Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 9 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 9 Seite 5 Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden draußen in der Hellen Frostnacht steht der Vater und starrt mit bekümmertem Gesicht zur sinkenden Mondsichel empor. Und er fleht zu Gott, daß er den fehlenden Teil des Mondes aussiille. Er betet, als ob keine andere Sorge für ihn bestünde als die eine — daß Gott vergessen könnte, den unvollständigen Mond wieder zu runden. Und hätte Gott nur mit dem hilflose» Mond Erbarmen, so würde alles gut sein . . . Und was fehlte wirklich den Juden von Swislowitz an diesem Jaum-Kippur-Abend, als sic mit geläuterten Seelen ihren Fast- und Bettag beendeten Sie hatten sich gegenseitig alles Unrecht und Gott hatte ihnen ihre Sünden gegen ihn verziehen. „Er besprengte sie mit reinein Wasser, und sie ivaren von allen Schlacken gereinigt." Was brauchten sie mehr? Und so blickten sie klaren Auges zum Himmel mif: und ein Gefühl des Mitleids für den unvollkommenen Mond überflutete sie. Sie erhoben ihre Hände zum Mond und baten Gott, auch mit ihm Erbarmen zu haben. Aber die Heiligung düs Neumonds beendete den Fasttag noch nicht. Sobald mein Vater nach Hause gekomnien war und Len weißen Kittel abgelegt hatte, holte er einen. Hammer und zwei Nägel hervor, verließ abermals das Haus und hämmerte die Nägel in den Teil der Wand, an der am folgenden Feiertag die Laubhütte stehen sollte. Es ist Sünde, heilige Pflichten zu überstürzen. Satan-Kategor soll wahrlich nichts gegen die Juden Vorbringen können, daß sie nach ihrem Bet- und Fasttage lvie Schlenimer nach Hause gestürzt seien, um ' ein Glas Tee hinunterzustllrzen. Also hübsch langsam! Faste den ganzen Tag, bete den ganzen Tag: ist er zu Ende, so bete zuerst für die Wohlfahrt des Mondes: dann gell heim und laß dir lvieder Zeit: lege deinen tvcißen Kittel ab, treibe ein Paar Nägel für die Laichhütte in die Wand und dann setze dich an dein Glas Tee- Tu wirst immer »och Zeit genug haben für die Köstlichkeiten des Fleisches ... Während der vier Tage zwischen Janm Kippur und dem Laubhüttenfest waren die Juden eifrig mit dem Bauen der Hütten besckiastigt. Es gab nur lvenige Familien in Swislowitz, die mit dem Luxus einer permanenten Laubhütte prahlen konnten. Alle anderen stellten ihre Hütten — Buden, die aus dünnen Brettern, alten Tifren, alten Fenstern und ähnlichem zusammengeflickt wurden *— nur für die Festtage auf. Es lehnte sich nicht, zu viel Mühe auf einen Bau zu verschwenden, der nur acht Tage zu stehen brauchte und dann wieder abgerissen wurde. Natürlich hatte eine permanente Sukka (Laubhütte) eine Menge Vorzüge. Erstens war sie so fest gebaut, .daß sie Sturm und Wind — um diese Jahreszeit häufige Gäste— nicht zu fürchten brauchte. Zweitens hatte sie ein Dach aus zwei Flügeln, die an einen! Seil herauf- und heruntergelassen werden konnten, so daß sie keinen Regen zu fürchten hatte. Und drittens — ein nicht minder wichtiger Vorzug als die beiden ersten — hatte sie feste Türen, die vor Dieben geschlossen tverden konnten: und in Swislowitz fehlte es auch an diesen nicht. Aber den Vorzügen &e|r permanenten Hütte stand die osseubare geistige Ueberlegenhtit des Menschen gegenüber, der