Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 4 (4.1930)
- Date
- 1930-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4892693-5739404-5769945--1497-4894101- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden <£HmniiHiiHmiini'iiHiiiiiitmmnimii)iiiiMiuHiiiiiKt> Amtliches Organ des Gemeindevorstandes «A»«»i»»»l»»»»l»»i»i>i»iiii>ii»»i»iii»iiii»iil>!<r» Mitteilungsblatt des Sächsischen israelitischen Gemeindeverbanbes Gememseblatt Vrrautwortl.Echristlcitung: TüroLirektor L-Plocmachrr. Dresden-Verlag: IKaelittscheRcligionsgcmeindc Dresden-Druck: KabenDEomp., Dresden-A. Alleinige Annahmestelle für Inserate: Iac. Eternlicht. Zeugbauestraße 3,1- Telephon 14051 * Die 29-mm-Nonpmcillejeile kostet 30 Ps., lausend Rabatt VlIahrgang Dresden, April 1930 Nummer 4 Inhalt: Iabius Schach: Völkersiüblina Da-S Keilö in Rom ' HaiiShaliplan / Amtliches sl Personalien >'Pereine / (ÜeirfjäftUrtic-s Vollrerfrühting - (triuc Peisachbetrachtung) Von Kabius Scliiicli . 2d)i5it ist ec-, meint die 'A'atiir zu neuem yeben erwacht, »och jdjöncr aber, wenn ein Volk zur Freiheit, znin kulturellethischcn Leben sich emporringt. Tas ist das Große an nnserein Pessachfeste, daß es so herrlich den Beginn unseres Volkes darstellt. Und darum seieru wir dieses Fest immer wieder mit Herzensfreude, und mit unsern Abneii und unser» Kindern jubeln wir über den 2icn ber Menjchlichteit. über die Abstreifung der .Stetten innerer und äußerer Knechtschaft. Welch oelnöltificö Trania! Welch erschütternde Tragödie! Ein Volk mit ausgeprägter Eigenart, freigeborene Menjckien, werden künstlich nnterjocht nnd zu Sklaven gemacht. Urtd das Traurigste: Wie immer Ivird dilrch den äußeren Truck das Gefühl für Hoheit und'Menschenwürde getötet. Eine stumpfe Masse schellt wir vor uns, nicht mehr höher Regungen fähig. Von den Aegypten: als -Heloten angesehen, eigene Würde nicht mehr kennend, hängen sic in der Luft, verlieren die seelische Richtung und werden zur stumpfen Masse. Wohl haben sie noch einige Uebcrlieferungen geerbt, aber sie sind nicht mehr rein, (Glaube und Aberglaube, Furcht und Sinnlichkeit wohnen hier beieinander. Alles ist ägyptisiert, ohne ägypisch zu sein, ein Volk ohne Ideal, ohne zusammenhängende Volksseele. Man hofft nicht mehr, man kämpft und hingt nicht mehr, alles trotze ist tot. Ta erwacht der große Mose, der genialste-Mensch in der Geschichte. Erzogen als Prinz am königlickien Hofe, voll gepfropft mit ägyptischer Bildung, fühlt er plötzlich in sich etivas anderes. Gewaltiges. Er hört den göttlichen Ruf. daß er zur höchsten Mission auserkoren ist. Er geht zum Pharao mit dem göttlichen Auftrag: „Befreie mein Volk, daß es ('lütt dient." Rur der freie Mensch kann Gott dienen, der Sklave känn alles Große kaum ahnen, Nur der freie Mensch kann eine wahre Kultur aufbauen. Tenn sehe ivahre Kultur entnimmt ihr Ideal göttlichen Regionen. , . So >vird Mose zum verkörperten Volksgewisseu. Er zieht das Volk stufenweise aus der Tumpfheit zu sich heran, zeigt ihm Lebensziele, Zweck und Wert des Lehens. Eine gewalkigc- Aufgabe, manchmal zum Verztveifclu sckstver! Immer wiedei verfällt das Volk in seine Dumpfheit zurifck: „Gib uns besseres Essen, erleichtere die Last unserer Fronarbeit." Gott? Von einem unsichtbaren und allsichtigen Wesen, von einem Gott voller Liebe und Gerechtigkeit sprichst du zu uns, >vo ist er? Was ist Gott? .Hat er unsere Not in den langen