüdischen Blätter. Und doch könnte / man sich noch eine andere predigt, noch einen anderen Leitartikel denken, der recht .prophetisch und etwa folgendermaßen lauten würde: »Hört zu, ihr Juden! Was euch geschah, daS kam von Gott. Er sandte es euch als eine Prüfung, darum, nehmt es hin und denkt dabei an alles, was ihr verschuldet habt. Ihr mögt vor den Menschen noch so gerecht sein und eure Leiden mögen euch von Tag zu Tag immer gerechter machen. Bor Gott seid ihr es nicht! Ihr habt seine' Wege verlassen, seine Gebote mißachtet, so nehmt alles hin als eine Fügung und kehret um! Bor allem glaubt nicht, daß man diese Zeit überwindet, indem man sich als Juden bekennt. Ss ist zwar für einen Menschen, der sein Judentum lange verborgen hielt, ein tüchtiges Stück Weges, wenn er endlich so weit ist zu sagen, wer er ist, aber jeder soll es angesichts des Sinaifestes fühlen, daß man nicht auf halbem Wege stehen bleiben darf. Dieses Fest ist unter allen Festen des Jahres so einzigartig, weil es alzi einziges uns lehrt, daß wir nicht nur etwas sind, sondem auch etwas haben: das Gottesgesetz vom Sinai.* In diesem Haben liegt, glaube ich, das ullersiärkste Sein, denn hier liegt die Berantwortung und hier die Derpflichtung der Juden: Gedenke, daß du ein Erbe bist, und daß du dieses Erbe, nach des Dichters Wort, erst erwerben mußt, um es zu besitzen. Oie Lehre Moses, deren Größe und Bedeutung kürzlich ein Kirchenfürst der ganzen Welt emeut klarmachte, ist das einzige Bollwerk, das imstande ist,- uns im Sturm der Zeit zu schützen und zu schirmen. Man schlage die tränenschweren Blätter der jüdischen Geschichte eines nach dem anderen um und prüfe die alten Bücher und Zeugnisse und den Geist, der durch piut und Gelicha weht, and man wird immer und immer wieder erkennen, daß solche Zeiten nur religiös erlebt werden dürfen, wenn sie überwunden werden wollm. Alles schön und gut: Schön die Heimkehr zur Synagoge, schön die wiedererweckte Ehre und ganz gewiß schön das erhobene Haupt unserer in ihrem Stolz sich selbst besinnenden Jugend. Aber all' dieser Stolz, all' die wiedergewonnene Würde erhalten ihren Sinn nur dann, wenn auch Demut und Gehorsam wieder gewonnen werden. So mögen alle unsere Brüder in Stadt und Land, an die diese Blätter jetzt hinausgehen zum Fest der Offenbamng am Sinai, diese Erkenntnis und dieses echte Erwachen au sich erfahren: ohne Demut vor dem Gotte unserer Bäter, ohne Heimkehr zu den wundemollen Tradittonen unseres Glaubens gibt es keinen wahren jüdischen Stolz. Ist aber hie Demut vorhanden, mit der Demut der ernste Wille einer echten Umkehr und Erneuerung des alten jüdischen Wesens, dann wird alles uns in einem anderen und reineren Lichte erscheinen, dann wird unsere Arbeit am Bestände unseres» deutschen Judentums, die Erziehung unserer Kinder und die Sorge für unsere Men, t

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