Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 2 (2.1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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Nr. 2 Seite 10 Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden gekündigt batte, erschien es Bernstein als unbedingt not' uvndig. die Erkenntnisse zu revidieren. Ansätze eines „Reviüvin-'-mus" waren überdies schon vorhanden. So begann Bernsiein denn im Jahre 1806 durch Aussätze unter dein 0k* 'ainttitel ..Probleme des Sozialismus" seine an der Beobackitung des Ge'wiwtsverlaufs gewonnenen Erkenntnisse niederzulegen und neue Folgerungen iiber den Gang der Be u^gung zu zieben. Es batte sich die Ausiassung in ihm befestigt. dass die kapitalistisck'e Welt keineswegs vor dem Untergang nebe. und das; es falsch sei. wenn sich die sozialdemokratische Praris auf die baldige zivangsläufige Erfüllung der t'o;1ii:mnclH'n Endziele einstelle. Im Jabre 1807 schrieb er in einem Artikel „Zniainiuenbruchstheorie und Kolonialpolikik" folgende Sätze: „Iw gestehe es offen. ich babe für das. was man gemeinnin unter -Endziel des Sozialismus' versteht, autzerordentlich n'enig Sinn und Interesse. Ties Ziel, was immer es sei. ist nur gar nichts, die Bewegung alles.' lind unter Bewegung verstehe ich sowohl die allgemeine Bewegung der Gesellschaft, d. b. des sozialen Fortschritts, wie die politische und wirt- 'chastliche Agitation und Organisation zur Bewirkung dieics Fort'chritts." k-Apporcits uPlatten __ H-BOCK Autorisierte Verkau-fr/telle: j PrQQ0r~XiT- 9 Bernstein bat i'idj später gegen die Behauptung verw.chrt. mit dieien Worten >ei ausgvdrückt, deis Endziel des Sozialismus ..sei nichts", und er habe das Ziel der sozialistisd'en Bewegung, die klassenlose C'ScfcIffcfmft, ausgegeb'eii.- Er loiil diesen Satz,nur so verstanden wissen: Ihm selbst bedeute ftii' ü'in tbeorctiscbes und praktisches Wirkeil dieses Endziel nichts,' ilmi persönlich konlme es nur auf die Bewegung, auf den Fo.t 'chritt an: er beruft üch dabei ausdrücklich auf seine Formulieruiig: Ticies Ziel in mir nichts. Man hat keinen l^rnud. aii seiner Interpretation zu ziveifeln. und es ergibt sich mit Tentlichkeit: Bernstein leimte es ab. unerwiesenen, durch die Erfahrung sogar offenkundig widerlegten Theorien zu h,:ldigen. er hielt es für abivegig. das parteimäßige HanSeiu i:iif den angeblich bevorstehenden Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellict^ist cinzustellen. und forderte, daß man tatkräftig auf sozialen Fortschritt binwirke., Nun aber brach ein ungeheurer Sturm los. Hier wagte seinmidk an den festen Säulen zu rütteln, auf denen Theorie und Praris der sozialistischeil Bewegimg bisher geruht hatten. Bernstein verteidigte sich: „Ich habe zu keiner Zeit ein über allgemeine Grundsätze künausgehendes Interesse an der Zukunft gehabt, noch .kein Zukunftsgemälde zu Ende lesen können." lllid er berief sich gerade auch auf Marr. der über die zu verivirklichende Zukunst Immer nur in allgemeinen Grundsätzen gesprochen habe. Aber inan witterte (fsefabr- und in dem >rampfe zwischen ihm und den orthodoxen Marxisten >var er dann gezwungen, die theoretische Grundlage seiner „ketzerisck>en" Anschauung zu festigen. Tie Polemik, die zwischen ihm und Kautsky in der „Nellen Zeit" ausgctrageu wurde, gehört zu den wertvollsten Erzeugnissen sozialistischer Wissenschaftsdebatte —' einer Tebatte, die auch heute noch nicht beendet ist. obgleich der reale Verlauf der Begebenheiten Bernstein unbedingt recht gegeben hat. Besonders heftig entbrannte der Streit, als Bernstein 18W mit seiner Schritt „Tie Boraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie" eine zusammenfassende wissenschaftliche Grundlegung 'einer Ueberzeugnng gab- Er ivollte den Marxismus von utopistisclien Resten reinigen, die Herrschaft des Schlagivorts, des Togmas; der begrifflichen Formulierung breclien. Tekonomische Probleme könnten i-icht durch Tetinitiouen abgemacht Nrerden, antwortete er seinen Ztritikern. Sein .stampf galt der „mit der Wirklichkeit in Widerspruch stehenden Revolutionsphraseologic". Mit Nachdruck" verteidigte er das Recht, die Theorie weiterzubilden. denn „mehr noch als Produkt ist die Bewegung heute Schöpferin von Theorien. -Heute, wo der stampf der Arbeiter'auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet wirksamer und