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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1930-01-01 · 1 (1.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
6 (1930)
Issue
1 (1.1930)
Date
1930-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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s Gemem-eblatt der Mraelitischen Religionsgemeinde Dresden <«iiitiiiBMmmmntiiiiiiiiiimimtiiiiiMHniiHinimt<*> Amtliches Organ des Gemeindevorftanhes -A!»»!»«i!»ii»l!!»ii!i!>ll»i»iili»l>i»!ii!liil!»i!ili»s> Mitteilungsblatt des SüWschen iiraelittikben Gemeindeverbanbes Vnantwortl.Schnstlritung: Bürodlrettoi L-Ploemachrr. Dresden-Verlag: Israelitische Religionsgemeindr Dr sden-Druck: Kaden LLomp.Dresdcn.A. Alleinige Annahmestelle für Inserate: Iac. Eternlicht. Zeugdausstraße 3,1. Telephon 14051 Diz 29-mm-SRo ipareillejeile kostet 30 ^ßf., lausend Rabatt 6. Jahrgang Dresden, Januar 1930 Nummer 1 Inhaltsverzeichnis: Aus den Spuren de« alten Gettos / Heinrich Loewe: Zur Geschichte derJudensietl -Jüdische Frauenskizzen / Franz Rosenzweig / Else Schubert-Ehrisialler: DaS Gut Ludwig Lewisohn: Da; in Dresden / Martin Buber: Greif nach der Welt. Habima ' Joseph Maier: Martin Slurmann! Genu > ung in Paiaillna; wenn lonoi-Wirau»: Erbe im Blut I Dr. Leo ssantl: Habima l nde ratSproiokol^Ainiliche^Bereine Aul öen Spuren -es allen Helios In unserer Zeit, einer Zeit der Umwälzung gcjelljctiast licher und religiöser Bedingungen, verschivinden die letzten europäischen (ssettos. Sie iverden erstickt von der iinmer iiicJpr Platz greifenden Zivilisation der Großstädte. Tie jnnße jüdische Generation verlässt sie, da sie längst des Lebens in den engen, dninpsen ^tzästchen, den schinalen, dunklen Stübchen überdrüssig ist. Alle schreie» jetzt nach einer breiten, lustigen Welt. Es ist deshalb fidjcrlidi interessant, noch einmal die Geschichte der europäischen Gettos, die zum Untergang ver urteilt sind, an uns vorüberziehen z» lassen. Tas Wort „Getto" und der damit bcrbnndene Begriff ist nicht, wiegst irrtümlicherweise angenommen wird, hebräisäist. sondern italienischen Ursprungs. , Tas erste Getto wurde im Jahre l.'Uii ans dem noch heute so benannten Stadtviertel „Gindecca" iu Venedig erbaut. Es unterscheidet sich aber durchaus von den späteren Gettos, da cs damals das Viertel der vornehmsten Paläste und elegante« sten Strasien darstellte. Ter Verkehr zwischen den dort ansässigen Juden und der italienischen Aristokratie war überaus lebhaft und srenndschastlich. Es rvar n>. a. damals Sitte, das; ein großer Teil der christlichen Jugend bei jüdischen Lehrer» Unterricht nahin. Tiefer Umstand wurde nach Verlaus von inehreren Jahren der Zreil-eit des jüdischen Gettos zum Ver hängnis. Tenn die Furcht, die jüdiistieii Lehrer könnten ihren Einfluß auf die Ehristenkinder in religiöser Hinsicht ansüben, rief eine strenge — bei Ueberschreitung strafbare - Scheidung zwischen Getto und den christlichen Stadtteilen hervor, die sich mit der Zeit aus beide Volksteile übertrug, Aber noch beute kann man in Venedig verschiedene prächtige Göbändc sehen, in denen Inden gewohnt haben. Tas röinische Getto, das Papst Paul IV. im Jahre 15.'