Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 5 (5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5 (Aemeiubebtatt öer Israelitischen RetiaionSaemeinde Dresden Seite 3 Berufsgenossen nicht erheben. Tenn einmal ist es eine mit Recht umstrittene Frage, ob das Judentum seit dem Falle des Tempels überhaupt noch Priester besitzt, ob also —'konkret gesprochen — auch nur der Rabbiner als Priester angesehen uvrden kann. Ja, es sind auch die Stimmen nicht allzu selten, die wohl nicht dep^llabbiner. aber den Kantor. als den Träger und Verseher -Des Gottesdienstes, den jüdischen Priester nennen wollen. Ties alles mag ein rein theologiscl-cr Streilpunkt sein und bleiben, und als solcher außerhalb des Rahmens dieser Betrachtung stehen. Rur so viel dazu: Tie richtigste, bezeichnendste, berechtigtste und gleichzeitig stolzeste Benennung des Kantors heißt: Scholiach zibbur, Abgesandter der Gemeinde. Er ist der Mann, den die Gemeinde aus ihrer Mitte sendet, damit er die Gebete, ihre Gebete vor Gott trägt. Tie historische Entstehung des Kantoramtes stützt diese Anschauung in solchem Maße, daß eine andere kaum mit Recht aufkommen kann. Tatz der Scholiach zibbur daneben einen angenehmen Vortrag und eine gefällige Stimme besitzen soll, liegt nur auf der natürlichen Linie der Entwicklung, llnd daß er ein tiefreligiöser Mensch sei und einen frommen Lebenswandel führen soll, sind Forderungen, die sich aus seiner, nur aus seiner Berufung selbstverständlich ergeben: er ist ja ein Betender, der Betende, der nicht nur gelegentlich, sondern beständig und nicht nur für sich, sonder» für seine Gemeinde beten soll, deni somit das Beten einen wahren, echten, aufrichtigen Herzenserguß bedeuten muß. Tas kann nur ein wahrhaft religiöser Mensch. Aber es muß kein Priester sein. 'Ter Abgesandte der Gemeinde, den sic aus ihrer eigenen Mitte aussendet, kann kein Priester sein, denn der Priester steht außerhalb, meinctivcgen über der Gemeinde, ist niemals ein Teil ihrer selbst. Wie tvar nun Sulzer dennoch, undwie sei der Kantor dennoch ein Priester? Ein Priester der Kunst, seiner-Kunst, der jüdischen, gottesdienstlich.» Musik, ihr ergeben mit seiner ganzen Kraft, mit seinem ganze» Können.mit seinem nicht endenden Streben. Tiese seine Kunst betreibe er priestcrlich, rein, edel, selbstlos, besessen, nur ihr und so nur Gott diienend. Ter Kantor als Künstler? Ter Charakter des Scholiach zibbur, des wahren Vorbeters (wahr in jedem Sinne verstanden) schließt eigentlich künstlerische Qualitäten bei ihm aus, macht sie zumindest unnötig. Aber wer so denkt, mißversteht das tiefste Wesen der Kunst. Sie ist -- ungeachtet! des ewig wahren L’art pour l’art — nicht geschaffen und nicht gewillt, sich in den Vordergrund zu stellen und alles andere 1 zurückzudrängen, sie will niemals ihren Vorwurf erdrücken,! sie will nicht alles andere vergessen und auf sich, nur auf sich aufmerksam machen. Afterknnst ist. die solches will. Ich habe, um auf unser engeres Gebiet zu kommen, an anderer Stelle einmal geschrieben: Es ist ein Fehler, wenn der Betende in der Synagoge sagt: Wie schön wird gesungen! (Noch ärger selbstverständlich, wenn er sagen mutz: Wie schlecht wird ge-> sungen!) Er sollte nur sagen und fühlen können: Wie sehr bin ich ergriffen! Tas ist die Wirkung wahrer Kunst, die unsichtbar bleibt, aber die Wirkungsmöglichkeit der Sache, der! sie dient, unendlich erhöht, llnd darum soll, nein, muß der | Kantor Künstler sein. Er soll alle Widerstände der Materie > durch