Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 1 (1.1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4892693-5739414-5769983--1678-4894273- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gemeindeblatt der Israelitischen ReltgionSgemeinde Dresden Nr. 1 reite 4 Bücher vom jüdischen Schicksal Von )l a n f r <■ 'iL'ir sind nicht reich an zeitgenössischer jüdischer Belletristik. Biele jüdische Schriftsteller gibt ec-, aber kaum einer nnterniinnit cs, jüdischer Leben unserer Zeit zn gestalten, etwa ein Abbild zu geben von dein Daseinskampf des jüdischen Mittelstandes, oder das Leben eines jüdischen Künstlers in Romanform zn zeichnen, oder, an einer Dtadt gezeigt, die Gegenströmungen jüdischen Geistes aus religiösem und volitischein Gebiet auszuzeigen. Wir haben kaum eine jüdische Belletrisrik und bestimmt kein jüdisches Feuilleton, das 'ich über das Durchschnittlich und Laue erbebt, ein Mangel, den jeder, der redaktionell bei der jüdischen Preise tätig ist, wird beilätigeli können. Darum in es mir eine besondere Freude, bier zwei Bücheran zeigen zu diirfen, die sich idwti durch ihre bloßen Titel als jüdisch Romane legitimiere». Die gcbören beide zn den Renericheinnngen dieses -derbstes und sind in den repräsentativsten deutschen Berlage» erschienen: „David Golderz von Irene Remirowskt^ und'„Hi ob'' von Joseph Roth'. Beide sind thematisch verwandt und doch zugleich, wie sich zeigen ivird. einander polar entgegengesetzt. Irene Remirowsky. eine junge in Paris lebeirde Russin, schreibt die Geschichte David (Polders, eines aus dem russischen Ghetto ,n ungeheuerem -Reichtum ausgesticgencn Juden — Joseph Rotb. der uns wohlbekannte Publizist, die des armen Lehrers 'Mendel Dinger aus Zuchnow. Der eine Roman spielt in Paris und in einer Lurusvilla am Dtrande in Biarritz, der andere in dem baufälligen Häuschen eines kleinen Melameds, der um ein paar Kopeken täglich die Kleinsten in die Wunder der Dckrnt einführt. Golder benutzt seinen am Talmud seit früher Jugend geschulten und gestählten Intellekt, um aus dein Ghetto herauszukommen. Er arbeitet sich empor aus Dckmntz und Elend, verläßt dß: Heimat, beißt sich durch in dem Hunger nach Macht. Wie kann er allein zur Macht gelangen? Durch Geld. Also rafft er es rücksichtslos zuianimen. Aber sein Leben ist kein glückliches. Als alter Mann tritt er vor uns. zn Tode ermattet, von den Runen übermenschlicher Arbeit gezeichnet, verflucht an das Materielle, trotz äußerer Güter enttäuscht, enttäuscht von den Menschen, auch von den nächsten, seiner schmuckbehangeuen Frau und seiner lebensdurstigen Tochter. — Mendel Dinger dagegen ivird nicht enttäuscht, weil er keine Illusionen hat. „Er war fromm, gottessürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude." Fiir ihn gibt es keinen anderen Reichtum als den' des Talmuds und der Frömmigkeit. Er fürchtet sich vor dem Leben, weil er ihm nie ansgesetzt war, er empfindet die Enge nickt, iveil er das Ghetto nickt spiirt. Er ist genügsam, gut und untüchtig, das Abbild eines Dchlemibls. — David Golder in aktiv und kämpferisch, Mendel Dinger passiv und friedliebend, jener in Jakob, dieser eben — Hiob, lieber beide ' '.'las dein Französischen nvcrsem von Magda Kabn, 2. Fischer. Bering, Berlin. 