Jahrhunderten gemildert? Offenbart er sich »ns in Schmerz und Drangsal? Aber Mose, der große Hirtö,, verzagt nicht. Er kennt die Psychologie des Volkes, kennt seine Schmerzen und fühlt mit ihm. Jminer wieder erneuerr er den Versuch, die Seele des Volkes von der Kruste zu entfernen, das Menschliche in ihr zu wecken. Und es gxlingt ihm, weil er der wahre Führer, der selbstlose Mensch ist. dessen Liebe zum Volke nimmer aufhört. So wird er der Veriistttler zwischen Volk und Gotl. zwisckieu Irdischem und Himmlischem, Es gelingt ihm eine» 2trahl seiner i'lröße aus da-: Volk zu übertragen. Noch murrt und revoltiert es hier und da, aber es bat üch von der Tumpsheit freigeinackst, es fängt an|. seinen Berus zu erkenne», die geschichtliche Linie zir sehen, die es beschreiten muß. um zu neuem, freiem Leben zu-gelange^. Tas ist der Sinn des Völterfrühltngs, die Poesici der Jugend eines Volkes, die der Prophet w herrlich als die .strahlende Liebe der Braut zum Geliebten schildert, Aberdet Völkerirühling ist ebensonfeirig Selbstziveck wie der Frühling der Natur. Er bringt nisr Blüten, aber teinc- Früchte.-er gibt nur Ahnungen und nickst Vollendetes. Mit dem Jubel der Freiheit allein ist noch feiji Volk groß geworden. Es muß kämpfen und ringen, esmuß das Gefühl-: mäßige in ('lefetze umwandeln, die Sehnsucht in fruchtbare Tat. Tie Veriiunft. muß üch zum Gefjuhl gesellen, es muß lernen, sich zu zügeln, es muß das Göttliche. in heiligen Gesetzen verwirklichen. Taber führt Mose das Volk zum Sinai, bevor er es ins gelobte Land führt. Es muß erst die Gesetze der Tittlichkeit, die Heiligung des Menschliche» durch göttlickie- Taten erlernen. Bevor mau noch Bürger aus seinem Boden ist, muß man erkenne», was menschliche Würde bedeutet. Man muß sich sein ('Ilück zimmern, sein Los verdienen. Tie große Verfassung eines Volkes ist nickst wie ein auge-klebtes Etikett etwas Aeußerliches, sondern das Testillat seiner Teele. der Ausdruck seines inneren Lebens. Es muß etwas in der Natur des jüdischen Volkes gewesen sei», ivas es prädestinierte, die Tliota. diele geivaltige Verfassung, anzunehmen. 2cr Talmud drückt es so aus. daß Gott seine Lehre allen Völkern angeboten hat, die sie aber ablehnten nutz daß nur Israel sie annahm. Ter sinn ist. daß die meisten Völker noch am io niedriger Stufe standen, daß diele Lehre zu lehr Kluft zwilchen Leben und t'lesetz wäre. Nur Israel war allmählich durch das Lehen iu freier Natur, durch das ewige Schauen der Wunder Gottes und durch die kluge zielbewußte Erziehung reif geworden, diele Lehre anzunehineu und sie zur Richtschnur dcs Lebens zu machen, llnd nur durch Israel konnte die Menschheit die Grundgesetze der Zittlichkeit erfahren. 2o ivurde Israel von vornherein bestimmt. Mittler zwischen Gott und Mensch zu sein und den Völkern durch Lehre und -Leben den Weg zur Hobest zu zeigen. Ein stolzer aber dorwstivoller Beruf. Erleben ivir nickst diese Ersckvinnng in allen Epochen der Geschichte immer wieder? Tie Völker ringen nach Frühling und Freiheit und nur unter Hchmerzeh und Kämpfen gelangen ne zum Fortschritt. Nur haben die Völker nickst immer einen Führer von Format des Mose und viele freiheitliche Regungen ersticken im Keime oder erstetben im Kampfe mit den widerwärtigen Elementen, mit dem ^ivig Gestrigen. Und heizte? Im Blute des Weltkrieges entttand etwas wie Sehnsucht nach Freiheit oder Frieden, und die arme Meirich-