Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 6 (6.1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4892693-5739414-5770026--1764-4894354- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gvmem-e-latt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden .UiimmniiiremiiM»«-«»«»,»» Amtliches Organ des Gemeindevorstandes -UWMWMMMMiMwimiMii«. Mitteilungsblatt des Süchsislben iiraelitiilben Gemeinbeverbanbes Vkranttoortl. Schriftleitung: Baro-irettor L-Ploemardn. Dresden-Verla«: Israelitische Reliawnsgemeinde Dresden-Druck: Kaden LLomp-.Dresden-A. Akleinl-r Annahmestelle für Inserate: Iae. Sternlicht. Zeugbansstraße 3,1. Telephon 14051 - Die 29-mm.Noapareillejkile tostet 30 Pf., laufend Rabatt |vil.3ofrtflqnfl Dresden, Juni 1931 Nummer 6 Inhaltsverzeichnis: »r. W. Hanauer: Die bevölkcrunnSpolitische Lage der deutschen Juden / Ernestine Eschelbacher: Die jüdische ssrau al» Mitarbeiterin in der Hygiene / Amtliche Bekanntmachungen / Personalien J AuS dein BereinSleben / Theater / Kino öü bevölkerungspolitisch« Lag« der -««Ischen Juden 'iioit 2aiiitiitsriit Dr. W. Hanauer, a. o. Professor an der Universität Frankfurt a.'M. i D i e L a g e Wcficniibcr der C4cfamtbcuölferunn zeichnen sich die deutschcn ^»dcn durch eine niedrige Eheschließungsziffer an-:-. Im Jahre 1901 ivaren die Hilden rni den iin Deutschen .Reick, geschlossenen Ehen mit 8,3 Prozent pro Mille beteiligt, während nach ihrem Anteil an der Gesaintbevölkerung diese etwa K), I Prozent hätte betragen müssen. Tie Gesamtzahl der Eheschließungen im Tcutschen Reiche iiahin in den ersten 13 fahren dieses Jahrhunderts um 9,<i Prozent zu, die rein jüdischen Eheschließungeil nahmen jedoch in diesem Zeitraum um 0,7 Prozent ab. Während in den letzten Jahren im Deutschen Reiche auf Tausend der Bevölkerung etwa zehn Eheschließungen entfielen, ist die Eheschließungsziffer vei den Juden um etiva ein Drittel niedriger. Die jüdische» Ehen sind überdies ausgesprochene Lpätehen. Gegenüber der Abnahme der rein jüdischen Ehen ist eine »ngeheure Zunahme der Mischehen zu verzeichnen. In Deutschland' wurden von 1920 bis 1925 29984 rein jüdische Ehen geschlossen und 12107 Mischehen. Während das Berhältnis zwischen jüdischen Rein- und Mischehen 1901 0:1 mar, ist es heute 2:1. Jeder fünfte Jude oder Jüdin, die heute in Deutschland heiraten, gehen eine Mischehe ein. Tie Geburtenziffer ist in ständigem Linken begriffen. In Preußen wurden geboren auf 1000 der jüdischen Bevölkerung 1822 bis 1840 35 Itinder, 1888 bis 1892 23 Ztinder. 1903 bis 1907 17 minder. 1925 bis 1920 14 Vtinbcr, 1927 10.9 .tri„der gegenüber 18,4 bei der Gesamtbevölkerung. Tie Sterblichkeit der Inden ist geringer als die der Gefaintbevölkernng. Tie ständige Abnahme, dir bisher zu verzeichnen war, ist jedoch in den letzten Jahren einer Zunahme gewichen. So entfielen in Preußen im Jahre 1927 auf 1000 Juden 11,2 Todesfälle gegen 13,7 im Jahre 1910..