Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 12 (12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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/ Nr. 12 Gemeindeblatt der Israelitischen Religion-gemein re Dresden Seite 7 wie sich seine Frau, an der Grenze des Alters, leichtsertig und würdelos benimmt, irr selber stört mir. er bekommt kaum ein srenndliches Wort zu hören, was er sagt, ist in jedem Falle lächerlich, und doch nimmt man alles von ihm, und doch ermöglicht allein er und sein Geld ihnen diese Sorglosigkeit. „Ten ganzen Tag schnste ich für sie, sitze vierzehn Stunden im (tontor genau so wie sriibcr mit dem Mustcrkofser auf der Bahn ... mir um Geld für sie zu schassen, Weib, Geld, damit sic schöne .(tleider haben und reich werden ../und abends,,wenn ich heimkonime, müde, zerschlagen, da sind sie sort: im Theater, ans Bällen, in Gesellschaft ... ivas weih ich denn von ihnen, ivas sie treiben den ganzen Tag?" (fr schleicht wie ein geprügelter Hund in sein'Zimmer. die beiden unten tanzen, ihr Gelächter drinat zu ihm hinauf, (fr bekommt einen Ansall,- windet sich im Schmerz, er ist ganz allein, niemand kümmert sich um ibn. (fr bleibt bald bewusztlos liegen, und unten tändeln seine Geschöpfe. Als er erwacht, spürt er nichts mehr in sich, eine beänastigende Apatbie hat ihn ersaht. „Und mit einemmal tvar ihm, als ob er schon gestorben wäre, so grauenhaft stumm stockte sein Blut." Der alte Mann redet nicht, beklaat sich nicht, (fr packt seine Sachen und reist allein heim, (fine seltsame Beränderung vollzieht sich mit^ ihm. Tonst ein Muster von Fleisz, geht er kaum poch in sein Geschäft, er macht lange Spaziergänge durch die Stadt, rödet mit sich selbst, kommt herunter, denn niemand sorgt sich um ihn. auch dann nicht, da die Seinen längst wieder daheim sind, (fr ist abgerissen, scheut sich, die Haustüre zu betreten, und zieht den" Tienerausgang vor, um Fra» und Tochter mit deren Bekannten nicht zu begegnen, (fr wohnt in einem kleinen Hinterziiiimer, wohin man ihm das Eisen bringt. Nur sein Hund weilt noch zuweilen bei ihm. Sv lebt er dahin, s ein Herz ist »ntergcgangen, er ist ein Leichnam. „Das Seltsamste und für die ganze Stadt Berwiinderlichste war: der alte Mann, der nie zu den Gläubigen der Gemeinde gehört hatte, begann mit einemmal fromm zu werden. Gleichgültig sonst gegen alles und bei Tisch uizd Berabredung immer unpünktlich, versäumt er doch niemals, zu gebotener Stunde ii, den Tempel zu gehen." Fn seinem leeren Hirn glomm ei» Funke ans: er erinnert sich seines Fiidentnins, er flüchtet zurück in den Hafen der Fröniinigkeit. um sich noch einmal an etwas Lebensinertes zu klammern. Sein beiden schreitet fort, eine Lpcration Ivird notwendig, er weigert sich nicht. Er wein, das; er sterben muß. „Wurden aber Tötengebete gelesen. und er sah die Berwandten, die .(linder, die Freunde eines Abgeschiedenen in ergriffen geübter Pflicht ... daun wurden ihm manchmal dik Augen trüber: er'war der Letzte, er wuhte es. Niemand würde für ihn ei» Gebet spkechen." Er verteilt alles Geld, das er bei sich trägt, unter die Armen, „llud so. ganz arm. ganz ansgeleert und allein trat der alte Mann unter das Messer." llnd stirbt. Es ist ein jüdisches, es ist! das jüdische Schicksal, das Zweig hier zeichnet. Wo fiui > jeigals ergreifendere Worte hierfür gefunden worden! Tic Trggik des Fndcn, des lächerlichen .Händlers, des bochgeko nmeifen, aber dockt nock unendlich lief unter einer nichtjüdi chen ' Turchschnittseriflenz stehenden verbrauchten und verarbeiteten Mensche»! hier in sie uuvergchlich gestaltet! Grausam in dies« Novelle in ihrer Realität, aber doch liebend. .Wer so das "jüdische Schicksal zu sehen vermag und so ciuzudringen wein in die jüdisckie. Psyche — und sei es ai ch die Psyche eines Degenerierten und («läglichc» . der hat mit seinem Herzblut geschrieben, und < sein Tiefstes in das so Geschriebene gegossen. Aber noch einmal hat Stefan Zwcng etwas io Füdifches geschaffen. Das ist du Legende: „Rahel! recktet mit Gott"". Wie dort die jüdische Gegenwart, so wird hier die jüdische Bcrgangcnheit dichter!'ch geschaut: das Bol.k zu Fernfalem lwt sich wider Gott erhoben, und er grollt feinem Bolle. Furchtbar ist sein Zorn: „Es flohen die Ströme davon und beugten sich die Meere, es! wankten die Berge Trunkenen gleich und sanken die Felsen! ins .Unic." "Niemand vermochte Gott zn besänftigen, ui d die Fürbitten dcir Erzväter, die anistanden, Gott anzuflehen. hatten kein Gewicht. Ta bittet Rahel, die Erzmutter, für Pas Bolk. Sie fleht den Herrn an. zu verzeihen,-und erinnert ihn an Ihr eigenes Geschick, wie sie Fakob geliebt Iiat, und wie Laban, der barte Batet. nach siebenjähriger, mit llngediild getragene^ Wartezeit statt ihrer Lea, die ältere Schwester, an den Geliebten verheiratete, Fhr Herz wäre schier s» Zorn niG Rachsucht gebrochen, »nd doch hätte sie sich bezivnngeN und der unglücktickeu Lea ge- Holsen. Sie selbst hätte Fgkob die Schwester zugeführt und ihn dnrch eine List glönben gemacht, er »marine Rabcl, die sieben Fahre erhoffte Braus, Rubel beschwört Gott. zu ver> zeihen, wie sie selbst verziehen batte, lkuh ob dieser Milde Rubels wird aus dem Gott per Gerechtigkeit wieder der Gott der Liebe, und er verzeiht dem sündigen Bolk. Fn dieser Legende hat Zweig die Sprachmelodie der Bibel mit unerreichter Meisterschaft getroffen. Er Kiwitt in grau di ose» Bisionen die, biblische Landschaft und ihren Mensche», in einem überaus natürlichen und flüssigen Gebilde. Tie Legende ist jüdisch im! schönsten Sin», sie wirkt so eckit. als wäre sie einem Buche des Alten Bundes entnommen. Wir dürfen also dir obejn gestellte Fjtage restlos bejahen, Stefan Zweig in ein jüdischer Tickte r. Wer jüdische Menschen mit solch einer Treu« zeichnet, der »n»z selber ein jüdischer Mensch feip. nicht nur der Herkunft nach, sondern auch nach seiner geistigen Srienliernna und nach der Art. die Tinge so zu sehen, wie sie eben nur der Fnde zu sehen vermag. * 'sn Buchform bisher nicht erschienen. Zu finde» in der, „Neuen Nundschru", «, Fischer Verlag, Berlin, Märzheft - tS27. Weil sie immer guf ist. ■II KORSO «II ZIG A RETTE