seine Sukka jedes Jahr frisch Msbaute und seine Freude an dem Werk hatte. Tatsächlich gäb gerade ihre Unsicherheit, die Ab hängigkeit von dem Willen Gottes, der provisorifäten Hütte einen feineren, höheren ^Anstrich. Man mußte Zuversicht zu Gott an den Tag legen und zu glaube» bereit sein, daß „Er seinen Kelch nicht in dasj Antlitz seiner würdigen Gäste ans ' gießewwerde". * 1 In der Sukka fühlte ich mich wuudervoll. Tao. Licht der Feiertagskerze fchivang sich zu dem Tannendach empor, das gar kein Dach, sondern ein Stück Himmel war, das sich über unsere Häupter senkte, Und durch die Tannenzweige blinkten die Sterne so kristallklar: als ob auch sie gereinigt und zum Fest gelvaschen worden wären.' So strömte das erzen licht nach oben und das Sternenlicht flutete heruntirr. und wo sicki beide begegneten, sproß cjiitc Wärme und Zärtlichkeit hervor, die nur der kennt, der die Abende in der Laubhütte ver träuint hat.! Hier fühlte sich der Jude, das Symbol des von feinem Mutterboden losgerisseno», dem magischen Kontakt mit der Natur entfremdeten Menschen, wieder auf realem Boden. Durch sein historisches Mißgeschick zu einem kümmerliche», farblosen Dasein.verdanimt, empfand er plötzlich den Reich tum des alten Lebens, das ans dem iinerschöpflichen Schoß der Erde guoll. Ueber ihm schwebte ein Dach aus frischen duftenden Tannenzweige»; in einem Tonkrug, in einer Ecke der Hütte, stand der disrch Taufende von Meilen herbeigesckiasfte schlanke Palmeiizweig, umgeben von Weidenrute», die aus den umliegenden Wäldern stammten. Zu keiner anderen Zeit des Jahres konnte das unterdrückte Heinnveb in diesen Abkömmlingen von Hirten, Beduinen und Bauern heftiger erwachen oder einem Gefühl der Befriedigung näher kommen. - Die .Halb-Heiligkeit der fünf Zwischentage des'Laubhütten -. festes (zuerst kommen zwei hol)e Festtage, dann fünf minder heilige Tage und dann wieder zwei hohe Festtage) war für die Kinder nicht ohne Reiz. Tie Synagoge war während dieser Woche so festlich beleuchtet wie nie "während eines anderen Feiertags. Das Laubhüttenfesl ist ein fröhlicher Feiertag. Die Erwachsenen waren sorgloser, fröhlicher als sonst, und kein Abend verging, ohne daß nach dem Gottesdienst Zuckerwcrk und Kuckten unter die Kinder verteilt wurden. Wir durften solange ausbleibe» wie die Großen und am Tage war-kein ■— oder so gut wie kein — Eheder. ' Ihren Gipfel aber erreichte die Fröhlichkeit natürlich zu Simchath Tbora. dem Tcilw der Gesetzessrende.' An tzn'sem- Tage ist der letzte Abschnitt des Pentateuchs zu Elide gelesen und der Beginn der, neuen Runde für das Jahr gemacht worden. Sollten wir uns da nickt freuen? Richard Becher Dresden-A. BerggleBhObler Str. 20 lad hol Grabmaler Feiutt Rmrania 19 'fteinfkobt/ öß&t Sudfoucftte immer frisch bei (paui Hot» Sacbsciplatz 4. Eiimi Siebs» Aiiec ßul 62036 Lieferung Ins Haus 6 Prozent Rabatt IBiinge wöchentlich dreimal frische Tageseier eigen. Hühnerzucht frei Haus; ferner empfehle lungeHShae, lebead, und anderes Gellügel. Isaak Sehlleher, Oltendorf-Okrilla, Radeburger Stralie 71 Fermut 296 Säuglingswaagen (auch mietweise). emaill. Kinderwannen, Wickelkommoden, Kinderstühlchen, hitzebestand. Milchflaschen v. Jenaer Glas. 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