1 Wuitao .gievenbeuer. Bering, Berlin. l Sturm ann bricht das Dchicksal mit rasender Faust herein, über Golder verdient, denn er ist schuldig, über Dinger unverdient, denn er ist unschuldig: dieser wehrt sich, jener trägt das Leid ergeben. Ter reiche, kranke Golder erkennt, daß er für die Deinen nichts anderes ist als die Maschine, die Geld zu schaffen hat. Frau und Tochter schänien sich seiner, verachten^ ihn, weil er häßlich und grob ist, weil er weiß, wieviel Gesundheit, Dchweiß und Blut an seinem Gelde kleben. An der Dchwelle des Todes erkennt er dies und verliert Kraft und Mut: er bricht wirtschaftlich zusammen und wird über Ra'cht ein armer Manu. — Mendel Dinger hat nicht viel zu verlieren. Aber das ivcnige, das er besitzt, verliert er: das Glück der Familie. Die Geißel Gottes trifft ihn hart und unverdient. Es beginnt mit der Geburt seines dritten Dölmes, des letzten Kindes, das ihm Teborah, sein Weib, gebiert: Menuhim. Dieses Kind, in das geheimnisvoll Dingers Glück beschlossen sein soll, spricht nicht", läuft nicht, denkt nicht, ist eine Last für Eltern und Geschwister, ein lebendiger Klotz. Und nun wird der Kelch des Leides ausgegossen über Mendel Dinger: Jonas, der Aelteste, wird abtrünnig, geht zu den Doldaten und führt ein gottloses Leben. Dchcmarjah, der zweite Dohn, geht nach Amerika in ei» .ingewisseS Dchicksal. Mirjam, die Tochter, hat einen leichten Dinn und gerät auf den Weg der Ddzandc. Und doch scheint es, als käme nochmals ein Licht über Mendel Dinger: Dchcmarjah bringt es in Amerika zu etwas, die Familie wandert aus, geht nach Reuyork zu Dchcmarjah, der jetzt Dam heißt. Aber ein Dchatten liegt über dieser Veränderung. Tie Eltern Und Mirjam müssen den armen, unbeweglichen Menuhim bei guten Menschen vorerst zurücklassen. Anfangs fckzeint drüben alles gut zu gehen, man beschließt, Menuhim zu holen — da plötzlich bricht der Weltkrieg aus. Und nun stürzt Mendel-Hiob nochmals: Jonas, der auf russischer Leite kämpft, ist verschollen. Dam fällt im Kriege, Teborah stirbt vor Gram, Mirjam wird wahnsinnig. Mendel Dinger ist allein und der Aermste der Armen. Er duckt sich vor soviel Unglück, das Herz stirbt ihm im lebendigen Leibe, er versteint, er trauert nicht, er denkt nicht, er wird irgendein greises Individuum, mit dem man Mitleid hat, und daS in einem Hintcrstübchcn seinem Tode entgegenharrt. — David Golder aber läßt das Leid nicht über sich kommen, ohne sich zu wehren. Er weiß, daß er sterben muß, doch als sein Kind ihn kniefällig um Geld bittet, das er nicht mehr hat, und um eine gesicherte Zukunft, rafft er sich noch einmal auf und schafft sich welches. Buchstäblich sterbend schließt er das größte Gesckiäft seines Lebens ab, in Rußland, fern von den Deinen. Er stirbt auf einem Tampser, der ihn über das Schwarze Meer in die Heimat bringen soy — aber dieser Tatmensch hinterläßt seinem Kinde ein fast in der Todesstunde erwordenes Riescnvermögen. Tavid Golder, der Abtrünnige, der Gotteslästerer, der um seines Vorteils willen viele Menschen vernichtet hat, stammelt in seinem Leid das lange vergessene und plötzlich iy seiner Erinnerung aufgetauchte Dchemah Israel — der gegeißelte Mendel Singer aber, der Fernsprech-Anlagen jedes Systems Baubüros in: Görlitz Zittau Bautzen Vollautomatische Anlagen,Reihenschaltungs-Anlagen GlBhlumpen-Zentralen, Haustelephon-Anlagen in höchster Vollendung in Kauf und Miete führen aus Hb FUM & COflf Telephon- und Telegraphenwerke, AG., Verwattaagsbezirk Sacksea Dresden-Ab 1, Wilsdruffer Straße 15 Fernsprecher 25631 (Sammetnummer) Auskünfte und Ingenieurbesuche kostenlos und unverbindlich