wirklicher ist als je. braucht man ivahrhaft darüber nicht nervös zu werden, daß das Kkassenkampfdoama Schaden leiden könnte." Taß die Partei die Wirklichkeit erkenne und nacii ihr handle, das war die Forderung Bernsteins. Taß sic lich frei mache vom „Fetischismus der Worte", von der Gefangenschaft im Lehrgebäude, dafür kämpfte er. Er ver>uchte an zahlreichen Erscheinungen und mit dem Werkzeug der Statistik den Nachn>eis. daß an einen baldigen Zuiamuienbruch der kapitalistisckzen Gesellscliaft nicht zu denken sei, daß die Tinge einen andern Lauf nähmen, als vorausgcfngt, und daß daraus die praktifärc .Konsequenz gezogen iverdeu müsse: nämlich in ziclbewußter, Gegenwartsarheit Einfluß auf den Staat, Einfluß auf die Wirtschaft zu gewinnen, die Lage der Arbeiter- 'chaft zu bessern, den genrerkschastlichen und parlamentarischen Kamps auf erreichbare Ziele einzustellen. Tie soziale Reforn: war deshalb ein wichtiger Punkt seines Programms. Ties hat sich allerdings erst nachträglich, gegen Bernsteins erste Ueberzeugnng herüusgestellt. 2lnf dem Trcsdner Parteitag 1003 äußerte er noch, daß sich am praktischen Teil des- Parteiprogramms durch den Revisionismus nichts ändere: nur die Theorie sei betroffen. Aber die praktisch-politischen Gegensätze in der Partei traten immer deutlicher hervor: lväbrend die norddeutschen Sozialdemokraten als Untertanen des Treiklassenstaates für säzärfste. rückhaltlose Kampfstellung gegen den Staat eintraten, kamen die süddeutschen Partei genossen einer reformistischen Haltung näher. Tas gleiche Wahlrecht in den fiiddeutscl'en Staaten gab dqr Partei größere Macht in den Parlamenten und damit größepe Möglichkeiten, die (Gesetzgebung zu beeinflussen. So kaut cs in Baden. Württemberg und Bayern zu „Block"-Bildungen. zu Koalitionen, an denen die Sozialdemokraten beteiligt waren. Sozialen Fortschritt, schrittweise Eroberung von Macht und Einfluß — das waren die Ziele der Süddentsckien. Sie trafen sich mit Bernstein, der sich ztvar entschieden dagegen Verivahrte eine reformistische Partei innerhalb der Partei zu befürworten, der aber mit den Reformisten schon durch die gemeinsame Gegnerschaft gegen die Marx-Orthodoxenverbunden war. Bebel allerdings glückte es, den von vielen Seiten ge forderten Ausschluß der süddeutschen und reformistisch,-ge'v.-rkschaftlichen Richtung zu vermeiden. So tobte der Kamps in der deutschen Sozialdemokratie bis zum Ausbruch des Weltkrieges. Bernstein hatte schon 1000 seine Mitarbeit an Kautskys „Neuer Zeit" ausgegeben und war zu den „Sozialistischen Monatsheften" übergegangen, die ihm bis 1011 de- Organ dienten. Zwischen ihm und Kautsky hatte sich eine Entfremdung entwickelt, an der vornehmlich der scharfe, oft ins Persönliche übergreifende Kampfstil Kautskys die Schuld tiug. Bernsteins Forderung, die Sozialdemokratie solle den Mut finden, „das scheinen zu tbollen, was sie in Wirtlichkeit sci: eine demokratisch-sozialistische Reformpartei", konnte in Kautskys Kreis kein Verständnis finden. Tie Kluft schien unüberbrückbar. 1002 tvar Eduard Bernstein von den Breslauer Sozialdemokraten in den Reichstag getvählt worden und bis 1012 bat ihm die dortige Parteiorganisation die Treue bewahrt. Er hat sich in seiner parlamentarischen Tätigkeit vornehmlich den Fragen der Steuer- und Handelspolitik gewidmet, ist aber auch mehrfach als Redner zum auswärtigen Etat hervorgctreten. Neben seiner parlamentarischen und agitatorischen Tätigkeit pflegte er jetzt mit Eifer die ökonomische Wissenschaft und gab, zur Entwicklung und Vertretung seiner Anschauungen, fünf Jahre hindurch eine Monatsschrift „Tokuinente des Sozialismus. Hefte für Geschichte/Urkunden und Biblio graphie des Sozialismus" heraus. Bemerkenswert sind vor allem seine werttheoretischen Arbeiten: er'lehnt'die einseitige Anerkennung einer Toktrin. also auch der Marrschen, ab und kommt zu dem Schluß, daß keine der Werttheorienan «ich falsch sei, vielmehr erst falsch iverde durckz den Anspruch, der von ihr bezeichnete Wertfaktor sei der allein maßgebende. In seiner Wandlung vom Marx-Gläubigen zum Sozialreformer liegt cs begründet, daß er zu Lassalle in ein positiveres Verhältnis kam, wovon seine 1001 erschienene Arbeit „Ferdinand Lassalle und seine Bedeutung für die Arbeiterklasse" Zeugnis ablegt. Neben zahlreichen wissenschaftlichen und program-