><; errichten liest, trug schon alle bösen Anzeichen einer gewaltsamen Absperrung von der übrigen Welt in sich. In ganz engen Gästchen und Wohnungen loareu Menschenmassen zusammcngepscrcht. Tie Bewohner des Gettos liatten die Erlaubnis, den ganzen Tag in den christlichen Stadtteilen ihren Geschäften nachzugehen. Mit Untergang der Svnne aber ivar es jedem Juden bei Prügelstrafe verboten, sich austerhalb der Grenzen des Gettos zu zeigen. Im >Inneren des (Gettos, gegenüber der Synagoge, erbauten die, Römer, die von dein Verlangen getrieben waren, die Juden,zu ihrem Glauben zu bekehren, eine Kirche, über deren Portal! — in goldene» Buchstaben ausgeführt — folgender Sab aus „Jesaia" zu lesen war: „Lange habe ich dich gerufen, ungläubiges Volk, aber du hast die Hand, die ich dir zur Hilfe bot. von dir gewiesen." Kein Jude betrat die Kirche, so lange/bis sic von Soldaten mit Gewalt zu den Predigten der Pfarrer geschleppt wurden. Mit Wachs aber verstopfte der Jude seist Ohr. um nichts von den Reden des Priesters zu hören. Vor zehn Jahren begann man dieses Getto zu zerstören. Jetzt sieht man nur noch einzelne Gemäuer, Zeugen der Leiden vergangener Zeiten. Tas berühinte Amsterdamer (<ktti'> in dessen Mauern der graste pautheistische Plnwoph Barnch Spinoza bis zu seiner Verbaunnng lebte, wo R e mwra n d t- Motive und Modelle für seine Jndenb ldcft suchte lind fand, besteht »och heute, ist jedem bekannt. Weniger aber weist niai davon, dast es in Paris alte ver borgene Gettowinkel gibt. .Hat man die Rne Ville du Teniplc und Rne Rozier passiert, io befindet mau sich im Mittelpunkte des jüdischen Viertels und jüdischer Bevölkerung. Um einen Platz, der von „kosciieren" :l eslaurauts und jüdischen Schildern ttsiininelt, schlängeln sich w rr die engverschlnngenen dunkle» Gästchen. Tics ist der ärmere Teil. Es gibt auch noch den der Reichen^ der mit allem modernen Lnrns ansgestattet ist. Auch hior siebt man oft ein kleines .Hä»-rchen-mit den typijäie» kleinen Zensterchen. Abends spazieren gravitätisch jüdische Männer durch die l^iisen. angetan mit ihren langenSpenzern. Zrauen stellen vor den Häufen und ergötze» sich an dem beliebten .silatich. ' Immer kleiner usird in der letzten Zeit der Unterschied zwischen Paris und Berliit. (Rinz verschwindet er vor dem Auge dessen, der das Berliner ('Vtto betritt. . Zarin!ich nach im strömenden Licht mit) dem brennenden Verkehr des Aleranderplatzes steckend, taucht man schon nach zwei Minuten langem Gang in einer dnnklen (legend unter, in einem finsteren Gästclien, in die traurige Atmosphäre der Grenadier straste. Es scheint, als ob in dieser Gaise die tobende Lebendig feit Berlins abgestorben wäre! Ringsum lauert eine tiefe Stille. Tie .Häusclie», verwahrlost und rimk'i* wie sic sind, kleben förmlich aneinander? Tie Hase sind unbeleuchtet. In ihren geheimnisvollen Tiefen verbergen sich dicht aneinander gedrängt kleine enge Wohnungen. In denselben aber regt sich sehr lebendig der Geschäftsgeist vor Insassen. Es gibt dort ein Warenlager neben dein anderen, besonders Bücher stände ivachscn täglich von ucnein wie die Pilze ans dem Boden hervor, ein Zeichen für die ewige Lernbegier dieses Volkes. Man sieht viele Synagogen, Restaurants lind Cafes mit ihren Schildern von spezifisch jüdischem Charakter. An den Menschen, die man dort sieht, npirkt man nichts vom Einflnsse Berlins, sie tragen noch alle den typischen osljüdischeu Stempel. Wenn man ihre melodiöse Sprache hört, ist's, als ob inan sich im tiefsten Galizien oder Polen befände. Ans den Straßen, in denen sich eist Teil des Handels abspielt, herrscht eine ruhige Gelassenheit, ein starker .Kontrast zuin bunten und kochenden Treiben Berlins. Rur hie und da er hebt sich irgendwo aus einem Plätzchen ein kleiner Lärm, um bald wieder in die vorige Tunipfheit und Ruhe zu versinken. In einem Teile Hambutgs, von der Bevölkerung „Jndcn burg" genannt, befindet sich das .Hamburger jüdische (Rtto. / Die Elbstraße bildet das Zentrum desselben, das zu den am meisten typischen gehört. Längs der Brücke sind eine Menge Verkaufsstände aufgebaut, von denen bekannt ist. dast sic sehr viele „Gelegenheitskänie" biete». Inden mit langen Bärten.

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