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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1934-03-01 · 3 (3.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
10 (1934)
Issue
3 (3.1934)
Date
1934-03-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gemeindeblall der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Amtliches Organ des Gemeindevorstandes * Mitteilungsblatt des Sächsischen Waelitischen Gemeindeverbandes * Verantwortliche Hchriftleitung: Lev Anschel, Dresden / Verlag:/ Israelitische Religionsgemeinde Dresden / Druck: A. Gruhnert, Dresben-A. 1 Alleinige Annahmestelle für Inserate; Zac. Sternlicht, Striesener Platz 14 / Auf 18»Z1 / Dir 4 mal gespaltene 46-mm.Zeile tostet 32 pfg„ laufend Rabatt X. Zahrg. Dresden, März 1SL4 Nummer 3 Zurückhaltung Von Leo Baeck. Wenn den Menschen ein Schicksal tn'fft, so bleibt ihm eines, wodurch er dem Schicksal begegnen kanndie Haltung. Me Haltung kommt aus einem Seelischen hewor, und nichts bat daher weniger mit ihr gemein als das, was bisweilen sich ihren Namen beilegt, jenes Äußerliche, Künstliche, das durch eine hergesiellte Gemessenheit doch nur eine innere Schwäche zu verbergen sucht. Wahre Haltung ist immer Offenbarung eines seelischen Besitzes, sie ist der Ausdruck der inneren Festigkeit und Würde. Kaum etwas widersprach ihr darum mehr als ^enes, einst so häufige, sogenannte gesellschaftliche Streben, das den Platz im Kreise der Menschen und oft auch die Meinung und die Richtung immer nur von anderen empfing. Seiner selbst durch ein Sittliches gewiß sein, sich selbst eine Antwort geben können, die Antwort der Seele, das allein führt zur Haltung. Der Anfang aller Haltung ist darum die Zurückhaltung, diese Fähigkeit, bei sich und in sich zu bleiben, sich zu hören und sich zu sehen. Oer haltungslose Mensch ist der, dem es ein Wert seines Lebens ist, von anderen gesehen und gehört zu werden, dem das Geltungsbedürfnis die seelischen Bedürfnisse und schließlich die seelischen Kräfte verdrängt hat. Von dem englischen König Eduard VII. wird erzählt, daß er den Begriff des Gentleman -^und der Gentleman ist der Mensch von Haltung - dahin bestimmt habe, dieser sei der Mensch, der von einem Ende 'her Stadt bis zum anderen gehen könne, ohne bemerkt zu werden. Und was vom Gentleman gesagt ist, gilt ebenso und vielleicht noch mehr von der Lady. Nicht bemerkt werden, das bedeutet nicht, sich verstecken, sondern: die gebotene Zurückhaltung, diese wahre Schlichtheit und Echtheit, bewahren. Wenn, um ein Beispiel anzuführen, jüdische Männer und Frauen meinen, ihre Stunden der Ausspannung und Erholung so haben zu sollen, daß sie auffallend müssen, oder dort, wo sie dann still oder laut hinausgewiesen werden, dann haben sie damit dargetan, daß sie.jedenfalls zü -denen nicht gehören, die der englische König als Gentlemen, als Ladies bezeichnete. Vielleicht kann heute durch die Zurückhaltung noch ein Besonderes gegeben werden. Vielleicht entdecken, wenn sie gestbt wird, so manche noch ihr Heim, entdecken Mann und Frau einander und ihre Kinder und einen Kreis von'i Freunden und entdecken, daß sie, die so lange Menschen der ^Msinung und- Mode waren, Menschen von Haltung zu sein imstande sind. Auf den Dorttag. den Herr Rabb. Dr. Säeck amia.März in der Synagoge hält, wird auch an dieser Stelle aufmerksam gemacht (vergl. <?.5). Oer älteren jüdischen Zugend . f r Wir entnehmen! dem ..Khemnitzer Gemeinbeblatt" nachstebenbe Ausführungen>on^«rrn'Rabbiner Dr. Fuchs, welche uns auch in , Dresden^beherzigenswert,erscheinen. Ein großer Teil unserer fügend, besonders die jüngere, ist organisiert, teils zionistisch, teils »deutsch-jüdisch". Einerlei, wie man darüber denkt,-es ist! Zu dieser Zugend spreche ich nicht. Sie'will lemenund^ sich 'aktivieren, sie tut beides, und sie wird es, wenn nicht alles trügt, dauernd weiter tun. Selbst wer anschauungsgemäß auf anderem Standpunkt steht, darf ihr nicht in den Arm fallen und sagen: tu's nicht! denn das würde ausgelegt: Tu nichts! Lind nichts tun -7 das ist die Kardinalsünde! Zst eS immer gewesen und rbird es immer bleiben, und ist.es mehr als je in unseren Tagen! Das aber ist gleichzeitig der Grund, warum ich mich an die wende, die wirklich nichts zu tun scheinen: an die Nichtorganisierte ältere jüdische Zugend, an die 20-30 jährigen! Was tun sie-Züdisches? Man.sieht und merkt nichts davon! Tun sie wirklich nichts, nichts, - nun so kann man nur der schärfsten Verurteilung dafür Ausdruck gehen! Wer in dieser Zeit allein an sich denkt und an persönliches Unglück, - und niemand schätzt es genug ein! - oder wer gar nur an sein und der Seinen Glück denkt, der ist doch ein kläglicher Wicht! Ebenso töricht wie klein! Töricht, weils klug ist, sich an die Gemeinschaft zu klammem; und klein, weil dos Zudentum für uns das Nächst; ist, was sich über Egoismus erhebt. Der Einzelne ist eben .heute nichts, alles^ist^die Gemeinschast!'Zch weiß nicht, ob das eine ewige Wahrheit ist' und will darüber nicht streiten. Es gibt große Denker, die lehren, das Zndividuum ist alles, die Gemeinschast nur Emanation der vielen Einzelnen. Heute jedenfalts ist das falsch! Nur der Zusammenhalt der Massen garantiert der Seele wie dem Körper Halt im Erdbeben. Der Zude vollends ist als Einzelner ein Stäubchen, ein Atom verwirbelnd.und vergehend. Nur in der Gemeinde uyd in der Gemeinschast findet er Bruderliebe, Wärme und geistige Heimat: »Dort in der fremden Welt stehst du allein, ein schwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt: Hier sind die starken Wurzeln deiner Krast!" Seit'l0l4 schon wissen wir es alle: Die Welt ist so eingerichtet, daß zur Zeit kein Einzelmknsch Herr übersich ist. So war es im K^ieg und in der Znflatiop, so war es eigentlich schon vorher in der Partei der Massen/ so ist es im jetzigen Deutschland. So ist es auch notgedrungen im jetzigen Zudentum: Zeder jüdische Rechtsanwalt und Arzt und Beamte weiß es, der Schüler, der Kaufmann, der Angestellte, - wer nicht?! Dann aber ist es doch Mindestpflicht, sich dieser Gemeinschast zu widmen! Schön dj« Religion des Zudentums verlangt das: Man erinncrtsich.wohl noch des Wortes der Haggada: Wer den K'lal nicht anerkennt, verleugnet in Wahrheit auch das Prinzip der Religion! Denn die Religion des Zudentums beruht aus der Gemeinschast. Die Gemeinschast ist sozusagen unsere Vermittlung bei Gott: Nur

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