seine Kunst besiegen und sie so seiner Gemeinde unsicht-; bar. unhörbar machen. Er soll die Gemeinde nicht auf den Künstler und auf die Kunst hinlenken, sondern sie durch die Kunst von allem Irdischen ablenken und sic so zu einer beten- > den Gemeinde gestalten. Tas kann im allgeineinen nur der.! dem mehr als der güte Wille zur Verfügung steht, nämlich: das Können, die Kunst. Tarum hat die Linie -er Entwicklung den künstlerischst Kantor gebracht. Toch auch hier eine eigene Farbe: Wie dej: Kantor ein Priester der Kunst sein soll,1 so sei er ein Künstler der Welt, ja nicht einmal schlechthin ein! .Künstler der Kunst, sondern ein Künstler Gottes. Wie sich etwa Anton Bruckne^ einen Musikanten Gottes nannte. * Wie kann der Kyntor zu solcher Auffassung und Auswirkung seines Amtes gelangen? Turch Befähigung, durch Vorbildung, durch Betätigung und durch Förderung. . Taß ein großes Maß von natürlichen Fähigkeiten Voraussetzung für diesen idealen Kantortypus ist, versteht sich am Rande. Gesangliches, musikalisches Talent, aber in nicht geringerem Ausmaß geistige Veranlagung und seelischer Habitus sind unumgänglich. Äese letzteren nicht etwa und keineswegs allein zu repräsentativen Zwecken, sondern uxii mehr aus dem Grunde, weil sie allein die tiefste Erfassung des Berufes und seiner weitverzweigten Tisziplinen, anderseits die Erhebung zu dem hohen Idealismus ermöglichen, ohne den der wahre Kantor (in diesem Sinne) nicht werden kann. Eine wohldurchdachte und sorgfältig abgewogene Vorbildung muß solche Befähigung entwickeln und zu lebendiger Brauchbarkeit fördern. Ter Ruf nach der Kantorenbildungsanstalt. schon jahrzehntelang erhoben und noch immer nicht zum Ziele gelangt, dürfte nicht lange mehr ungehört verhallen, wenn anders dem deutschen Judentum incht unermeßlichr Schaden ernxichsen soll. Tie schüchternen Versuche, die der Preußische Landesverband auf diesem Gebiete unternimmt. müßten von den anderen Landesverbänden und sonstige» Gremien kräftigst gestützt und so endlich zur Verwirklichung des Zieles gebracht werden. Rur unter solchen Voraussetzungen und nach solcher Art durchlaufenen Vorbildung wird der .Kantor in seinem Amt befähigt sein, es in idealer Weise zu führen und cs mit seinen Idealen zu erfüllen. Zu dem Können muß sich dann allerdings daS Wollen gesellen, wenn er sich „priesterlick)er Künstler", also Kantor nennen will. TieS alles genügt aber nicht. Wie die Kunst im allgemeinen und ihre Träger, die Künstler ohne Förderung nicht blühen, ja kaum bestehen können, so entbehrt der Kantor und seine Kunst so sehr der Förderung, daß sie eigentlich erst geschaffen, ich niöchtc fast sagen: erdacht iverden muß. Um nur eines für unendlich vieles zu nennen: Welch große Schwierigkeiten bereitet die Herausgabe und Verbreitung synagogaler Komvositioncn, auch solchr von anerkannt größtem Werte! An Förderung gebricht cs auf allen Gebieten, die für desi Kantor in Frage stehen, nicht allein auf rein wirtschaftlichen. Hierin entschiedensten Wandel zu schassen, sollte schon längst Ehrenpflicht der'jüdischen Qesfentlichkeit sein. Erst dann kann der Boden für das Idealbild des jüdischen Kantors bereitet sein, des Idealbildes, wie ich cs hier zu zeichnen versucht habe. Waren Sie schon bei Jacoby Haben Sie noch nie den I eigenartigen, prickelnden Reiz verspürt, wenn man die herrlichen Seidenstoff über seine Hände gleiten läßt? Besuchen Sie mich, dann werden Sie.verstehen, warum . man es nicht lassen kann... ALTMARKT 6 "W^SEIOENHAUS ' \