- Da die Sterblichkeit der Gesanrtbevölkerung in Preußen'im Jahre 1927 11.9 betrug, ist die Sterblichkeit heute bei deti Juden größer als bei der Gesaintbevölkerung. Tie rapide und ständige Abnahme der Geburten ist bei den deutschen Juden von einer stähdigen Abnahme des Geburtenüberschusses begleitet. Während 1870 bis 1880 dieser in Preußen 14,1 betrug und größer ivar als bei der Gesamtbevölkerung, sank -er 1910 auf 2,0. Im Jahre 1927 ist der Geburtenüberschuß ganz verschwunden Und hat einekn Todesfallüberschuß von 4,2 Prozent Platz gemacht. demgegenüber bei der Gesaintbevölkerung immer noch ein Geburtenüberschuß von 6,5 Prozent zu verzeichnen war. Die Zunahme der Sterbeziffer ist naturgemäß gleichfalls die Folge der Geburtenabnahme; infolgedessen ist eine Heberalterung der jüdischen Bevölkerung eingetreteu: die jugendlichen und mittleren Altersklasse» sind schwach vertreten, sehr stark dagegen die höbereu Altersklassen, die natürlich eine höhere Sterblichkeit auiweiseu. So gehörten von den in Frankfurt a.. M. verstorbenen Juden im Jabre 1920 >>0 Prozent den Altersklassen von über 50 Jabre an. t Tie Folge der Gebnrtenabiiahine ist, das; bei den Juden der Gegemvart das Ziveikindersystem, in den großen Städten sogar das Eiukinderstisteiu zur Regel geivorden ist. Tie Gcbnrtenabnabme macht sich auch geltend in dem starken Sinken der Fahl der im schulpflichtigen Alter stehenden .(linder. Während im Jahre 1*07 diese in Frankfurt a. M. 17,1 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung ausmachte, war der Prozentsatz der Schulkinder im Jahre 1925 auf 39 Prozent gesunken! Statt Schulen und .(tinderpflegeanstalten zu errichten, werden die deutschen Juden immer mehr genötigt sein, Altersasyle und Alterssürsorgeeinrichtungen zu schajsen. Die Abnahme der Geburtenzifser hat sich bereits in der bei der letzten Bolkszählung festgestellten Abnahme der jüdischen Bevölkerung in den meisten Ländern, vor allem in Süddeutschland ausgewirkt. Wenn in einigen Provinzen und Ländern, wie znm Beispiel Rheinland, Westfalen und Sachsen, nnd einer Anzahl von Gro;,- städle» »och eine Zunahme sestgestellt wnrde. so ivar diese nicht eine iüuere, durch Heberschuß über die Sterbefälle bedingte, sondern lediglich der Znivandernng von außen zu verdanken. Aber da diese Znivandernng in die Großstädte nachzulassen scheint — so war znm Beispiel in Frankfurt am Main im Jahre J929 die jüdische Abwanderung größer als die Zuwanderung' , so muß die Abnahme der jüdischen Bevölkerung in den Großstädten infolge.der doppelten Ursache sich um so stärker geltend machen. Die Prognose der. iiibifdjcit Bevölkerungsentwicklung in Deutschland für die Zukunft ist daher eine äußerst trübe. Wird der Geburtenbeschränkunk nicht Einhalt äctan, so wird, da die Sterblichkeit für die Folge immer mehr ansteigen wird, die Zahl der Inden in Deutschland ständig finken, zninal die Bcrlnstc dnrch Eimvandernng ans keinen Fall ersetzt werden können, da Masseneinivanderungen der Juden, etiva aus dem Osten, ans politischen Gründen wohl nicht mehr in Frage kommen dürsten. .Das Aussterbcn der.Juden in Deutschland wird sich nach drei bis vier (Generationen vollzogen haben. Daß diese Berechnung kein Phantom ist, ergibt sich daraus, daß nach Meinung Dr. Burgdörfers die Bevölkerung Berlins nach 00 Jahren von 4 Millionen auf eine halbe Million gestinken sein wird. Diesem Lelbstaufgebeu gegenüber fallen die Perluste durch Taufen oder Austritte, weniger ins lRnvicht. wohl aber wird der Auflösungsprozeß durch das ungeheure Anwachsen der Mischehen stark beschleunigt.