Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 4 (4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Genleilldebialt -er Israelitischen J^eligionsgemeinde Dresden Amtliches Organ -es Gemeindevorstandes * Mitteilungsblatt des Sächsischen Israelinschen Gemeindeverbandes * Verantwortliche Hchriftleitung: Leo Anschel, Dresden / Verlag: Israelitische Religionsgemeinde Dresden / Druck: A. Gruhnert, Dresden»A. l Alleinige Annahmestelle für Inserate: Zac. Eternl!cht,Gtriesener Platz 14 / Ruf 18631 / Die 4 mal gespaltene 46»mm«Zeile kostet 22 pfg., laufend Rabatt X. Iahrg. 1 | Dresden, April 1934 ..| Rümmer 4 Entsagung, von Or. Martha Wertheimer, Frankfurt a. M. .Daß dieser Augenblick ln unserem Leben Gpoche mache, können wir nicht verhindern; aber daß fle unser wert sei, hängt pon uns ad." Aus: .Die Wahlverwandtschaften" Unter den Briefen derer, die erschüttert und schwankend heute fem von Deutschland sich Neue Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen suchen, bewahre ich im besonderen einen, den ein junger Jude in einer Stunde tiefsten Heimwehs schrieb. Mitten im neu begonnen naturwissenschaftlichen Studium fand er 'sich eines Tages und dann viele Tagf lang über dem „Wilhelm Meister", fand sich da im dunNen und liefen Sinn des Selbst-Erkennens und begegnete dem Wort, das seiner frühen Zugend noch nicht ansiehen mochte: „Oie Entsagung." Da fühlte er,' lange vor der benkerischen Einordnung, daß er sein! Leben in solche Richtung lenken müsse, um wieder recht zu seih, recht zu wirken und recht zu urteilen. Denn es ist Entsagung, was von uns Juden auf deutschem Boden gefordert wird; inmitfen einer für uns lebensnotwendigen Symbiose des Denkens und der kulturellen Eigenbedlngungen steht unserer Enfaltung jetzt die strenge Grenze entgegen. Sich nur leidend zu verhalten, ist weder menschlich würdig noch dem jüdischen Geist und seiner geschichtlichen Haltung entsprechend. Darum bedarf es unseres Entschlusses, auS aufgezwungener Beweinung die höhere, die positiv wertende Entsagung zu gestalten. Entsagung ist nicht Leiden, ist nicht asketisches Rein, ist auch nicht Unterwerfung unter einen Zwang, sondern sie ist Tat: sie verwandelt ein „Du mußt" ln das „Du sollst!" sittlicher Geltung. Entsagung ist Form. Gewiß steht am Anfang solcher Haltung die Stufe des „Was euch nicht angehört, müsset ihr meiden!". Gewiß neigt ein jeder dazu, den neues Wachstum ergn'ff, das Eigene nun allein und ohne fremde Störung gedeihen zu lassen.. Das ist heute die Haltung vieler wertvoller jüdischer Menschen. Aber das Lied der jüngeren Engel, die zu Fausts Erlösung kommen, setzen die reiferen in der Fordeirung fort: „Wendet zur Klarheit euch!" Klarheit verlangt Ordnung. Klarheit verlangt die Formung des Gegebenen. Und geschaffen wird sie durch die Zucht des Herzens, die uns dem eigenen Lebensgesetz getreu macht. Auch wir Juden in Deutschland haben diese Zucht des Herzens zu beweisen. Es geht nicht mehr an, daß wir das Leben im Gleichnis der hängenden Hand führen sich erinnere an. die Stelle in Thomas Manns „Tod in Venedig")/ wir müssen das Leben der Spannung, der Strenge wählen und es so wählen, daß wirkein feiges zurück in bequeme Behaglichkeit wünschen, sondern daß diese Wahl im Tiefsten uns, unser Judentum, unsere Haltung in und zu Deutschland bestimmt. Entsagung . i.. Was an äußeren verlangt wjirde, ist ost bis an die letzte Gretize gegeben worden. Irische Studenten haben das Studium, den geistigen Beruf trotz stärkster Begabung dafür aufgegeben. Jüdische Ärzte, Juristen, Lehrer sind vom geliebten Arbeitsfeld gegangen. Bindungen an geliebte Freunde wurden zerrissen; unheilbare Wunden schnitt solcher Verlust im Menschlichen. Oie Wirkung aus Eigenstem in Weitestes, ins Größ-Menfchliche ist zu Ende - für unsere Augen zu mindest ist es zu Ende. — Wenn wir nicht die Auswertung finden. Oie aber liegt darin, daß wir unser'Gesetz erkennen, nach dem wir angetreten; daß wir,-bas lebendig Jüdische, das kostbare Gut des Geistes und der sittlichen Haltung wieder wirken lassen, wie es'lange nicht in vielen von uns, auf viele von uns zur Wirkung kam. Das Wissen um ein. paar Jahrtausende Leid und Überwindung ist in unserem Blut und mit ihm die Kraft, auch das Rein der Umwelt in das positive umzukehren, es als Lebensantrieb für-jüdische Dauer durch die Zeiten auszuwerten. Dabei kommt es daraus an, daß aus dem stumpfen „Es ist mir widerfahren" das formende „Ich will, was ich soll - " einen neuen seelischen Aufbruchs werde. Zu lange schon fragt der Iude den Iuden im deutschen Schicksal „Welche Richtung-?" und meint eine Enge. Richtung aber ist die Wendung auf das Ziel zu. Iüdisches Ziel heißt seit der Verkündung des Gesetzes vom Sinai: „Einswerdung!" Werde diese Richtung uns Rot-Wende, werde Entsagung die strenge Bildnerin unseres jüdischen Lebens in Deutschland. Schafft Arbeit und Brot! Am 21. März begann unter der Führung des Reichskanzlers der Kampf um die Gewinnung von Arbeitsplätzen mit dem weitgesteckten Ziel, so vielen Menschen wie möglich in Oeusschland Arbeit und Brot, zu schaffen. Die Reichsregierung in diesem Kampfe zu unterstützen, ist die Pflicht eines Jeden. Me Energien müssen gesteigert werden, um Jedem, der heute noch ohne Arbeit ist, schon ln der nächstm Zukunst produktive Tätt'gkeit zu sichern. Oie Arbeitslosigkeit, eine Erscheinung der Rachkriegszeit, darf nicht als eine vom Schicksal auferlegte Fügung hingenommen werden. Menschliche Einsicht muß nach Mitteln suchen, die Arbeit wieder zum segenspendenden Faktor zu gestalten. j Wenn in diesem Augenblicke, in deck der Frühling seinen Einzug hält, unter der Führung der Reichsregi'erung alle Kräfte mobil gemacht werden, Arbeit und Brot zu schaffen, dürfen auch wir